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Der goldne Topf

9. Vigilie

Zusammenfassung

Die jüngsten Erlebnisse distanzieren Anselmus von seinem bisherigen Leben. Er sieht seine Freunde nicht mehr und wartet jeden Tag ungeduldig darauf, das Haus des Archivarius Lindhorst aufzusuchen. Trotzdem muss Anselmus vermehrt an Veronika denken. Ihm scheint es, als käme sie zu ihm und mache Liebesgeständnisse und Versprechungen, ihn aus einem bösen Zauber zu befreien. Anselmus hat das Gefühl, als ob eine fremde Macht ihn zu Veronika zieht und ihn zwingt, ihr zu folgen. Besonders realistisch trägt sich dies in der Nacht zu, nachdem Serpentina ihm als Mensch erschienen ist. Erst nach dem Erwachen bemerkt Anselmus, dass er nur geträumt hat.

Veronikas Präsenz und Liebenswürdigkeit verwirren den Studenten. Bei einem Spaziergang versucht er seine Gedanken zu ordnen, doch wird er von einer übergeordneten Gewalt zum Pirnaer Tor gezogen. Dort trifft er auf den Konrektor Paulmann. Dieser fragt Anselmus, wo er denn abgeblieben sei und erwähnt, dass Veronika sich nach ihm sehne. Er drängt Anselmus, ihn nach Hause zu begleiten. Notgedrungen folgt dieser der Einladung.

In der Wohnung angekommen, kündigt der Konrektor Anselmus an und wundert sich darüber, dass Veronika fein zurechtgemacht erscheint. Es wirkt, als habe sie Anselmus erwartet. Beim Handkuss spürt Anselmus einen Druck, gefolgt von einem feurigen Kribbeln. Als die beiden allein sind, gelingt es Veronika, Anselmus aus seiner Schüchternheit zu locken, bis sie sich gegenseitig durchs Zimmer jagen. Dabei fällt Veronikas Nähkästchen um. Anselmus findet darin den kleinen Metallspiegel. Veronika schmiegt sich an ihn. Gemeinsam schauen sie in den Spiegel. Da brechen Bilder von Serpentina, Schlangen und dem Archivarius über Anselmus herein. Anselmus wird bewusst, dass er die ganze Zeit über nur an Veronika gedacht hat. Sie ist die Gestalt, die ihm im blauen Zimmer erschienen ist. Die Geschichte vom Salamander wurde ihm nicht erzählt, er hat sie nur aufgeschrieben. Anselmus ist über seine Träumereien verwundert, erklärt sie aber mit der Liebe zu Veronika und der Arbeit in Lindhorsts duftenden Zimmer. Laut lachend ruft er aus, dass Veronika die seine sei. Diese blickt ihm voller Liebe und Sehnsucht aus blauen Augen entgegen. Sie küssen sich. Anselmus ist von Glück erfüllt und bejaht Veronikas Frage, sie zu heiraten, wenn er Hofrat geworden ist.

Der Konrektor Paulmann kommt zurück und bittet Anselmus zum Essen und später zum Kaffee zu bleiben. Anselmus wendet ein, dass er zur Arbeit müsse. Als der Konrektor ihn darauf hinweist, dass es bereits 12:30 Uhr sei, beschließt Anselmus zu bleiben. Er erhofft sich weitere Blicke und Küsse von Veronika und alle Einbildungen zu vergessen.

Registrator Heerbrand verkündet nach dem Kaffee eine Überraschung dabei zu haben. Er stellt die Zutaten für einen Punsch bereit und es wird ein geselliger Abend. Doch das Getränk steigt Anselmus zu Kopf. Wieder sieht er Bilder vom Archivarius, dem Palmbaumzimmer und Serpentina. Bei der Berührung von Veronikas Hand nennt er ihren sowie Serpentinas Namen. Als der Registrator auf den wunderlichen Archivarius anstoßen will, erwacht Anselmus aus seinen Träumen und steuert bei, dass dieser eigentlich ein Salamander sei. Weitere Ausführungen dessen Herkunft betreffend entsetzen den Konrektor. Er hält Anselmus für verrückt. Der Registrator pflichtet Anselmus allerdings bei und bekräftigt seine Annahme mit einem Faustschlag auf den Tisch. Der Konrektor gerät außer sich. Anselmus verspottet ihn mit den gleichen Worten wie die Vögel im Garten des Archivarius. Der Registrator Heerbrand und Anselmus spielen sich die Bälle zu und warnen vor dem alten Apfelweib. Da mischt sich Veronika ein und beharrt darauf, dass dies ihre alte Wärterin Liese sei. Die Situation spitzt sich zu. Der Konrektor reißt sich die Perücke vom Kopf und schleudert sie gegen die Decke. Anselmus und der Registrator nutzen dies als Einladung, gleichsam Gläser und Punschkessel unter lautem Jubeln und Fluchen hinterher zu schmeißen. Fränzchen verlässt weinend das Zimmer. Veronika flüchtet sich voller Kummer auf das Sofa.

Ein kleiner Mann mit grauem Mantel, krummer Nase, federartigem Hut und Brille erscheint. Er lässt ausrichten, dass Archivarius Lindhorst vergebens auf Anselmus gewartet habe und sich dieser am nächsten Tag bei ihm einfinden solle. Beim Gehen erkennen alle, dass der Mann ein grauer Papagei ist. Der Konrektor Paulmann und Registrator Heerbrand brechen in Gelächter aus. Anselmus aber überkommt Entsetzen und er stürmt aus der Wohnung.

Veronika erscheint ihm. Ruhig und freundlich fragt sie, warum er sie so geängstigt habe. Anselmus solle sich vor weiteren Einbildungen hüten. Sie wünscht ihm eine gute Nacht und küsst ihn sanft. Anselmus will sie umarmen, doch die Traumgestalt ist bereits verschwunden. Er erwacht erholt und lacht über die Wirkungen des Punschs. Der Gedanke an Veronika erfüllt ihn mit Behaglichkeit. Anselmus dankt ihr innerlich, ihn von seinen Träumereien befreit zu haben und will sein Versprechen, sie zu heiraten, halten.

Beim Gang durch Lindhorsts Garten kann er nichts Ungewöhnliches feststellen. Die sprechenden Vögel sind nur gewöhnliche Sperlinge. Auch das blaue Zimmer erscheint ihm wenig beeindruckend. Der Archivarius Lindhorst begrüßt ihn mit seinem ironischen Lächeln. Er behauptet, gestern selbst bei der Gesellschaft dabei gewesen zu sein und im Punschtopf gesessen zu haben. Er verzeiht Anselmus für sein Fehlen und will ihn wegen seiner guten Leistungen auch für den gestrigen Tag bezahlen.

Anselmus hält die Worte des Archivarius für Blödsinn und macht sich an die Arbeit. Das Manuskript erscheint ihm wie ein großes Durcheinander aus Zeichen. Diesmal scheitert er. Die Tinte will nicht fließen und Anselmus spritzt einen Fleck auf das Original. Ein blauer Blitz schießt daraus bis an die Decke. Aus den Blättern kommen Basilisken mit flackerndem Feuer herab, die Palmstämme werden zu Riesenschlangen. Die Kreaturen winden sich um Anselmus. Der gekrönte Salamander erscheint in den Flammen und straft Anselmus für seine Taten. Die Schlangen speien Feuer, das zu einer eisigen Masse wird. Anselmus kann sich nicht regen und wird bewusstlos. Als er erwacht, muss er feststellen, dass er sich in einer Kristallflasche eingeschlossen in Lindhorsts Bibliothek befindet.

Analyse

Anselmus befindet sich zwar körperlich noch in der irdischen Welt, geistig lebt er aber in der fantastischen. Alles, was für ihn zählt, ist Serpentina. Doch ein äußerer Umstand treibt ihn aus diesen Sphären. Aus der Märchenperspektive ist es Veronikas Zauberspiegel, der nun seine Wirkung entfaltet. Allerdings stellt sich (wie in der gesamten Erzählung) die Frage, inwiefern die Begebenheiten von Übernatürlichem geleitet werden: »Zuweilen war es, als risse eine fremde plötzlich auf ihn einbrechende Macht ihn unwiderstehlich hin zur vergessenen Veronika, und er müsse ihr folgen, wohin sie nur wolle, als sei er festgekettet an das Mädchen.« (73) Der Sog zum Pirnaer Tor, wo er zufällig auf den Konrektor trifft und Veronikas Aufmachung, als habe sie Anselmus erwartet, unterstützen den Eindruck, dass höhere Mächte im Spiel sind.

Die Figuren von Veronika und Serpentina verschwimmen. Das Motiv des Doppelgängers, wie es häufiger in romantischen Werken verwendet wurde, prägt sich in dieser Vigilie vollständig aus. Hoffmann nutzte das Motiv in vielen seiner Erzählung und spielte dabei auf »psychische[s] Ungleichgewicht und außergewöhnliche[ ] Bewusstseinszustände[ ]« (Neubauer, 29) einer Figur, in diesem Falle Anselmus, an. Veronika gelingt es, Anselmus aus seiner Schüchternheit zu wecken und ähnelt damit Serpentina als Verführerin. Man könnte aber auch darin lesen, dass sie ihn aus seiner Melancholie befreit und somit zur (kurzzeitigen) Erlöserin wird. Ein Blick in Veronikas Zauberspiegel genügt, um Anselmus zurück in die bürgerliche Welt zu ziehen. Deutet man das Werk unter Anselmus’ Wahnsinn und psychischer Krankheit, wird hier ein Hoffnungsschimmer geweckt. Aus der Perspektive des Märchens kehrt sich dieser Gedanke um: Anselmus entfernt sich von Serpentina und damit von der fantastischen Welt. Aus der Deutungsperspektive, Anselmus entwickelt sich zum Poeten, wird auch dies unterbrochen, gar gefährdet.

Weiterhin ist eine Parallele zur Phosphorus-Geschichte zu ziehen. Anselmus gelangt zum Bewusstsein, der bei Phosphorus als Gedanke beschrieben wurde, und somit zurück in die Prinzipien der Aufklärung. Die wunderlichen Bilder, die er geschaut hat, waren nur Einbildungen und Träumereien, für die es nun rationale Erklärungen gibt: Er hat an Veronika gedacht. Ihr verspricht er nun seine Liebe. Anselmus macht also in beiden Welten die gleichen Versprechungen. Der Konflikt spitzt sich zu. Durch die Bewusstwerdung und rationale Denkweise entfernt er sich vom Fantastischen. Im Haus des Archivarius’ ist nichts mehr faszinierend und sonderbar: »Er sah nichts als gewöhnliche Scherbenpflanzen, allerlei Geranien, Myrtenstücke u. dergl.« (80) Das Gefühl von Behaglichkeit, das Veronika in ihm auslöst, ist »eine[s] der prägnantesten Attribute für die biedermeierlich-bürgerliche Atmosphäre.« (Varga, 83)

Diese wird in der 9. Vigilie aufgemischt. Grund dafür sind Alkohol und Rauschzustände. Der Arrak, welcher für den Punsch verwendet wird, wird aus Palmsaft gewonnen. (ebd., 81) Darin zeigt sich ein Bezug zum Palmbaumzimmer des Archivarius, das ebenfalls den Zugang zur mystischen Welt bietet. Der Alkohol erlaubt den engstirnigen Männern, das Sonderbare zu akzeptieren, während die gesitteten Verhaltensweisen verschwinden. Auffällig ist jedoch, dass nicht alle Äußerungen dem bloßen Rauschzustand zugeordnet werden können: Der Registrator macht Behauptungen, von denen er nichts wissen kann oder für die ihm der Zusammenhang fehlt: »Aber die Alte kommt ihm über den Hals« (78). Der Leser bleibt wieder mit der Frage zurück, inwiefern das Mystische tatsächlich in den Alltag eingreift. Die Punsch-Szene erlaubt eine Durchmischung der Welten. Selbst der Konrektor Paulmann, strenger Vertreter des Rationalen, schmeißt seine Perücke, und damit all seine strengen standesgemäßen Ansichten, an die Decke.
Veronikas Sichtweise wirft Fragen auf. War sie doch erst von den Spielen der Alten erschüttert und sicher, dass diese sich nur als ihre Wärterin ausgegeben hat, verteidigt sie sie und nimmt sogar, als einzige Figur im ganzen Märchen, deren Kater in Schutz.

Illusion erzeugt auch der Auftritt des Papageien, des Gehilfen des Archivarius. Wird dieser erst als Mensch beschrieben, sehen die Betrunkenen in ihm einen Papagei, was er, der 6. Vigilie zufolge, womöglich ist. Die Merkmale werden umgekehrt: In der bürgerlichen Welt wird über Hexen und Salamander gesprochen, Gläser fliegen an die Decke. Der Papagei, als Vertreter der mystischen Welt, appelliert aber an Pünktlichkeit und Arbeit.
Das Zitat »Anselmus durchzuckte der Wahnsinn des inneren Entsetzens« (79) lässt seinen Bezug zur mystischen Welt wieder aufleben, der durch den Papagei geweckt wurde. Anselmus flieht aus dem Haus der Paulmanns und damit aus der bürgerlichen Welt. Man könnte auch sagen, er flieht zurück in den eigenen Wahnsinn. Allerdings gelingt ihm die Rückkehr nicht. Veronika bleibt in seinem Gedächtnis und damit sein Anker in der bürgerlichen Welt.

Am Ende der 9. Vigilie kommt es zum vorausgesagten Fall ins Kristall. Dieser kann auch, wieder in Bezug auf die Phosphorus/Salamander-Geschichte und damit zur Schöpfungsgeschichte, als Sündenfall interpretiert werden. (Varga, 85) Anselmus ist zur rationalen Denkweise zurückgekehrt und hat sich von Serpentina und damit vom Wunderbaren und der Natur losgesagt und entfremdet. Er verliert seine Fähigkeiten. Das komplizierte Manuskript aus dem blauen Zimmer kann er nicht mehr lesen, da er die Wahrheit nicht erkennen kann. Stattdessen sieht er nur das Augenscheinliche. Nun beschimpft ihn der Salamander, als Vertreter der mystischen Welt, als Wahnsinnigen und Frevler, wie es vorher die Bürger getan haben. Anselmus ist zwischen den Welten gefangen, was sich bildlich im Gefängnis der Kristallflasche zeigt.
Das Umschlingen von Schlangen ist hier nicht angenehm und ersehnt, sondern wird zur tödlichen Qual. Die 9. Vigilie macht die Bipolarität des Stücks auf ganzer Linie deutlich. Sie bildet den Höhepunkt des Märchens, dem sich folglich die Lösung anschließt.

Veröffentlicht am 24. Juni 2024. Zuletzt aktualisiert am 24. Juni 2024.