Der goldne Topf
12. Vigilie
Zusammenfassung
Dem Erzähler fällt es schwer, das Werk zu Ende zu bringen. Womöglich ist er selbst von bösen Geistern befallen. Er scheitert daran, Anselmus’ tiefe Zufriedenheit auszudrücken, der nun mit Serpentina in dem sagenumwobenen Land Atlantis auf einem Rittergut wohnt – das Land, nach dem er sich gesehnt hat. Der Erzähler erhält unerwartet einen Brief vom Archivarius Lindhorst. Dieser will ihm beim Schreiben des Schlusses behilflich sein. Obwohl es den Archivarius stört, dass bereits so viel von ihm preisgegeben wurde, war auch viel Gutes dabei. Er lädt den Erzähler zu sich nach Hause ein. In seinem Palmbaumzimmer stünde alles bereit. Dann könne der Erzähler beschreiben, was er gesehen und nicht nur was er gehört habe.
Der Erzähler ist froh über die Reaktion des Archivarius auf seine Berichte. Woher er selbst diese kennt, darf er nicht preisgeben. Vielleicht erhofft sich der Archivarius von der Erzählung, auch seine anderen beiden Töchter zu vermählen. Der Erzähler macht sich auf zum Haus des Archivarius und wird dort in das blaue Zimmer geführt. Der Archivarius Lindhorst überreicht ihm einen goldenen Pokal mit einer darin brennenden blauen Flamme. Dies sei das Lieblingsgetränk eines Freundes, des Kapellmeisters Johannes Kreisler. Der Archivarius Lindhorst will, während der Erzähler schreibt, in dem Pokal auf- und niedersteigen. Etwas verwirrt stimmt der Erzähler zu. Der Archivarius verschwindet in dem Pokal. Der Erzähler trinkt davon. Es schmeckt köstlich.
Der Raum verändert sich. Blätter rascheln, Düfte breiten sich aus und die Umrisse lösen sich auf. Der Erzähler erblickt Anselmus auf einem Hain. Die ganze Natur jubelt ihm zu. Doch Anselmus' Blick richtet sich auf einen Tempel. Er schreitet darauf zu, wissend, dass Serpentina nicht mehr fern ist. Die wunderschöne Serpentina tritt heraus. Sie trägt den goldenen Topf, aus dem eine Lilie wächst. Anselmus und Serpentina umarmen sich leidenschaftlich. Die ganze Natur jauchzt auf, leuchtet, funkelt und duftet. Die Elementargeister huldigen der Lilie und verkünden Anselmus’ Glück. Anselmus stellt fest, dass ihm der Glauben und seine Liebe zu Serpentina die Natur und den Einklang aller Wesen erschlossen und ihn zu höchstem Glück geführt haben.
Der Erzähler freut sich über den Einblick in Anselmus’ Leben, den er nur dank des Archivarius niederschreiben konnte. Doch es löst auch Selbstmitleid und Jammer in ihm aus, da er nun in seinen trüben Alltag zurückkehren muss, wo Anselmus ein solches Leben führt. Der Archivarius Lindhorst tippt ihm auf die Schulter und fragt, ob der Erzähler nicht eben selbst in Atlantis gewesen sei. Er stellt die schlussendliche These auf, dass die Poesie alle Wesen zu diesem harmonischen Einklang führen könne.
Analyse
Die 12. Vigilie hat eine Sonderstellung im Werk inne. Der Erzähler spricht ein viertes Mal die Leserschaft an und stellt seine persönliche Situation als Ich-Erzähler dar. Dies hat mehrere Funktionen: Zunächst kommt es zu einer Unterbrechung der Illusion. Der Leser wird aus den Geschehnissen der Figuren herausgerissen und in die Welt des Erzählers gebracht. Der Erzähler reflektiert seinen Schreibprozess, wodurch das Erzählen selbst, ganz im Sinne der Romantik, in den Vordergrund der Handlung gerückt wird. Auffallend sind die Parallelen zwischen Erzähler und Anselmus. Er befindet sich in einer melancholisch trübseligen Lage, vergleichbar mit der von Anselmus in der 4. Vigilie.
Die Aussage »als hielten mir recht tückische Geister (es mochten wohl Verwandte - vielleicht Cousin germains der getöteten Hexe sein) ein glänzend poliertes Metall vor, in dem ich mein Ich erblickte, blass, übernächtigt und melancholisch, wie der Registrator Heerbrand nach dem Punsch-Rausch« (96) spielt auf mehrere Situationen im Märchen an. Da ist zum Einen der Bezug zur Hexe und ihrem Kater, der von Veronika in der 9. Vigilie als deren Cousin beschrieben wird. Der Metallspiegel als Symbol des bösen Zaubers wird angesprochen, aber auch die Punsch-Nacht aus der 9. und der Zustand des Registrators zu Beginn der 11. Vigilie. Die Ansprache des Erzählers dient demnach als Zusammenfassung und Rückblick parallel zu Anselmus’ Entwicklung. Da der Erzähler seinen Schreibprozess schildert, kann dieser auch auf den Interpretationsansatz: Anselmus auf dem Weg zum Poeten, bezogen werden.
Eine Rückkehr zur Illusion wird durch den Brief des Archivarius Lindhorst erzeugt. Es kommt zu einer Vermischung von Fiktion und Realität, in der eine der Figuren selbst in das Geschehen eingreift und damit ihre Authentizität bekräftigt wird. Die überaus förmliche Anrede des Archivarius sowie seine Pikiertheit über die Offenbarung seiner Herkunft dienen der Ironie. Die in Klammern gesetzte Aussage »ich wünschte, ich wäre die beiden übrigen [Töchter] auch schon los« (97) unterstützt die Annahme, dass der Archivarius mit der Veröffentlichung der Erzählung die Rückkehr nach Atlantis beschleunigen will. Sein Anliegen dringt in die reale Welt des Lesers ein.
Genau wie Anselmus begibt sich der Erzähler in das blaue Palmbaumzimmer und erhält Zugang zur mystischen Welt. Die Parallelen werden fortgeführt. Wieder dient Arrak dazu, das Bewusstsein zu erweitern; doch diesmal in Maßen, sodass es nicht zur Eskalation, sondern zur Dichtung kommt. (Varga, 88) Der genannte Kapellmeister Johannes Kreisler ist ebenfalls eine fiktive Figur von E.T.A. Hoffmann. Mit ihrer Nennung als Freund werden die Grenzen zwischen Fiktion und Realität nicht nur in Bezug auf den »goldnen Topf«, sondern auch darüber hinaus verwischt. Schließlich geht es um die Durchdringung von Leben und Poesie, wie es der Archivarius zum Schluss empfiehlt: »Ist denn überhaupt des Anselmus Seligkeit etwas anderes als das Leben in der Poesie« (102). Wie bei Anselmus mit der Geschichte des Salamanders ist das Ende der Erzählung wie von selbst fertiggestellt. Der Erzähler ist seiner Eingebung gefolgt, nicht der rationalen Planung. (Varga, 87)
Anselmus hat sich von den Begrenzungen der alltäglichen Welt befreit. Das paradiesische Atlantis wird mithilfe zahlreicher Stilmittel anschaulich beschrieben. Wiederholungen, Personifizierungen, Klangbeschreibungen, Synästhesien und Alliterationen sowie die häufig auftretende Rede von Liebe verdeutlichen die Vollkommenheit der Natur und intensivieren die Sinneswahrnehmung: »Die goldnen Strahlen brennen in glühenden Tönen: wir sind Feuer von der Liebe entzündet.« (99) Serpentina begegnet Anselmus mit der rhetorischen Frage: »Ach, Geliebter! [...] gibt es denn eine Seligkeit, die der unsrigen gleicht?« (100) Anselmus und Serpentina erleben die höchste Form von Glück, die Vollkommenheit, die mit der erblühten Lilie im goldenen Topf besiegelt wird. Anselmus ist mit der Natur vereint. Er lebt in der Poesie.
Doch dem Erzähler bleibt dies verwehrt. Daraus lässt sich schließen, dass Anselmus’ Ende keine allgemeingültige Lösung ist, sondern mehr das Ideal, die vom gewöhnlichen Menschen (am Beispiel des Erzählers) angestrebte, unerreichbare Utopie. Der kurze Ausflug in das Reich Atlantis gleicht dem »Versuch, Unvereinbares zu vereinen: Poesie und Alltag, Kunst und Bürgertum, Körper und Geist, Materie und Imagination, Rausch und Mäßigung.« (Varga, 88)