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Der goldne Topf

2. Vigilie

Zusammenfassung

Eine Passantin beobachtet Anselmus, der, von einer tiefen Sehnsucht ergriffen, den Holunderbusch schüttelt, um die Schlangen zurückzuholen. Das bleibt aber ohne Erfolg. Die Frau hält ihn für verrückt. Ihre Worte bringen Anselmus zurück in die Gegenwart. Entsetzt über sein Verhalten will er davon eilen. Dabei verliert er seinen Tabak, den der Mann der Passantin Anselmus zurückgibt und ihm dabei rät, seinen Rausch auszuschlafen. Anselmus ist die Situation entsetzlich peinlich. Der Mann zeigt Verständnis, doch bittet er darum, sich etwas von Anselmus’ Tabak nehmen zu dürfen. Einige Mädchen kommen hinzu und tuscheln. Kaum hat Anselmus seine Habseligkeiten zurück, eilt er davon. Er vergisst, was er eben gesehen hat und glaubt, Selbstgespräche geführt zu haben, wofür er sich verachtet.

Anselmus wird von seinem Freund, dem Konrektor Paulmann, gerufen. Dieser ist gerade dabei, mit seinen beiden Töchtern und dem Registrator Heerbrand in eine Gondel zu steigen. Er lädt Anselmus zu einer Fahrt über die Elbe und einem anschließenden gemeinsamen Abend in seiner Wohnung ein. Anselmus sagt zu, in der Hoffnung, damit seinem Unglück zu entfliehen.

Ein Feuerwerk wird entzündet. Die Funken spiegeln sich im Wasser. Davon werden Anselmus’ Erinnerungen an die Schlangen und seine unendliche Sehnsucht geweckt. Voller Verlangen steht er auf und ruft laut nach ihnen. Der Schiffer ist entsetzt und zieht ihn zurück. Auch die Mädchen erschrecken. Die Herren spekulieren tuschelnd über Anfälle. Der Konrektor Paulmann setzt sich zu Anselmus und erkundigt sich nach seinem Befinden. Anselmus schweigt über seine Zerrissenheit, tatsächlich die Schlangen gesehen zu haben oder die bloße Reflexion der Lichter. Erst nach erneutem Fragen des Konrektors gesteht er kleinlaut seine Erlebnisse beim Holunderbusch. Der Konrektor Paulmann unterbricht ihn schnell. All das klingt für ihn nach Wahnsinn. Anselmus ist betrübt und verletzt von diesem Urteil. Veronika, die älteste Tochter des Konrektors, ist jedoch auf Anselmus' Seite. Vielleicht habe er nur geschlafen und die Träume wirken noch in ihm nach. Auch der Registrator Heerbrand bemerkt, dass er bei Tagträumen die besten Einfälle habe. Der Konrektor Paulmann tut dies mit einem Hang zur Poesie ab. Anselmus hingegen ist erleichtert, Zuspruch zu erhalten. Ihm fallen Veronikas dunkelblaue Augen auf. Die Erlebnisse vom Holunderbusch hat er schon wieder vergessen.

Beschwingt führt er Veronika nach Hause, allerdings nicht ohne ein paar Missgeschicke. Doch diesmal sind sie nicht weiter schlimm. Der Konrektor bemerkt Anselmus' Stimmungswandel und bittet ihn wegen seiner vorherigen harten Worte um Verzeihung. Anselmus kümmert sich aber vor allem um Veronika und begleitet sie am Klavier. Der Bemerkung des Registrators, dass Veronika eine Stimme wie Kristallglocken habe, widerspricht er allerdings, ohne zu wissen, warum. Dafür erntet er verwunderte Blicke und murmelt etwas von Kristallglocken in Holunderbäumen. Veronika fragt nach und berührt ihn dabei. Augenblicklich wird Anselmus wieder froh. Der Konrektor schaut finster, aber der Registrator legt neue Noten auf und die Stimmung wird wieder ausgelassen.

Als der Registrator aufbrechen will, bittet der Konrektor ihn noch um seinen Gefallen. Registrator Heerbrand richtet sich darauf an Anselmus und macht ihm ein Arbeitsangebot. Der Archivarius Lindhorst, ein wunderlicher Wissenschaftler, Chemiker und Antiquar, sucht nach einem Angestellten, der saubere Abschriften seiner Manuskripte anfertigt. Der Archivarius sei sehr streng, bezahle aber für die Arbeit. Anselmus soll sich am nächsten Tag um 12 Uhr mittags bei ihm einfinden. Anselmus sagt zu und ist ganz beglückt, da eine solche Arbeit ihm liegt.

Am nächsten Morgen bereitet sich Anselmus gründlich vor. Zum Glück kommt es diesmal zu keinen unschönen Zwischenfällen. Er gönnt sich ein, zwei Gläser Magenlikör und ist pünktlich am Haus des Archivarius. Doch als er den Türklopfer greifen will, formt sich dieser zum Gesicht der alten Marktfrau, die ihn als Narr beschimpft. Entsetzt und erschrocken versucht Anselmus den Türklopfer zu greifen und zieht stattdessen an der Klingelschnur. Der Ruf der Alten vom Fall in den Kristall erschallt im ganzen Haus. Anselmus ist von Grauen erfüllt. Die Klingelschnur verwandelt sich in eine durchsichtige Schlange, die ihn umschlingt und würgt, bis sein Blut ihren Leib rot färbt. Ihre Zunge zerschneidet seine Pulsader und Anselmus verliert das Bewusstsein. Als er wieder zu sich kommt, liegt er auf seinem bescheidenen Bett. Vor ihm steht sein Freund, Konrektor Paulmann, und fragt, was nur mit ihm los sei.

Analyse

Zu Beginn der 2. Vigilie zeigen sich die Gegensätze zwischen dem Alltäglichen und Fantastischem auf sprachlicher Ebene. Während die Bürgersfrau Anselmus’ Verhalten mit einem harschen Ausspruch kommentiert, nutzt dieser Anaphern, um die Schlangen zurück aus dem Holunderbusch zu locken. (vgl. 12) Die Worte der Frau führen Anselmus auf unangenehme Weise zurück ins Hier und Jetzt. Vergleiche wie »Dem war es, als stände er auf lauter spitzigen Dornen und Nadeln« (13) drücken Anselmus’ peinliches Empfinden aus. Alkoholkonsum dient als Begründung der Passanten und öffnet erneut die Diskussion über Einbildung und Wirklichkeit.

Anselmus ist von seinem eigenen Verhalten erschüttert und erkennt, dass er laut mit sich selbst gesprochen hat. Dieses Verhalten wird sowohl von ihm selbst als auch seinen Beobachtern als Wahnsinn interpretiert, der an dieser Stelle als Krankheit und Entrückung vom gepflegten bürgerlichen Leben zu verstehen ist. Diesen Ansatz vertritt auch der Konrektor Paulmann, Anselmus’ Freund. Er, genauso wie Registrator Heerbrand, werden ausschließlich in Verbindung mit ihren Dienstgraden genannt. Das unterstreicht die Bedeutung und das Augenmerk auf die gesellschaftliche Stellung. Konrektor Paulmann ist ein unumstrittener Vertreter des Bürgerlichen, nahezu des Spießbürgertums. Jegliche Abweichungen ins Fantastische und Sonderbare sind ihm zuwider. Dies zeigt sich deutlich bei der gemeinsamen Gondelfahrt: »mit hellen offenen Augen träumen, und dann mit einem Mal ins Wasser springen wollen; das – verzeihen Sie mir, können nur Wahnwitzige oder Narren!« (16) Hoffmann traf sich in seinen Zeiten in Bamberg mit befreundeten Ärzten, mit denen er sich über psychologische und medizinische Themen unterhielt. Anselmus' Zustand könnte auch mit einer psychischen Erkrankung in Verbindung gebracht werden. (Fellenberg und Küster, 77f.)

Anselmus erblickt und hört die goldenen Schlangen, hegt allerdings Zweifel, ob es nicht auch das sich spiegelnde Feuerwerk sein kann: »Er sah nun wohl deutlich, dass das, was er für das Leuchten der goldenen Schlänglein gehalten, nur der Widerschein des Feuerwerks bei Antons Garten war« (15). Die Grenzen zwischen Alltag und Wunderbarem verschwimmen und stellen Anselmus auf die Probe. Trotzdem bleibt das Gefühl der Sehnsucht erhalten, unabhängig davon, ob er die Schlangen nun wirklich gesehen hat oder nicht.

Neben den verurteilenden Worten des Konrektors hört er aber auch Zuspruch von Seiten Veronikas und des Registrators. Veronika weckt somit Anselmus’ Interesse. Als Vertreterin der bürgerlichen Welt zieht sie Anselmus in diese zurück und lässt ihn die Erlebnisse vom Holunderbusch vergessen. Auffällig sind Gemeinsamkeiten zur Schlange aus dem vorherigen Kapitel: Veronikas Augen sind ebenfalls dunkelblau und ihre Stimme wird vom Registrator mit Kristallglocken verglichen.

Die beschwichtigenden Worte des Registrators an Anselmus werden vom Konrektor mit einem »Hang zu den Poeticis« abgetan. Dies offenbart nicht nur die Ablehnung des Konrektors für Kunst und Dichtung, sondern auch die Bedeutung der Poetik für das gesamte Märchen. Die romantischen Dichter strebten nach einer »gegenseitigen Durchdringung von Poesie und Leben«. (Varga, 31) Das Schreiben kehrt als Motiv in das Märchen ein, als der Registrator Anselmus von der Stelle beim Archivarius Lindhorst berichtet.

Der Archivarius wird als Figur vorgestellt, bevor er selbst in Erscheinung tritt. Der Registrator beschreibt ihn mit den Worten: »ein alter wunderlicher merkwürdiger Mann, man sagt, er treibe allerlei geheime Wissenschaften, da es nun aber dergleichen eigentlich nicht gibt, so halte ich ihn eher für einen forschenden Antiquar, auch wohl nebenher für einen experimentierenden Chemiker.« (18) Diese Worte lassen die Lesenden den Archivarius nicht nur der Welt des Sonderbaren zuordnen, sie drücken auch die Zweifel des Registrators an dergleichen aus.

Die gründlichen Vorbereitungen des Anselmus laufen überraschenderweise ohne Zwischenfälle ab. Zu nennen ist der Genuss des Magenlikörs, der mit der anschließenden Erfahrung in Verbindung gebracht werden könnte. Der Archivarius wohnt an einem entlegenen Ort, was dessen Sonderbarkeit und Außenseitertum örtlich untermauert. Vor dessen Tür erblickt Anselmus das alte Apfelweib vom Marktplatz. Die Beschreibung färbt sich deutlich subjektiv und erfolgt aus Anselmus’ Perspektive. Die Wiederholungen des Wortes »Narre« (20) sowie des Fluches aus der 1. Vigilie, nicht zuletzt die Beschreibung von Anselmus’ Empfindungen verstärken den Eindruck des Bösen. Des Weiteren ist darauf hinzuweisen, dass der Türklopfer aus Metall besteht, welches als Element vermehrt in der Erzählung vorkommt und dabei meistens, aber nicht immer, mit der Alten in Verbindung gebracht wird.
Anschließend wird eine Metamorphose beschrieben. Das Reale und Greifbare wandelt sich in Mystisches. Der Türklopfer wird zum Gesicht des Apfelweibs, die Klingelschnur zur todbringenden Schlange. Mit bildhaften Ausdrücken wird Anselmus’ entsetzliche Erfahrung beschrieben. Dennoch bleibt nach seinem Erwachen die Frage, die in der folgenden Vigilie vollends zum Ausdruck kommt, inwiefern das Durchlebte nur in seiner Einbildung stattgefunden hat.

Veröffentlicht am 24. Juni 2024. Zuletzt aktualisiert am 24. Juni 2024.