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Der goldne Topf

Interpretationsansätze

Vom Schreiberling zum Poet

Eine mögliche Interpretation, die das Märchen eher als Roman erscheinen lässt, ist Anselmus’ Entwicklung vom Schreiberling zum Poeten. Zu Beginn befindet er sich in der »biedere[n] Beamtenatmosphäre« (Varga, 62), die durch sein Umfeld aus Konrektor Paulmann und Registrator Heerbrand erzeugt wird. Besonders der Konrektor lehnt die Notwendigkeit von Kunst ab. Der Registrator erkennt allerdings Anselmus’ Talent und vermittelt ihn damit an den »Meister« Archivarius Lindhorst. Auch der kann die Anlagen des Studenten erkennen, macht ihm aber ebenso deutlich, dass er noch viel lernen und üben muss. Die Zeit beim Archivarius wird zu Anselmus’ Lehrzeit: »Indem du hier arbeitest, überstehst du deine Lehrzeit« (54).

Anselmus’ Talent bezieht sich auf die Kalligraphie, die hier doppelt gedeutet werden kann. Neben der formgebundenen visuellen Schönschrift soll auch das inhaltliche, literarische Schönschreiben geschult werden. Weiterhin wird mit der Kalligraphie eine Verbindung zur »figura serpentinata«, auch bekannt als die Schlangenlinie, hergestellt. Diese war vor allem in der Spätrenaissance von Bedeutung und erforderte Geschick. Umso besser, dass Anselmus die Schlange Serpentina zur Seite steht. (Neubauer, 58)

Serpentina kann auch als Anselmus’ Muse betrachtet werden, die ihm den Weg in die Poesie ebnet und zum poetischen Verständnis führt. Erst sind die Manuskripte für Anselmus unverständlich, doch Serpentina lässt ihn deren Wahrheit und Kern erkennen. Anselmus wird das Innere offenbart. Die Erscheinung des Textes in der 8. Vigilie wird auch als eine durch Serpentina verursachte Eingebung interpretiert. Anselmus hat den Text nicht kopiert, sondern eine eigene Dichtung zustande gebracht. (Varga, 64)

Die Vollendung zum Dichter erfolgt mit dem Einzug in Atlantis. Anselmus erlangt eine Vollkommenheit, die in der realen Welt eine unerreichbare Utopie ist. Hier bleibt die Poesie ein Prozess. Weiterhin kann mit Anselmus’ »Veredelung« zum Dichter eine Parallele zur Alchemie gezogen werden. (Neubauer, 57)

Wahnsinn und Schizophrenie

»Wahnsinn bedeutet Außer-sich-Sein sowie den größtmöglichen Kontrast zur konventionellen Existenz der Philister [vertreten durch Konrektor Paulmann]. Hier triumphieren die Nachtseiten der Psyche über die von der Aufklärung geforderte Vernunftorientierung.« (Varga, 97)

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts kam es zum Aufkeimen der Seelenkunde und der modernen Psychologie. Einen großen Einfluss auf die Romantiker und damit auch auf E. T. A. Hoffmann hatte Gotthilf Heinrich Schubert, ein Naturphilosoph und Arzt. Die Angst vor dem Tod deutete er mit der Zerrissenheit zwischen Mensch und Kosmos. Das Ziel dagegen war es, wieder Eins mit der Natur zu werden. Nach Schubert sollte die Entfremdung mit Hilfe von Rausch, Ekstase, Traum oder eben dem Wahnsinn überwunden werden. (Neubauer, 48) Entsprechende Parallelen finden sich im Märchen. In Bamberg diskutierte Hoffmann mit befreundeten Ärzten über derartige Themen. Obwohl das Krankheitsbild der Schizophrenie erst im folgenden Jahrhundert definiert wurde, lässt es sich auf den Protagonisten Anselmus übertragen:

Demnach existiert die mystische Welt nur in seinem Inneren. Verwandlungen wie die des Archivarius’ oder des Türklopfers in das Gesicht des Apfelweibs werden zu paranoiden (Wahn)vorstellungen. Die Regungslosigkeit durch die Gefangenschaft in der Kristallflasche lässt sich mit der Katatonie, einer Form der Schizophrenie, erklären, bei der es zu motorischen Störungen bis hin zum Erstarren kommt. (ebd., 49ff.)

Statt einer aufsteigenden Entwicklung durchlebt Anselmus nach diesem Interpretationsansatz einen seelischen Zerfall. Sein plötzliches Verschwinden nach der Befreiung aus der Kristallflasche und die Einkehr ins Paradies Atlantis kann mit einem Selbstmord gleichgesetzt werden. Die Aussagen der Kreuzschüler und Praktikanten: »Der Studiosus ist toll, er bildet sich ein in einer gläsernen Flasche zu sitzen, und steht auf der Elbebrücke und sieht gerade hinein ins Wasser« (84), geben Anlass zu der Annahme, dass sich Anselmus von dieser Brücke in die Elbe und damit in den Tod stürzt. Auch in der 2. Vigilie kann Anselmus nur von dem Schiffer aufgehalten werden, sich ins Wasser zu stürzen. Der Fall ins Kristall (vgl. 5), wie ihn die Alte bereits zu Beginn des Märchens prophezeit, bekommt damit eine tragische Bedeutung.

Kunst und Alltag

»Der goldne Topf« beruht auf einer Zwei-Welten-Konstruktion aus der bürgerlich-alltäglichen und mystisch-fantastischen Welt. Trotz ihrer Gegensätze kommt es zur Durchmischung. Figuren treten in beiden Welten auf oder wechseln zwischen ihnen hin und her. Bürgerliche Tugenden wie Pünktlichkeit werden auch vom Archivarius Lindhorst geschätzt.

Dennoch lassen sich die beiden Sphären anhand von Grundsätzen definieren. Die bürgerliche Welt beruht auf dem rationalen Nützlichkeitsdenken, basierend auf den Prinzipien der Aufklärung. Aus der Perspektive der Romantiker ermöglicht dies zwar eine funktionsfähige Gesellschaft, entfremdet aber von der Natur und dem Mensch-Sein. (Varga, 73) Der Zugang zum »höheren Sinn, der den Dingen innewohne« (ebd.) bleibt den Spießbürgern verwehrt. Besonders deutlich wird dies am Beispiel der Praktikanten und Kreuzschüler. Sie erkennen ihre eigene Beschränktheit nicht, die durch die Kristallflasche sinnbildlich ausgedrückt wird: »deshalb spüren sie nicht den Druck des Gefängnisses, [...] ihre Torheit, ihres gemeinen Sinnes wegen« (84f.). Die Schreibarbeit war für die jungen Männer nur ein Mittel zum Zweck, damit sie sich mit dem verdienten Geld in den Grenzen ihrer bürgerlichen Welt vergnügen konnten. Ein Streben nach künstlerischer Entfaltung bleibt aus.

Künstler werden im »goldnen Topf« als Außenseiter dargestellt. Sie passen nicht in die bürgerlichen Schranken. Ihre Fantasien sind sonderbar oder Zeichen des Wahnsinns. Im Gegensatz zu den anderen begreift Anselmus als aufstrebender Dichter jedoch das Wunderbare, was seine Erhebung in die mystische Welt zur Folge hat. Davor durchlebt er einen Konflikt, ist zwischen den Welten am Beispiel von Serpentina und Veronika hin- und hergerissen. Dennoch leidet Anselmus unter den irdischen Ansichten und Anschuldigungen, mit denen er konfrontiert wird und denen er zu entfliehen versucht: »Bestürzt blickte er die Bürgersfrau an, und griff endlich nach dem Hute, der zur Erde gefallen, um davonzueilen.« (12) 

In Anselmus wurde die Sehnsucht geweckt, die er zu stillen sucht. Am Ende erfährt er als einzige Figur (mit Serpentina) die Vollkommenheit in Atlantis. Diese Utopie ist demnach keine allgemeingültige Lösung. Das Ende des Archivarius Lindhorsts bleibt offen. Auch der Erzähler muss in der irdischen Welt bleiben, obwohl er die paradiesischen Zustände geschaut hat. Ein Durchdringen der beiden Welten wird angestrebt.

Veröffentlicht am 24. Juni 2024. Zuletzt aktualisiert am 24. Juni 2024.