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Der goldne Topf

7. Vigilie

Zusammenfassung

Als der Konrektor Paulmann endlich zu Bett geht und Fränzchen eingeschlafen ist, macht sich Veronika auf den Weg zu Liese. Sie ist fest entschlossen, Anselmus zu helfen und dafür Risiken einzugehen. Ein Sturm zieht auf. Vom Regen durchnässt kommt sie bei der Alten an. Liese reicht ihr einen schweren Korb und hat selbst einen Dreifuß, einen Kessel und einen Spaten dabei. Es ist so finster, dass die Alte ihren Kater anheuert, ihnen mit knisternden Funken den Weg zu leuchten. Veronika ist von einer eisigen Kälte erfasst, doch hält sie sich an die Alte. Diese verspricht ihr ein schönes Geschenk sowie den Anselmus, wenn sie standhaft bleibt.

An der entsprechenden Stelle bereitet die Alte gemeinsam mit ihrem Kater eine Feuerstelle vor, auf der sie den Kessel drapiert. Veronika muss ihren Mantel und Schleier ablegen und sich zu der Alten kauern, die ihre Hände mit funkelnden Augen drückt. Tiere, Pflanzen, Metalle, alles mögliche wandert in den Kessel. Darin beginnt es zu brodeln. Die Alte rührt darin und fordert Veronika auf, hineinzusehen und dabei fest an Anselmus zu denken. Merkwürdige Laute von sich gebend, gibt die Alte weitere Zutaten in den Kessel, darunter auch einen Ring und eine Haarlocke Veronikas.

Der Erzähler unterbricht die Beschreibung und wendet sich an den Leser. Dieser solle sich vorstellen, mit einer Kutsche an der Stelle, an der der Zauber ausgeführt wird, vorbeizufahren. Die Pferde würden sträuben. Man sähe eine hagere Gestalt mit Hakennase und knochigen Armen sowie das blanke Entsetzen auf Veronikas Gesicht, die unfähig ist, der Situation zu entfliehen und nur stumm die Hände zum Gebet erheben kann. Trotz seiner Befangenheit würde der Beobachter den Wunsch verspüren, einzugreifen und so den Bann brechen. Doch all dies sei nur Spekulation.

Niemand kommt vorbei und erlöst Veronika, die in schrecklicher Angst bis zum Schluss ausharren muss. Damit sie nicht wahnsinnig wird, hält sie die Augen geschlossen. Irgendwann lichtet sich der Qualm. Die Alte fordert Veronika auf, in den Kessel zu schauen. Erst nimmt sie nur verschwommene Gestalten wahr. Dann blickt ihr Anselmus lächelnd und die Hand reichend entgegen. Die Alte ist höchst zufrieden mit ihrem Werk. Sie öffnet einen Hahn, sodass glühendes Metall aus dem Kessel in eine Form fließt. Plötzlich scheint jemand aufzutauchen. Die Alte fordert den Kater auf, diesen tot zu beißen. Doch ein riesiger Adler fliegt herbei und ruft mit entsetzlicher Stimme, dass es nun aus sei. Die Alte bricht heulend zusammen. Veronika wird ohnmächtig.

Veronika erwacht in ihrem Bett. Vor ihr steht Fränzchen voller Sorge und mit einer Tasse Tee in der Hand. Ihr Vater lässt bereits den Arzt holen. Veronika sieht die Bilder der vergangenen Nacht vor Augen und fragt sich, ob alles nur ein Traum war. Sie erkennt, dass die Alte sich bloß als ihre Wärterin Liese ausgegeben hat. Als Fränzchen ihren nassen Mantel hereinbringt, wird ihr jedoch Angst und Bange, da sie erkennt, dass ihre Erinnerungen der Wirklichkeit entsprechen. Sie bemerkt etwas Schweres auf ihrer Brust. Es ist ein kleiner Metallspiegel, das Geschenk der Alten.

Beim Betrachten überkommt Veronika das Gefühl, als ob feurige Strahlen daraus hervorträten und sie von innen wärmten. Von Behaglichkeit erfüllt, denkt sie nun an Anselmus, der ihr folglich aus dem Spiegel entgegenblickt. Im nächsten Moment sieht sie ihn wahrhaftig, wie er eifrig im Arbeitszimmer des Archivarius Manuskripte kopiert. Veronika versucht, zu ihm durchzudringen, doch wird sie von einem leuchtenden Feuerstrom abgehalten. Als es ihr schließlich gelingt, hat Anselmus Schwierigkeiten, sie zu erkennen. Er spricht sie mit Fräulein Paulmann an, wundert sich aber, warum sie als Schlange erscheine. Veronika muss über diese seltsame Bemerkung laut auflachen und erwacht dadurch wie aus einem Traum. Sie ist zurück in ihrem Zimmer. Schnell versteckt sie den Spiegel, als ihr Vater und Doktor Eckstein den Raum betreten. Der Arzt fühlt mehrmals ihren Puls, macht einsilbige Bemerkungen und schreibt schließlich ein Rezept. Der Konrektor Paulmann ist ratlos, was seiner Tochter nun eigentlich fehlt.

Analyse

Veronikas Entschluss, den Forderungen der Alten nachzukommen, beruht einerseits auf ihrer festen Überzeugung, Anselmus aus einem Bann zu befreien, andererseits auf der Anziehungskraft des Übernatürlichen: »selbst der Eindruck des Unheimlichen, Grausigen stumpfte sie ab, so dass alles Wunderliche, Seltsame ihres Verhältnisses mit der Alten ihr nur im Schimmer des Ungewöhnlichen, Romanhaften erschien, wovon sie eben recht angezogen wurde.« (55) Selbst die Wetterverhältnisse halten sie nicht auf und untermauern sowohl Veronikas Entschlossenheit als auch die Szenerie für dunkle Zauber.

Die Tag-und Nacht-Gleiche, an der dieser stattfinden soll, wird mit der Nacht vom 23. auf den 24. September datiert. Diese genaue Angabe dient zur zeitlichen Orientierung bezüglich des Erzählbeginns am Himmelfahrtstag, widerspricht aber den Merkmalen eines Märchens. Genauso verhält es sich mit der erneuten Unterbrechung durch den Erzähler. Wieder wird die Illusion durchbrochen. Allerdings wird der Leser in Form einer Handlungsalternative aktiv in das Geschehen eingebunden. Die Begebenheiten und Charaktere werden dadurch greifbarer und anschaulicher. Doch dies ist nur eine Spekulation, eine Theorie des Erzählers, die nicht dem tatsächlichen Verlauf seiner Geschichte entspricht und somit verworfen wird.

Die Handlungen der Alten bedienen das Märchen-Klischee: ein Kater, der Funken sprüht und seiner Herrin treu zur Seite steht, ein Feuer, das an einer abgelegenen Stelle im Wald entzündet wird, ein Kessel, in dem die absonderlichsten Zutaten, darunter auch der Ring und die Haarlocke eines jungen Mädchens zu einem magischen Gebräu unter Zauberformeln vermengt werden. Feuer dient auch hier als Element der Verwandlung von einer Substanz in die nächste. Wieder wird anhand von Geräuschen die Parallele zwischen dem Archivarius und der Alten und dem damit verbundenen Erleben von Anselmus und Veronika deutlich. Während Anselmus liebliche Klänge, Säuseln, Klirren und ähnliches im Garten des Archivarius oder am Holunderbusch vernimmt, muss Veronika hören »wie es um sie her heulte und brauste, wie allerlei widrige Stimmen durcheinander blökten und schnatterten« (59). Wie Anselmus im Zauberspiegel des Archivarius Serpentina sieht, erkennt Veronika Anselmus in dem Gebräu der Alten und ruft seinen Namen gleichermaßen aus.

Die Sprache der Alten weist vielfach Wiederholungen auf, was den Charakter der Zauberformel aufrechterhält, auch dann, wenn keine gesprochen wird. Doch auch die Adlergestalt, deren Erscheinen das Ritual beendet, spricht mit Wiederholungen und einem Endreim: »Hei, hei! – ihr Gesindel! nun ist’s aus – nun ist’s aus – fort zu Haus!« (60) Hinweise wie der Ausruf der Alten »er kommt!« (60) und seine »entsetzliche Stimme« (60), wie es von Anselmus häufig beschrieben wurde, lassen erahnen, dass es sich um den Archivarius, den Gegenspieler der Alten, handelt. Aufgeklärt wird dies jedoch nicht.

In dieser Vigilie tritt die Verbindung von der Alten mit dem Motiv Metall am deutlichsten hervor. Der Kessel, selbst aus Metall, wird unter anderem mit Metallen gefüllt. Die Alte wird als »kupfergelbes Weib« (58) beschrieben und das Ergebnis ihres Zaubers ist ein »glühendes Metall« (60), das in eine Form gegossen wird. Dabei handelt es sich um den Metallspiegel, in dem Veronika Anselmus erblicken kann. Der Metallspiegel ist das negative Pendant zum goldenen Topf, da er von bösen Mächten geschaffen wurde. Auch er gibt mehr als das bloße Spiegelbild preis. So kann Veronika darüber mit Anselmus kommunizieren und ihn zurück in die bürgerliche Welt ziehen. Der Spiegel zieht auch Veronika in seinen Bann und macht sie damit zum ausführenden Instrument der Rauerin. Um Anselmus zu kontaktieren, muss sie seine Aufmerksamkeit gewinnen. Der Feuerstrom, der Anselmus umgibt, könnte für die Kräfte des Archivarius stehen. Anhand seiner Bemerkung, warum Veronika als Schlange erscheine, beginnt bereits die Überschneidung der beiden jungen Frauen, die für Anselmus zur Zerreißprobe wird.

Am Schluss des Kapitels kommt es zu einer kurzen ironischen Passage, die ein Gegengewicht zu den umfangreichen mystischen Begebenheit einbaut. Der einsilbige Doktor, der eigentlich mit Rat und Tat zur Seite stehen soll, ist ein überspitzter Charakter, der die Geduld des Konrektors auf die Probe stellt.

Veröffentlicht am 24. Juni 2024. Zuletzt aktualisiert am 24. Juni 2024.