Der goldne Topf
5. Vigilie
Zusammenfassung
Der Konrektor Paulmann ist ratlos. Er glaubt, dass seine Ermahnungen wirkungslos seien und aus Anselmus trotz seines Studiums nichts werde. Der Registrator ist hingegen zuversichtlich und sieht in Anselmus viel Potenzial. Auch der Archivarius sei sehr zufrieden mit ihm. Geheimnistuerisch, als wüsste er mehr, lässt der Registrator das Thema fallen und verabschiedet sich. Der Konrektor bleibt verwirrt zurück. Veronika fühlt sich in ihrem Bild von Anselmus bestätigt. Sie wusste schon immer, dass er zu Großem fähig sei. Sie fragt sich, ob er Interesse an ihr habe und denkt über ihren gemeinsamen Abend nach. Veronika träumt von einer gemeinsamen Zukunft mit Anselmus, in der sie eine elegante und angesehene Frau Hofrätin ist. Entzückt von dieser Vorstellung, spricht sie laut, was ihrem Vater gar nicht gefällt.
Überraschend erscheint Anselmus im Zimmer. Er wirkt deutlich verändert und selbstbewusster. Er berichtet von seiner wichtigen Arbeit beim Archivarius, küsst Veronika elegant die Hand und verabschiedet sich auch schon wieder. Der Konrektor ist noch verwirrter. Veronika sieht in ihm aber schon den zukünftigen Hofrat und versinkt wieder in ihren Schwärmereien. Doch dann vernimmt sie eine Stimme, die ihre Träume zunichtemacht. Ein Schauer überkommt sie und sie ruft ihr Unglück laut aus. Der Konrektor verlässt zornig das Zimmer.
Veronika ärgert sich über ihren Ausbruch, wo doch ihre kleine Schwester anwesend ist. Rasch macht sie sich daran, das Zimmer aufzuräumen, doch hinter jeder Ecke sieht sie eine Spukgestalt mit riesiger Nase und Spinnenfingern. Diese lacht höhnisch und redet Veronika ein, dass Anselmus niemals ihr Mann werden würde. Verängstigt fragt Veronika ihre Schwester, ob sie die Gestalt auch sehen könne. Fränzchen bleibt ruhig, erkundigt sich was los sei und will Veronika helfen.
Als ihre Freundinnen eintreffen, bemerkt Veronika, dass sie sich die Spukgestalt nur eingebildet hat. Dennoch kann sie ihren Schreck nicht verbergen. Als die Freundinnen sie darauf ansprechen, erzählt Veronika von ihren gespenstischen Erscheinungen. Die Freundinnen fürchten sich ebenfalls. Aber als Fränzchen den Kaffee hereinbringt, können sie wieder lachen. Eine von ihnen, Angelika, ist mit einem Offizier verlobt. Obwohl Nachrichten von ihm ausbleiben, hält sie an dem Glauben fest, dass er zu verwundet sei, um zu schreiben, aber bald nach Hause kommen werde und eine Auszeichnung für seine Heldentaten erhalte. Auf Veronikas Nachfrage, wie sie sich so sicher sein könne, gesteht Angelika, dass sie ebenfalls sonderbare Erlebnisse in ihrem Leben gehabt habe und daran glaube, dass einige Menschen mehr sehen könnten als andere. Sie berichtet von einer alten Frau mit hellseherischen Fähigkeiten, die Rauerin. Sie habe ihr eben jene Prophezeiung über ihren Verlobten dargelegt.
Veronika ist fest entschlossen, die Rauerin nach Anselmus zu befragen. Unter dem Vorwand, die Freundinnen nach Hause zu begleiten, sucht sie sie noch am selben Abend auf. Aufgewühlt kommt sie an dem kleinen Haus an. Ein Kater führt sie durch den dunklen Flur in eine Stube. Veronika erschrickt über die hexenhafte Gestalt, die dort in schwarze Lumpen gehüllt auf sie wartet und sie ins Zimmer zieht. Alles darin scheint sich zu bewegen und Geräusche zu machen. Als die Alte Ruhe verlangt, wird es still und weniger unheimlich. Veronika sieht sich um. Allerlei wirres Zeug, Gerätschaften, ausgestopfte Tiere und ein blaues Feuer entdeckt sie. Plötzlich flattern Fledermäuse mit Menschengesichtern über sie hinweg und Veronika ist von Angst und Schrecken erfüllt. Die Rauerin löscht das Feuer. Alles wird dunkel. Als sie mit einer kleinen Leuchte zurückkommt, befinden sie sich in einer gewöhnlichen Stube.
Die Rauerin weiß bereits, warum Veronika bei ihr ist. Sie sei die Spukgestalt gewesen, vor der Veronika bei sich zu Hause erschrocken war. Sie rät dem Mädchen, von Anselmus abzulassen. Er sei ein garstiger Mensch. Er habe ihren Söhnen, den Äpfeln, ins Gesicht getreten und die Brandflecke auf ihrer Nase verschuldet. Er werde die grüne Schlange heiraten, die er so liebt und niemals Hofrat werden, sondern sich stattdessen bei den Salamandern anstellen lassen. Veronika bleibt bei dieser Einschätzung gefasst und hält nichts auf die Worte der Alten.
Sie will gehen, doch da fällt die Rauerin weinend zu Boden und hält sich an Veronikas Rock fest. Sie behauptet Liese, Veronikas ehemalige Wärterin, zu sein. Ihr Aussehen verändert sich. Statt des bunten Tuchs trägt sie nun eine Haube auf dem Kopf. Auch ihr Gewand ist ein anderes. Veronika erkennt ihre alte Wärterin, die vor Jahren aus dem Haus verschwand. Die Alte nimmt Veronika in den Arm und erklärt ihr, dass Anselmus’ Taten nur daher stammen würden, dass er beim Archivarius Lindhorst, ihrem größten Feind, angestellt sei. Sie erkennt Veronikas Liebe und will ihr helfen, Anselmus zu heiraten. Als Veronika sie unterbrechen will, fällt die Alte ihr ins Wort. Sie behauptet keine Wahl gehabt zu haben; sie musste zu dem werden, was sie nun ist. Sie weiß, wie sie Anselmus von der Schlange zu Veronika bringen kann, ist dafür aber auf Veronikas Hilfe angewiesen. Veronika ist zu allem bereit. So soll sie Liese in der Nacht der Tag-und-Nacht-Gleiche aufsuchen. Gemeinsam werden sie den Plan ausführen, doch alles Wunderliche darf Veronika nicht abschrecken. Veronika macht sich auf den Heimweg und ist fest entschlossen, Anselmus zu retten.
Analyse
Mit der 5. Vigilie wird die Chronologie des Märchens unterbrochen. Inhaltlich findet diese erst nach der 6. Vigilie statt. Anzeichen sind Anselmus’ Erscheinen, nachdem er bereits mehrere Tage beim Archivarius Lindhorst gearbeitet hat, sowie die Brandnarben der Alten.
In den Spekulationen um Anselmus’ Zukunft zeigt sich die hochnäsige und spießbürgerliche Art des Konrektors im Kontrast zu der zuversichtlichen des Registrators. Außerdem wird die Verbindung zwischen dem Archivarius und dem Registrator deutlich, da sich der Archivarius bei ihm positiv über Anselmus ausspricht. Obwohl sowohl der Konrektor Paulmann als auch der Registrator Heerbrand strenge Vertreter der bürgerlichen Welt sind, zeigt sich der Registrator offener für Sonderbares. Er gibt sich gar geheimnistuerisch, was dem Konrektor zuwider ist.
Auch Veronika vertritt die bürgerlichen Tugenden. Die Aussicht, dass Anselmus Hofrat werden könnte, verwandelt ihre bisher leichte Schwärmerei in ausgewachsene Tagträume. Mit dem Rang der Hofrätin würde Veronika eine angesehene Stellung in der Gesellschaft erreichen, die ihr (zu dieser Zeit) nur durch eine günstige Heirat möglich ist. In ihren Visionen benennt sie die Personen, ebenfalls Frauen, die einen hohen Rang innehaben, mit Buchstaben: »[d]ie Geheime Rätin Ypsilon« und »Präsidentin Tz.« (37) Das unterstützt nicht nur den Traumcharakter, sondern auch die Ironie.
Veronikas Sichtweise dominiert die Erzählperspektive in dieser Vigilie. Anselmus’ Auftritt wird demnach auch aus ihrem Blickwinkel beschrieben: »[...] zu Veronikas Schreck und Erstaunen, denn in der Tat war er ganz in seinem Wesen verändert. Mit einer gewissen Bestimmtheit, die ihm sonst gar nicht eigen, sprach er von ganz andern Tendenzen seines Lebens« (38). Bei diesem Zitat wird spürbar, dass die Arbeit beim Archivarius Lindhorst Anselmus verändert. Er wirkt nicht mehr wie der unsichere Tollpatsch, sondern tritt selbstbewusst auf. Gleichzeitig ist zu berücksichtigen, dass es sich um Veronikas Wahrnehmung handelt, die in Anselmus bereits den Hofrat sieht. Doch auch ihr Vater scheint die Veränderung wahrzunehmen.
Veronikas Hang zu Träumereien entfernt sie vom Rationalen und ermöglicht ihr den Zugang zum Mystischen. Allerdings kommt sie mit dessen dunkler Seite in Kontakt, als sie die Stimme und Gestalt der Alten wahrnimmt. Ihr Entsetzen darüber steht im Kontrast zur Reaktion ihrer jüngeren Schwester Fränzchen. Diese kann Veronikas Empfinden und Wahrnehmungen nicht teilen. Stattdessen verhält sie sich durch und durch tugendhaft, wie es sich für ein junges Mädchen der damaligen Zeit gehörte. Fränzchen ist gewissenhaft, geht ihren Arbeiten nach und versucht, das Chaos, das Veronika verursacht, in Schach zu halten: »Was ist dir denn heute Schwester? Du wirfst ja alles durcheinander, dass es klippert und klappert, ich muss dir nur helfen.« (39)
Veronikas Freundin Angelika teilt allerdings den Glauben an Übernatürliches. Sie fungiert als Vermittlerin zwischen Veronika und der Alten und nimmt dabei eine ähnliche Position wie der Registrator Heerbrand für Anselmus ein. Angelikas Vertrauen auf die Alte beruht in deren Praktiken. Sie beschreibt, dass die Alte die Vorhersagen aus einem Metallspiegel gewinnt, eine Vorwegnahme für den Spiegel, den Veronika erhalten wird. Weiterhin wird das Haus der Rauerin als entlegen beschrieben, gleich dem des Archivarius, was deren Gegenspielerfunktion stützt.
Trotz Bedenken und »eines gewissen unheimlichen Gefühls« (42) sucht Veronika die Rauerin auf. Gleich dem Haus des Archivarius entsprechen die Wohnverhältnisse der Rauerin nicht denen des üblichen Bürgertums. Allerdings ist die Einrichtung nicht nur sonderbar, sondern grauenerregend, was den Kontrast zwischen Gut und Böse hervorhebt. Eine umfangreiche Beschreibung vom hexengleichen Äußeren der Rauerin bis hin zu deren Tieren und sich überlagernden Geräuschen folgt. Mit einem Zauber der Alten verwandelt sich die Behausung jedoch in eine gewöhnliche Stube und bringt die Frage nach Illusion und Wirklichkeit auf. Die Rauerin ist dennoch eindeutig eine Figur der mystischen Welt. Ihr Kommentar zu ihren Söhnen, den Äpfeln (vgl. 44), entlarvt sie als das alte Apfelweib, die Brandflecken auf ihrer Narbe als ihre Erscheinung als Türklopfer.
Veronika beweist Stärke, indem sie der Alten ihre Meinung sagt. Als diese jedoch merkt, dass sie ihre Komplizen mit ihren Äußerungen zu verlieren droht, ändert sie ihre Strategie und gibt sich als Veronikas Wärterin Liese aus. Mit dieser emotionalen Manipulation gewinnt sie Veronikas Vertrauen. Obwohl sie verspricht, dem Mädchen zu helfen, ist das eigentliche Ziel der Alten, ihrem Feind Archivarius Lindhorst eins auszuwischen. Wenn Anselmus Serpentina nicht heiratet, verlängert sich das auf einem Fluch basierende menschliche Dasein des Archivarius. Ihre Ebenbürtigkeit drückt die Alte mit »Er ist der weise Mann, aber ich bin die weise Frau« (45) aus.
Veronika geht einen Pakt mit der Alten ein, um Anselmus’ Gunst zu gewinnen: »Sage es nur gerade heraus, Liese! ich will ja alles tun, denn ich liebe den Anselmus sehr!« (45) Gleich Serpentina will sie Anselmus für sich gewinnen, lässt sich aber mit den bösen Mächten ein und verhält sich damit als die eigentliche Schlange. (Fellenberg und Küster, 48) Ihre Motive sind jedoch nicht böser Natur. Sie glaubt, Anselmus aus bösen Mächten befreien zu müssen, wobei sie sich selbst in diese begibt. Der vereinbarte Termin zur Tag-und Nacht-Gleiche unterstützt das Märchenhafte.