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Der goldne Topf

Sprache und Stil

Die Zwei-Welten-Konstruktion des Kunstmärchens wird auf sprachlicher Ebene unterstützt. Die Vertreter der bürgerlichen Welt wie Konrektor Paulmann und Registrator Heerbrand zeichnen sich durch eine übermäßig höfliche, gestelzte Ausdrucksweise aus, wie die Formulierungen »teuerste Mademoiselle, werter Konrektor« oder »geehrtester Registrator« (16) zeigen. Im Kontrast dazu werden Redewendungen wie »rappelt’s Ihnen im Kopfe?« (77) benutzt. Der bewusste und überdurchschnittliche Einsatz von Fremdwörtern drückt das Spießbürgertum aus, zum Beispiel: »folliiert und rubriziert« (76) und »apage Statanas!« (91).

In dem Brief, den der Archivarius in der 12. Vigilie an den Erzähler schreibt, wird die Höflichkeit nahezu parodistisch auf die Spitze getrieben. (Varga, 75f.) Schließlich zählt der Archivarius zu den Vertretern der fantastischen Welt.

Die mystische Welt wird umfangreich mit Sinneseindrücken beschrieben. Sinne und Fantasie dominieren statt Logik. Ein bedeutendes Stilmittel dafür ist die Synästhesie, bei der unterschiedliche Sinneswahrnehmung, die normalerweise getrennt voneinander sind, zu einer verschmolzen werden: »der Geruch, den sie verbreiteten, stieg aus ihren Kelchen empor in leisen lieblichen Tönen« (64). Bei diesem Zitat werden die Sinne Riechen und Hören miteinander kombiniert und schaffen somit ein intensiveres Erleben und ein Bild für die Lesenden. Weiterhin haben Musik und Klang einen hohen Stellenwert. Kristallglocken kündigen die grünen Schlangen an, die Stimme des Archivarius wird als imposant beschrieben und in seinem Garten scheint alles zu säuseln und zu rauschen (vgl. 48). Die Onomatopoesie, die Lautmalerei, ist eine dafür gewählte Ausdrucksform, um Klangeffekte zu versprachlichen. Mit »Zwischendurch – zwischenein – zwischen Zweigen« (9) wird das Zischen der goldgrünen Schlangen beschrieben. Dieses ist zusätzlich mit einer Alliteration gekoppelt, was den mystischen Klangeffekt unterstützt. Alliterationen und insbesondere Wiederholungen zeigen sich in den Zauberformeln der Alten. Diese weisen weiterhin Endreime und, im folgenden Beispiel, den Anapäst als Metrum auf: »ins Kristall bald dein Fall – ins Kristall!« (5).

Die Überlagerung der beiden Welten wird mit Hilfe von Metamorphosen herbeigeführt. Besonders deutlich wird dies am Ende der 4. Vigilie, als der Archivarius als Geier beschrieben wird, wobei es sich entweder um einen bloßen Vergleich oder eine tatsächliche Verwandlung handeln kann. Diese wird mit der Beschreibung des weißgrauen Überrocks eingeleitet. Später gewinnt die Szene Steigerung und Dynamik: »schritt er rasch von dannen [...] mehr in das Tal hinabzuschweben als zu gehen [...] als breite ein großer Vogel die Fittige aus zum raschen Fluge« (35). Verben wie »schien« und »vorkam« (35) machen den Zweifel an der Verwandlung deutlich. Eine ähnliche Situation zeigt sich bei der Betrachtung der Schlangen im Wasser, bei denen es sich auch um die Reflexionen des Feuerwerks handeln könnte. Verstand und Gefühl werden gleichermaßen angesprochen. (Grobe, 69)

Bilder, Motive und Symbole unterstützen das Märchenhafte im Werk. Als klassisches Motiv kommt der Spiegel zum Einsatz, der seine hypnotische und magische Wirkung auf unterschiedliche Weise entfaltet. Der Smaragdspiegel des Archivarius zieht den Studenten in seinen Bann. Während Veronikas Metallspiegel negativ besetzt ist, spiegeln sich im goldenen Topf Anselmus’ Sehnsüchte nach Atlantis. Dieser ist das Titelobjekt des Kunstmärchens und wird in der 6. Vigilie verheißungsvoll vorgestellt. Da Hoffmann ursprünglich über einen goldenen Nachttopf nachgedacht hat, beinhaltet auch dieses Bild eine Spur von Ironie. Der goldene Topf symbolisiert das Fenster zu Atlantis, welches wiederum für das Paradies und/oder die Poesie steht.

Eng mit dem Symbol des Spiegels verknüpft ist der Kristall. Auch hier zeigt sich die Bipolarität. Einerseits werden Serpentinas und Veronikas Stimmen mit Kristallglocken verglichen, andererseits wird der Kristall zu Anselmus’ beengendem Gefängnis. In der Naturphilosophie wird er mit Wasser in Verbindung gebracht und steht für das Gute. Das Metall wird dagegen der Erde zugeordnet und im Märchen häufig mit der Alten in Verbindung gebracht. Nichtsdestotrotz ist der goldene Topf ebenfalls aus Metall und bildet eine Ausnahme. (Fellenberg und Küster, 53f.)

Hier kann auch der Bezug zur Alchemie hergestellt werden, wo es um die Veredelung von Metallen ging. Das Element Feuer, das vielfach im Werk gebraucht wird, dient dabei der Umwandlung von einem Zustand in den nächsten. (Varga, 69)

Die Schlange ist aus biblischer Sicht ein Symbol für die Verführung. Serpentina wird diesem gerecht, steht aber für das Gute. Genauso kommen gefährliche Schlangen vor, die Anselmus überfallen. Das »Umschlingen«, womit die Schlangen eng verknüpft sind, kann sowohl positiv als auch negativ sein. In beiden Fällen handelt es sich um ein Eingreifen von außen, dem Anselmus hilflos ausgeliefert ist. (Fellenberg und Küster, 55)

Das Schreiben ist mehr als eine Tätigkeit. Es symbolisiert Anselmus’ Entwicklung vom Student zum Dichter und birgt den Zugang zur fantastischen Welt. Der Wahnsinn wird als Geisteszustand ebenfalls häufig erwähnt. Beide Motive werden in den Interpretationsansätzen unter 9. näher beleuchtet.

Zum Schluss muss das Motiv der Liebe als treibende Motivation von Anselmus, Veronika und Serpentina genannt werden.

Die Ironie wurde als Stilmittel bereits mehrfach genannt und ist als solches typisch für die Romantik. Sie wird zum Beispiel durch den Wechsel zwischen den Welten, die Typisierung der Figuren sowie durch die Unterbrechungen des Erzählers erzeugt. 

In »Der goldne Topf« wird das serapiontische Prinzip angewandt. Der Begriff bezieht sich auf Hoffmanns Werk »Die Serapionsbrüder«, eine Sammlung von Märchen und Erzählungen. Die darin enthaltene Absicht ist das synästhetische Erleben durch den Erzähler sowie die gleiche Gewichtung von Innen- und Außenwelt beziehungsweise mystischer und realer Welt, trotz deren Gegensätze und Konflikte. Dies wird im Märchen durch den Erzähler herbeigeführt. Er erzeugt eine Verknüpfung des Märchens mit der Alltagswelt, bindet den Leser aktiv in das Geschehen ein und erlebt zum Schluss selbst die »Durchdringung der Wirklichkeit durch die Poesie« in Archivarius’ Palmbaumzimmer. (Grobe, 74)

Die Erzählperspektive wechselt von einem kommentierenden auktorialen Erzähler zum Ich-Erzähler. Dazwischen erfolgen subjektive Beschreibungen aus der Perspektive der Hauptfiguren. Mit dem Einsatz des Ich-Erzählers wird die Illusion zwar unterbrochen, gleichzeitig aber eine Verbindung zur mündlichen Weitergabe der Volksmärchen hergestellt.

Veröffentlicht am 24. Juni 2024. Zuletzt aktualisiert am 24. Juni 2024.