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Der goldne Topf

1. Vigilie

Zusammenfassung

Es ist der Himmelfahrtstag, nachmittags um drei Uhr, als ein junger Mensch in den Korb einer alten Marktfrau rennt. Peinlich berührt wird der junge Mann von den anderen Marktfrauen umringt. Er hält der Alten seinen spärlich gefüllten Geldbeutel hin, welchen diese gierig ergreift. Fluchend ruft sie ihm hinterher und kündigt dabei seinen Fall ins Kristall an. Der Student Anselmus, dem das Missgeschick widerfahren ist, sucht das Weite. Erschüttert und erschrocken von dem Erlebten flieht er schnellen Schrittes, um sich den Blicken der Menschen zu entziehen.

Anselmus hat ein gebildetes Gesicht und eine hochgewachsene Gestalt. Nur seine Kleidung passt nicht zusammen. Die Frauen vergeben ihm bei seinem Anblick dennoch und haben Mitleid. Ihr Lächeln erinnert Anselmus aber nur an die alte Marktfrau. Die Situation verfolgt ihn noch immer, als er die Linkischen Bade erreicht. Die dortigen Gäste lachen, während Anselmus den Tränen nahe ist. Der Zusammenstoß hat ihn um die geplanten Freuden des Feiertags gebracht. Er schlägt einen verlassenen Weg zur Elbe ein, findet unter einem Holunderbaum Rast und steckt sich eine Pfeife an.

Anselmus glaubt, zum Unglück geboren zu sein. Endlose Missgeschicke scheinen sein Dasein zu durchziehen. Er führt Selbstgespräche und malt sich aus, wie er heute hätte glänzen können, doch sein Pech verwehrt es ihm.
Sein Jammern wird unterbrochen, als er im Holunderbusch ein Rascheln vernimmt, das bald zu einem Lispeln und schließlich zu Worten wird. Anselmus kann diese nicht verstehen und hält es für den Wind. Da erblickt er drei grüngolden glänzende Schlangen. Es scheint ihm, als ob es Smaragde regnet und kristallene Glocken erklingen. Eine der Schlangen blickt Anselmus direkt in die Augen. Anselmus schaut in ein dunkelblaues Augenpaar, das in ihm ein Gefühl der tiefen Sehnsucht, eine Kombination aus höchstem Glück und tiefem Schmerz, entfacht. Der Holunderbusch, der Abendwind und die Sonne sprechen zu ihm, aber Anselmus versteht ihre Sprache nicht. Immer weiter versinkt Anselmus in den Anblick der Schlange und nimmt dabei herrliche Töne und Düfte wahr. Doch als der letzte Sonnenstrahl hinter dem Berg verschwindet, ertönt eine tiefe, raue Stimme, die all dem ein Ende macht. Die Glocken verstummen. Die Schlangen stürzen in die Elbe und hinterlassen ein grünes Feuer, das in Richtung der Stadt verdampft.

Analyse

In der 1. Vigilie wird die Hauptfigur des Märchens vorgestellt. Dabei wird zuerst eine Situation beschrieben, in die er gerät, bevor sein Name, Äußeres und weitere Informationen zu seiner Person preisgegeben werden. Der Zusammenstoß mit der Alten steht beispielhaft für zahlreiche Missgeschicke, die dem Studenten Anselmus widerfahren und diesen charakterisieren. Seine Kleidung, wie sie auf Seite 6 beschrieben wird, spiegelt seine ärmlichen Verhältnisse wider. Dabei verhält er sich wie ein durchschnittlicher Bürger, der es sich am Himmelfahrtstag mal so richtig gut gehen lassen will. Lange Selbstgespräche drücken seinen Unmut darüber aus: »Wahr ist es doch, ich bin zu allem möglichen Kreuz und Elend geboren!« (7). Anselmus ist ein Außenseiter, der gerne dazugehören will, aber dem dies verwehrt bleibt.

Die genauen Orts- und Zeitangaben sind untypisch für ein Märchen. Sie dienen dazu, die alltägliche bürgerliche Welt, in der sich Anselmus zu Beginn befindet, realistisch und nachvollziehbar darzustellen. Das Schwarze Tor bildet eine Ausnahme zu den übrigen Lokalitäten in Dresden, da dieses zur Entstehungszeit bereits abgerissen war. (Neubauer, 34) Dieser Fakt verstärkt dessen symbolischen Charakter: Am Schwarzen Tor findet die Begegnung mit der Alten statt und damit Anselmus’ erster Kontakt mit der mystischen Welt. Das Märchen beruht auf einer Zwei-Welten-Konstruktion. Das Schwarze Tor kann demnach als Tor zwischen den Welten interpretiert werden.

Neben Realität und Fantastischem findet eine Unterscheidung zwischen Gut und Böse statt, die sich im Verlauf der Handlung weiter verfestigt. Die Beschreibung der Marktfrau mit »altes hässliches Weib« sowie »[d]ie gellende krächzende Stimme des Weibes hatte etwas Entsetzliches« (5) sind typische Merkmale des Bösen und Hexenartigen. Dieses wird mit den Flüchen der Alten unterstrichen: »Ja renne – renne nur zu, Satanskind – ins Kristall bald dein Fall – ins Kristall!« (5). Die Wiederholungen, der Endreim sowie das in diesem Ausspruch verwendete Metrum des Anapäst (Betonung der dritten Silbe) verleihen den Worten den Klang einer Zauberformel. Das Motiv des Kristalls wird eingeführt. Für Anselmus sind die Worte der Alten vollkommen unverständlich. Gefühlsbeschreibungen wie »von einem unwillkürlichen Grauen ergriffen« (5) bringen seinen Zustand zum Ausdruck. Auch die Reaktion der Umstehenden unterstützen die Wirkung.

Im Kontrast dazu wird die Natur mit zahlreichen Adjektiven umschrieben. Personifizierungen unterstützen diese: »Dicht vor ihm plätscherten und rauschten die goldgelben Wellen des schönen Elbstroms, [...] streckte das herrliche Dresden kühn und stolz seine lichten Türme empor in den duftigen Himmelsgrund« (7). Ab Seite 9 steigert sich Anselmus’ Erleben jedoch in eine weitere Erfahrung mit dem Mystischen. Dieses wird mit zahlreichen klanglichen Effekten untermauert. In »[z]wischendurch - zwischenein - zwischen Zweigen, [...] schwingen, schlängeln, schlingen wir uns« (9) wird dieses noch durch Alliterationen, der Wiederholung des gleichen Anlautes, unterstützt. Die Wortwahl dient der Lautmalerei, der Onomatopoesie. Die drei grünen Schlangen werden mit dem »Dreiklang heller Kristallglocken« (10) verbunden, welcher diese im Laufe des Märchens immer wieder ankündigt. Erneut wird der Kristall als Motiv aufgegriffen und hier mit einem positiven Erlebnis verknüpft. Weiterhin dienen Synästhesien, eine Verknüpfung von gewöhnlich voneinander getrennten Sinneseindrücken, zur bildlichen Beschreibung: »Blumen und Blüten dufteten um ihn her, und ihr Duft war wie herrlicher Gesang von tausend Flötenstimmen« (11).
Anselmus erblickt die drei Schlangen und kann sich dem blauen Augenpaar einer von ihnen nicht entziehen. Die Schlange, ein weiteres Motiv im Märchen, erfüllt hierbei die christlich geprägte Rolle der Verführerin. Anselmus empfindet ein tiefes Gefühl der Sehnsucht, die durch die Gegensätze »der höchsten Seligkeit und des tiefsten Schmerzes« (10) beschrieben wird. Die unstillbare Sehnsucht ist ein Thema der Romantik, der Epoche, in welcher das Kunstmärchen entstand. Sie entrückt aus der beengenden Realität und zielt auf das Unbegreifliche, Imaginäre und die Unendlichkeit. (Varga, 97)

Das Mystische und Illusorische wird durch Zweifel von Seiten Anselmus’ jedoch unterbrochen und infrage gestellt: »Das ist die Abendsonne, die so in dem Holunderbusch spielt« (10). Durch seine Sinneswahrnehmungen wird er aber immer wieder in die fantastische Erfahrung gezogen. Dies bewirkt nicht nur eine Reflexion des Erlebten, sondern lässt auch die Lesenden mit der Frage zurück, was »echt« ist. Die Klänge und Stimmen der personifizierten Natur um ihn herum werden mit einem Schlag unterbrochen, als eine »raue tiefe Stimme« (11) die Schlangen zurückruft. Ihr Verschwinden in der Elbe wird mit einem Feuer beschrieben, ein Motiv, das in der Erzählung für Veränderung steht.

Die 1. Vigilie sowie die beiden folgenden dienen als Einstieg in das Märchen. Vigilien bezeichnen Nachtwachen. Der Erzähler ist auktorial.

Veröffentlicht am 24. Juni 2024. Zuletzt aktualisiert am 24. Juni 2024.