Der goldne Topf
10. Vigilie
Zusammenfassung
Der Erzähler beschreibt dem Leser, wie es sich anfühlt, in einer Kristallflasche eingeschlossen zu sein: Alles schimmert und wankt. Die Person schwebt reglos in der festgewordenen Materie. Der Druck wird immer schwerer. Jeder Atemzug nimmt Sauerstoff. Die Pulsadern schwellen auf und die Angst lässt die Nerven bluten. Der Erzähler bittet demnach um Mitleid für Anselmus.
Anselmus weiß, dass der Tod ihn nicht erlösen wird. Er kann keinen klaren Gedanken fassen und fleht Serpentina um Hilfe an. Ein leiser Seufzer legt sich wie durchsichtige Holunderblätter um die Flasche. Anselmus kann freier atmen. Er erkennt sein Verschulden an seinem Elend, da er den Glauben an Serpentina verloren hat. Anselmus fürchtet, sie und den goldenen Topf verloren zu haben, will sie aber noch ein letztes Mal sehen.
Eine Stimme neben ihm fragt, worüber er sich so beschwere. Anselmus bemerkt fünf weitere Flaschen, in denen drei Kreuzschüler und zwei Praktikanten eingeschlossen sind. Anselmus kann nicht begreifen, wie diese so fröhlich sein können. Wahrscheinlich glauben sie nicht an den Salamander und die grüne Schlange. Die anderen Insassen berichten von einem vergnügten Leben dank der verdienten Speziestaler und brechen in Gelächter aus, als Anselmus sie darauf hinweist, in Kristallflaschen eingeschlossen zu sein. Die Schüler und Praktikanten behaupten, Anselmus würde nicht bemerken, dass er auf der Elbbrücke steht und ins Wasser schaut. Sie wollen weiter gehen. Anselmus wird klar, dass sie Serpentina weder gesehen noch geliebt haben. Aufgrund ihrer Rationalität spüren sie das Gefängnis nicht. Doch Anselmus erkennt es und glaubt, nur durch Serpentina gerettet zu werden.
Serpentinas Stimme schwebt durch das Zimmer. Anselmus solle glauben, lieben und hoffen. Ihre Laute dehnen das Kristall aus. Anselmus kann sich mehr bewegen und begreift, dass Serpentina ihn noch immer liebt. Das macht sein Gefängnis erträglicher, sodass er alle Gedanken auf seine Geliebte richtet. Doch dann bemerkt er das Gemurmel einer alten Kaffeekanne ihm gegenüber. Diese formt sich zu dem alten Apfelweib, das ihn grinsend verspottet und feststellt, dass ihre Prophezeiung sich bewahrheitet habe. Anselmus setzt ihr entgegen, dass der Salamander sie stürzen würde. Die Alte behauptet, nur sie könne ihn befreien und zu Veronika bringen. Anselmus wehrt sich. Er wolle weder Hofrat werden, noch Veronika heiraten.
Die Alte lacht Anselmus aus. Ihr Vorhaben ist noch nicht vollendet. Sie wirft ihren Mantel ab und steht nackt vor ihm. Dann dreht die Alte sich wild, sodass Folianten und Pergamentrollen aus den Regalen fliegen und sie in eine schuppige Rüstung kleiden. Der Kater springt aus einem Tintenfass und begleitet sie ins blaue Zimmer. Von dort ist ein Toben und Brausen zu hören, bis die Alte mit dem goldenen Topf zurückkehrt. Sie schreit wild auf, dass die grüne Schlange getötet werden solle. Anselmus hört Serpentinas Stöhnen. Voller Verzweiflung nimmt er all seine Kraft zusammen, um die Kristallflasche zu zerschlagen. Da erscheint der Archivarius Lindhorst und setzt sich der Hexe entgegen. Ein Kampf entfacht. Die Alte hetzt ihren Kater auf, der allerdings vom grauen Papagei aufgehalten wird. Der Archivarius kämpft mit Feuer, die Hexe mit Erde aus dem goldenen Topf. Serpentinas Stimme spricht von Rettung. Als der Papagei den Kater tötet, verschwindet auch die Alte in dichtem Qualm. Nur eine Runkelrübe bleibt zurück. Der Papagei und Archivarius überreichen sich gegenseitig Symbole für den Sieg.
Der Archivarius Lindhorst ergreift den goldenen Topf und ruft Serpentina. Anselmus ist voller Freude über den Sieg. Er sieht im Archivarius den majestätischen Geisterfürsten. Dieser verkündet, dass Anselmus seine Treue gegenüber den feindlichen Prinzipien bewiesen habe und nun glücklich und frei sein solle. Ein Blitz durchzuckt Anselmus, der Dreiklang ertönt und das Glas um ihn zerbricht. Anselmus landet in Serpentinas Armen.
Analyse
Die 10. Vigilie beginnt mit der dritten Unterbrechung durch den Erzähler. Sie bewirkt eine kurze Auszeit von den Turbulenzen der vorherigen Vigilie und dient der Ironie, indem der Erzähler Vermutungen anstellt: »Mit Recht darf ich zweifeln, dass du, günstiger Leser! jemals in einer gläsernen Flasche verschlossen gewesen sein solltest« (82). Direkt darauf wird jedoch Anselmus’ Elend beschrieben, was das Mitleid beim Leser wecken soll.
Trotz oder aufgrund der Qualen gelingt es Anselmus, sich Serpentina wieder ins Gedächtnis zu rufen. Er erkennt sein Fehlverhalten in seinem Unglauben: »habe ich nicht schnöde Zweifel gegen dich gehegt? habe ich nicht den Glauben verloren und mit ihm alles, was mich hoch beglücken sollte?« (83) Mit der Rückbesinnung auf seine Geliebte wird das Gefängnis erträglicher. Anselmus beginnt wieder, die Bürde des irdischen Lebens abzuwerfen.
Die Kristallflasche kann unterschiedlich gedeutet werden. Zunächst ist darauf hinzuweisen, dass das Motiv des Kristalls hier eine negative Färbung erhält. Wo es sonst mit den lieblichen Stimmen von Serpentina und Veronika in Einklang gebracht wurde, nimmt es nun die Luft zum Atmen und die Bewegungsfreiheit.
Die weiteren Gefangenen können von derartigen Einschränkungen nichts spüren. Eine Erklärung liegt in ihrer rationalen Beschränktheit. Es handelt sich um klassische Vertreter des Bürgertums, für die die Arbeit beim Archivarius Lindhorst nur zum Geld verdienen, nicht für die Kunst gedacht war. Mit dem Lohn gehen sie ihren alltäglichen Freuden nach, können aber die Beschränktheit, die sie von Kunst, Natur, der Wahrheit oder dem höheren Sinn trennt, nicht wahrnehmen. Sie haben keinen Zugang zur mystischen Welt und damit zu Kunst und Poesie. Anselmus begründet dies mit den Worten: »die schauten niemals die holde Serpentina, sie wissen nicht was Freiheit und Leben in Glauben und Liebe ist, deshalb spüren sie nicht den Druck des Gefängnisses, in das sie der Salamander bannte, ihrer Torheit, ihres gemeinen Sinnes wegen« (84f.).
Eine gegenteilige Deutung findet statt, wenn man sich die Worte der Schüler und Praktikanten ansieht: »Der Studiosus ist toll, er bildet sich ein in einer gläsernen Flasche zu sitzen, und steht auf der Elbebrücke und sieht gerade hinein ins Wasser.« (84) Das Zitat lässt mutmaßen, dass sich die Gefangenschaft nur in Anselmus’ Kopf abspielt und er in Wirklichkeit an der Elbe steht. Betrachtet man das Werk unter dem psychologischen Aspekt, würde dies für Anselmus’ Wahnsinn und Schizophrenie sprechen. Selbst die Regungslosigkeit ließe sich mit Katatonie, einer motorischen Störung erklären, die eine Form der Schizophrenie ist. (Neubauer, 51)
Im Kampf zwischen dem Archivarius Lindhorst und der Alten unterstützen Ellipsen und Wiederholungen, teilweise mit Endreimen, die Sprache der mystischen Charaktere: »Frisch – frisch ‘raus – zisch aus, zisch aus« (87). Der Archivarius kämpft mit Feuer, die Alte mit Erde aus dem goldenen Topf, wie es ihren Elementen entspricht. Mit dem Sieg des Archivarius siegt das Gute über das Böse - klassisch für das Märchen. Von der Alten bleibt nur eine Runkelrübe zurück, was auf ihren Ursprung verweist, aber auch wieder ironisch zu verstehen ist. Gleich seinem Herren schlägt der Papagei den Kater. Mit dem Austausch von Katzenhaar und Runkelrübe wird nicht nur der Triumph gewürdigt, sondern auch die Loyalität des Papageien gegenüber seinem Herrn. Die Belohnung in Form von sechs Kokosnüssen lässt die Leser schmunzeln.
Anselmus wird für seinen Glauben belohnt, wird aus der Flasche befreit und darf mit seiner Geliebten zusammen sein. Der Dreiklang kündigt Serpentina an und gellende Akkorde verursachen den Bruch der Flasche. Wie so häufig im Stück haben Klänge und Musik eine große Bedeutung. Das Zitat »und er stürzte in die Arme der holden lieblichen Serpentina« (89) kann entweder als die Erfüllung seiner Träume, oder unter dem Aspekt des Wahnsinns als Selbstmord gedeutet werden. Dieser Interpretationsansatz führt jedoch weit weg vom märchenhaften Ende. (Neubauer, 52) Serpentina fungiert, gegensätzlich zum biblischen Motiv, als Erlöserin.