E.T.A. Hoffmanns Schaffenszeit war geprägt von politischen Umbrüchen. Als Preußen nach dem Sieg Napoleons 1806 zusammenbrach, war Hoffmann als preußischer Beamter hautnah davon betroffen. Es folgte die »Revolution von oben«, mit der eine blutige Volksrevolution, wie sie in Frankreich stattgefunden hatte, vermieden werden sollte. Die weitreichenden Reformen schafften binnen kurzer Zeit die nötigen Voraussetzungen für die Modernisierung und den Wiederaufbau Preußens. (Fellenberg und Küster, 73)
»Der goldne Topf« entstand von Juli 1813 bis Februar 1814. Während dieser Zeit hielt sich der Autor in Dresden und Leipzig auf und war somit unmittelbar mit den Befreiungskriegen konfrontiert, die 1812 nach Napoleons Niederlage begannen. Bezeichnend dafür war die Völkerschlacht 1813 in Leipzig. Trotz dieser immensen politischen Herausforderungen, sind solche im Märchen nicht nachvollziehbar. Womöglich erzielte Hoffmann damit die »Flucht aus einer rauen Wirklichkeit« oder einen »Gegenpol zu einer unruhigen, unsicheren Gegenwart« (ebd., 74). Manche Literaturwissenschaftler widersprechen jedoch dieser Annahme. Sie stellen indirekte politische Bezüge mit Anselmus’ Tollpatschigkeit her, die als Kontrast oder Verstoß zur damaligen rationalen und zweckmäßigen Verhaltensordnung gelesen werden kann. Das Unheimliche könnte für die düstere politische Lage stehen. (ebd., 75)
Deutlicher zeigen sich im Märchen hingegen autobiografische Einflüsse. Von 1808 bis 1813 hielt sich Hoffmann in Bamberg auf. Dort lebte er, ähnlich wie Anselmus, in ärmlichen Verhältnissen. Er hegte aber eine Freundschaft zum Patriziat, der Anselmus’ Verbindung zum Konrektor Paulmann ähneln mag. Außerdem verliebte er sich in die 15-jährige Gesangsschülerin Julia Marc, die mit ihren dunkelblauen Augen als Inspiration für Veronika und Serpentina diente. Ihr Geburtstag, der 18.03., ist weiterhin dem heiligen Anselmus zugeschrieben. Der Türklopfer, der Hoffmann zum Antlitz des Apfelweibes inspiriert haben soll, befindet sich in Kopie noch immer in Bamberg. (ebd., 75f.)
»Der goldne Topf« ist ein Kunstmärchen. Die Gattung ist zu Hoffmanns Schaffenszeit gerade mal 50 Jahre alt. Sie entstand in der Epoche der Aufklärung als Kontrast zum Rationalen und gewann in der Romantik deutlich an Aufschwung. Allgemein wurden Märchen, insbesondere Feenmärchen, ab dem 18. Jahrhundert wieder beliebter. Solche dienten auch Hoffmann als Vorbild. Dabei sind auch arabische Märchensammlungen wie »Tausendundeine Nacht« zu nennen, da hier bereits eine besondere Abbildung der Alltagsrealität erfolgte. Auch Opern wie Mozarts »Zauberflöte« zeigen Parallelen. Hoffmann dirigierte diese mehrmals, während er »Der goldne Topf« schrieb. Nicht nur die märchenhaften Elemente sind auffallend, auch Gemeinsamkeiten in Figurenkonstellation, Thematik und Aufbau zeichnen sich ab.
Eine weitere Quelle bildet das Romanfragment »Heinrich von Ofterdingen« von Novalis. Dieser stellte als Erster bei der Betrachtung von Poetik das Märchen in den Mittelpunkt. Außerdem thematisierte er in seinem Werk das sagenumwobene Reich Atlantis, das wie in »Der goldne Topf« einen von der gewöhnlichen Welt losgelösten Bereich darstellt. Aus naturphilosophischen Schriften von Gotthelf Heinrich Schubert (1780-1860) mögen Anregungen für den Jüngling Phosphorus und die Feuerlilie stammen. Eine todbringende Lilie, ein Jüngling und eine goldgrüne Schlange spielen allerdings auch in Goethes »Märchen« von 1795 eine Rolle. In »The Mission of Human Life« von James Beresford aus dem Jahr 1806 werden Missgeschicke beschrieben, die als Inspiration für Anselmus’ Ungeschick gedient haben könnten.
Der Einfluss des venezianischen Dramatikers Carlo Gozzi (1720-1806) auf sein Werk bestätigte Hoffmann selbst in einem Brief. (Neubauer, 43) Gozzi schrieb zehn Märchendramen, denen die italienischen Stegreifkomödie als Vorbild diente. Bei diesem »antiaufklärerische[n] Zaubertheater« (ebd., 44) vermischen sich Tragik und Komik. Hier tritt bereits die Skepsis gegenüber dem Märchenhaften im Märchen selbst aus. Das ist ein entscheidender Unterschied zum Volksmärchen, wo das Übernatürliche und Wunderbare nicht infrage gestellt werden.
Auch Einflüsse aus Medizin und Psychologie sind zu nennen. E. T. A. Hoffmann pflegte Bekanntschaften mit dem Bamberger Arzt Friedrich Speyer und Adalbert Friedrich Marcus, dem Vorsteher einer Nervenheilanstalt. Sie unterhielten sich über Symptome psychischer Erkrankungen, die sich auf den Protagonisten Anselmus übertragen ließen. Das Ende des Märchens wird damit in eine völlig andere Stimmung versetzt. (Fellenberg und Küster, 78)
Für Hoffmann bedeutete Kunst nicht nur Kreativität, sondern auch Broterwerb. Somit versuchte er, zwei Welten zu vereinen. Ähnliches galt für seine Bemühungen, Literatur, Musik und Malerei unter einem »universellen Kunstbegriff« zusammenzuführen. (Varga, 8)
Das Märchen ist der Romantik zuzuordnen, deren Leitmotive sich darin wiederfinden, zum Beispiel:
- das Hinwegsetzen über Gattungs- und Genregrenzen
- romantische Ironie als Illusionsbruch
- Vorliebe für Nacht, Traum, Unbewusstes und Unheimlich, Entzug aus dem Rationalem
- Reflexion über die Poesie
- das Kunstwerk als Prozess im Hinblick auf die Unendlichkeit
Das Märchen erschien erstmals 1814 als drittes Werk der vierbändigen Reihe »Fantasiestücke in Callot’s Manier«. Die zweite Auflage von 1819 beinhaltete nur wenige sprachliche und stilistische Änderungen. Zu diesen zählt allerdings auch der Titel. Aus »Der goldene Topf« wurde »Der goldne Topf«. Der Untertitel »Ein Märchen aus einer neuen Zeit« blieb bestehen. Ob dies von Hoffmann selbst oder dem Verlag vorgenommen wurde, ist nicht eindeutig geklärt. (Grobe, 25)