Der goldne Topf
Prüfungsfragen
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Wodurch wird die Zwei-Welten-Konstruktion auf sprachlicher Ebene erzeugt?
Die bürgerliche, alltägliche Welt wird weniger bildreich beschrieben als die fantastische. Dafür geben genaue Orts- und Zeitangaben Orientierung. Die Vertreter der bürgerlichen Welt zeichnen sich durch eine übertrieben höfliche Sprache aus. Fremdwörter werden zur eigenen Profilierung bewusst eingesetzt.
Die mystische Welt hingegen lebt von bildhaften Beschreibungen, die durch zahlreiche Adjektive und Stilmittel erzeugt werden. Neben Alliterationen, Personifikationen und Lautmalerei ist die Synästhesie ein effektives Mittel, um Sinneseindrücke zu kombinieren und Klänge, Düfte, Farben und Formen für die Lesenden anschaulich zu machen. -
Welche Symbolik steckt hinter der Schlange?
Betrachtet man die Schlange aus biblischer Perspektive, symbolisiert sie das Verführerische und das Böse, was die Vertreibung aus dem Paradies initiiert. Serpentina verführt Anselmus durchaus, steht aber für das Gute, das zum Glück im Paradies führt. Damit wird die biblische Deutung umgekehrt. Allerdings tauchen im Märchen auch gefährliche Schlangen auf, die Anselmus attackieren. Das Umschlingen kann sowohl erfreulich als auch lebensgefährlich und grausam sein. In beiden Fällen steht die Schlange für eine Macht, der Anselmus wehrlos ausgeliefert ist.
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Was ist eine Synästhesie und inwiefern ist diese für das Märchen von Bedeutung?
Die Synästhesie ist ein literarisches Stilmittel, bei dem zwei gewöhnlich voneinander getrennte Sinneswahrnehmungen zusammengefügt werden. Im Märchen unterstützt sie die Beschreibung der mystischen Welt und lässt die Lesenden in diese eintauchen. Die Sinne stehen dabei im Vordergrund, nicht die Logik.
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Charakterisieren Sie den Konrektor Paulmann.
Konrektor Paulmann ist ein Vertreter der alltäglichen Welt im Allgemeinen und des Spießbürgertums im Einzelnen. Die Mitnennung seiner Dienstbezeichnung stellt die Bedeutung des gesellschaftlichen Standes heraus. Konrektor Paulmann lehnt alles Übernatürliche und Sonderbare vehement ab. Anselmus’ Verhalten deutet er als Wahnsinn, der ärztlich behandelt werden müsse. Er hält seinen Freund für einen hoffnungslosen Fall. Trotzdem unterstützt er seine Tochter, die für Anselmus schwärmt. Die Liebe zu ihr zeigt sich weiterhin in seiner Sorge um ihren Zustand und seiner Zustimmung zur Hochzeit mit Hofrat Heerbrand, solange dies in Veronikas Sinne sei. Dem Konrektor bleibt aufgrund seiner rationalen Ansichten der Zugang zur mystischen Welt verschlossen.
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Erläutern Sie den Interpretationsansatz, dass Anselmus den Weg vom einfachen Schreiberling zum Dichter durchläuft.
Zu Beginn befindet sich Anselmus in der spießbürgerlichen Beamtenatmosphäre, die wenig beziehungsweise keinen Raum für künstlerische Entfaltung gibt. Der Registrator erkennt jedoch sein Potenzial und vermittelt ihn an den Archivarius Lindhorst. Die Arbeit beim Archivarius wird zu Anselmus’ Lehrzeit. Serpentina wird zu seiner Muse. Die Kalligraphie ist dabei nicht nur als formgebende visuelle, sondern auch als inhaltlich literarische Schönschrift zu interpretieren. Mit Serpentina gelingt ihm der Zugang zur fantastischen Welt und damit zur Poesie. Die Niederschrift von ihrer Geschichte kann als Anselmus’ erste eigene Dichtung interpretiert werden. Die Vollendung findet er in Atlantis.
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Welche Parallelen bestehen zwischen Serpentina und Veronika? Welche Bedeutung haben diese für das Werk?
Serpentina und Veronika sind beide junge Mädchen, die sich in Anselmus verlieben. Beide besitzen dunkelblaue Augen und eine Stimme ähnlich dem Klang von Kristallglocken. Serpentina verkörpert dabei die mystische Welt, Veronika die alltägliche. Das führt dazu, dass Anselmus aufgrund der beiden jungen Frauen in den Konflikt zwischen den Welten gerät.
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Im Märchen wirken gute und böse Mächte. Worin zeigt sich die Bipolarität auf Figurenebene?
Die guten und bösen Mächte lassen sich auf Figurenebene gegenüber liegend darstellen. Der Archivarius Lindhorst steht als das Gute dem alten Apfelweib gegenüber. Die beiden sind Rivalen. Ebenso verhält es sich mit dem grauen Papagei und dem Kater der Alten. Serpentina symbolisiert die Vollkommenheit und das Gute. Ihr gegenüber steht Veronika. Obwohl sie sich am Ende von allen bösen Mächten lossagt und Anselmus alles Gute wünscht, lässt sie sich mit der Alten und somit dem Bösen ein. Anhand von Serpentina und Veronika ist vor allem die Trennung zwischen mystischer und alltäglicher Welt nachvollziehbar.
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Welche Erzählperspektive/n kommt/kommen vor?
Das Märchen wird zu Beginn von einem auktorialen Erzähler erzählt. Allerdings durchbricht dieser seine Erzählung und interagiert im letzten Kapitel selbst mit den Figuren. Bei diesen Unterbrechungen findet ein Wechsel zum Ich-Erzähler statt. Zusätzlich werden Passagen aus der subjektiven Perspektive der Hauptfiguren beschrieben.
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Wozu und wodurch wird im Werk Ironie erzeugt?
Die Ironie dient dazu, die Illusion für die Lesenden immer wieder zu durchbrechen und somit zur Reflexion zu animieren. Das ermöglicht, dass das Erzählen selbst in den Fokus der Erzählung rückt. Die Ironie wird zum Beispiel durch Kontraste in den Figuren erzeugt, durch die teilweise banalen Schlagwörter am Beginn der Vigilien und durch die Unterbrechungen des Erzählers.
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Inwiefern unterscheidet sich »Der goldne Topf« als Kunstmärchen von Volksmärchen?
Anders als beim Volksmärchen wird das Kunstmärchen von einem Autor/einer Autorin erfunden und geschrieben, während Volksmärchen mündlich weitergegebene Erzählungen sind, deren Ursprung meist nicht nachvollziehbar ist. Im »goldnen Topf« wird das Wunderbare hinterfragt und die Illusion durch den Erzähler sogar mehrfach gebrochen. Im Volksmärchen hingegen ist das Wunderbare fester Bestandteil, der nicht infrage gestellt wird und die Illusion bis zum Schluss aufrechterhält.