Der goldne Topf
6. Vigilie
Zusammenfassung
Anselmus macht sich bereit, den Archivarius aufzusuchen. Die Erlebnisse beim letzten Versuch schiebt er auf den zuvor genossenen Magenlikör, den er diesmal weglassen will. Kurz vor seinem Aufbruch fällt sein Blick auf das Serum, das ihm der Archivarius gegeben hat, und ruft in ihm all seine Erlebnisse wieder bildhaft ins Gedächtnis. Anselmus überkommt ein Gefühl von Wonne und Schmerz sowie die Annahme, für Serpentinas Liebe einen hohen Preis zahlen zu müssen – die Schreibarbeit beim Archivarius. Überzeugt davon, dass ihm auf seinem Weg wieder Seltsames widerfahren wird, steckt er das Fläschchen mit dem Serum ein und träufelt es sogleich auf den Türklopfer, als er glaubt, das Apfelweib zu sehen. Das Gebräu wirkt und Anselmus tritt ein.
Ein betörender Duft umfängt ihn. Er wartet unsicher im Flur, von dem zahlreiche schöne Türen abführen. Aus einer tritt der Archivarius, er heißt ihn willkommen und will ihm das Laboratorium zeigen. Sie schreiten durch ein Gewächshaus voller sonderlicher Pflanzen, Figuren, Stimmen und Düfte. Obwohl keine Fenster zu erkennen sind, breitet sich ein magisches Licht aus. Von dem Gewächshaus führen weitere Gänge in weite Ferne. Plötzlich ist der Archivarius Lindhorst verschwunden. Anselmus steht vor einem prächtigen Feuerlilienbusch, der ihn in Staunen versetzt. Feine Stimmen lachen und necken ihn. Sie stammen von bunten Vögeln, die Anselmus zahlreich umschwirren. Anselmus erkennt den Archivarius in dem Busch, dessen feuerfarbener Rock ihn nur täuschte, als dieser nach seinem Kaktus sah. Als der Archivarius Anselmus nach seiner Meinung zum Garten fragt, drückt er seine Bewunderung aus. Anselmus bemerkt aber auch, dass die Vögel ihn verspotten. Darauf beschwert sich der Archivarius bei einem großen grauen Papagei, der eine Brille trägt und für die Vögel verantwortlich ist. Dessen Widerrede lässt der Archivarius nicht zu.
Auf ihrem Weg durchqueren sie noch viele weitere Zimmer mit absonderlichen Möbeln und Gerätschaften. Sie gelangen in einen Raum mit blauen Wänden, der von goldbronzenen Palmbäumen umringt wird. Ihre Kronen aus smaragdgleichen funkelnden Blättern bilden die Decke. Auf einer Porphyrplatte in der Mitte des Raumes steht ein einfacher goldener Topf, von dem Anselmus seinen Blick nicht abwenden kann. Alles Mögliche scheint sich darin zu spiegeln. Er sieht sich selbst und auch Serpentina. Laut ruft er nach ihr. Der Archivarius drängt ihn weiter. Er behauptet, Serpentina habe Klavierstunden am anderen Ende des Hauses.
Anselmus ist noch ganz benommen, sodass der Archivarius Lindhorst ihn fest an der Hand packen muss, um ihm begreiflich zu machen, dass sie nun angekommen seien. Sie befinden sich in einem gewöhnlichen Arbeitszimmer, das von Bücherschränken gesäumt ist. Hier soll Anselmus seine Arbeit verrichten, bis er vielleicht später in das vorige Zimmer wechselt. Der Archivarius will Anselmus’ Werke sehen. Stolz reicht Anselmus sie ihm. Doch der Archivarius lächelt nahezu höhnisch bei der Betrachtung, was Anselmus verunsichert. Der Archivarius sieht das Talent des Studenten, doch Anselmus müsse noch viel Fleiß aufbringen und benötige bessere Materialien. Als er Anselmus seine Arbeit zurückgibt, ist dieser plötzlich selbst von dessen Anblick schockiert. Der Archivarius spricht ihm jedoch Mut zu. Er verlässt den Raum und Anselmus macht sich an die Arbeit. Trotz der Verunsicherung ist er sich sicher, dass die verunstaltete Schrift nicht sein Verschulden ist. Er gibt sich Mühe bei den Abschriften und kommt voran.
Um drei Uhr wird Anselmus vom Archivarius zum Mittagstisch gebeten, wo er bei gutem Wein ins für ihn ungewöhnliche Plaudern kommt. Pünktlich vier Uhr kehrt Anselmus an seinen Schreibtisch zurück. Die Arbeit gelingt ihm inzwischen mit Leichtigkeit. Doch dann beschleicht ihn eine innere Stimme. Würde ihm dies gelingen, wenn er nicht Serpentina im Sinn hätte? Mit leisen, lispelnden Kristallklängen vernimmt er ihre Hilfe. Serpentina flüstert ihm zu, standhaft zu bleiben, damit sie zusammen sein können. Voller Entzücken gelingt ihm die Abschrift noch leichter.
Um sechs Uhr betritt der Archivarius das Zimmer, um die Arbeit des Studenten zu sehen. Sein höhnisches Lächeln wandelt sich in Aufrichtigkeit und Milde. Seine ganze Gestalt verändert sich und wirkt auf einmal königlich. In feierlichem Ton verkündet der Archivarius Lindhorst, er habe gleich Anselmus’ Verbindung zu Serpentina erkannt, noch ehe Anselmus es ahnte. Serpentina liebe ihn. Wenn sie ein Paar werden, wird er den goldenen Topf gewinnen, der Serpentina gehört. Doch für dieses Glück müsse Anselmus kämpfen und innere Stärke gegen feindliche Mächte beweisen. Er soll beim Archivarius arbeiten, um seine Lehrzeit zu absolvieren. Glauben und Erkenntnis sowie die Liebe zu Serpentina führen ihn zum Ziel. Nach diesen Worten verabschiedet sich der Archivarius von Anselmus. Anselmus ist verwirrt. Draußen vor der Tür ruft ihm der Archivarius, wieder in seiner gewöhnlichen Gestalt, nochmal vom Fenster aus zu, dass Anselmus seine Bezahlung bereits erhalten habe. Tatsächlich befindet sich der Speziestaler in Anselmus’ Westentasche. Doch er kann sich nicht darüber freuen. Ihm ist unbehaglich zumute. Seiner Liebe zu Serpentina ist er sich aber sicher. Für sie will er weitermachen.
Analyse
In der 6. Vigilie werden Anselmus’ Erlebnisse beschrieben, welche in der 5. bereits vorweggenommen wurden. Dazu gehört der Einsatz der Tinktur, mit welcher er das Apfelweib am Türklopfer besiegt. Außerdem werden seine Erfahrungen mit der tödlichen Schlange in Zusammenhang mit dem zuvor genossenen Magenlikör gebracht. Dies eröffnet die Diskussion über die Frage, ob Anselmus' Erscheinungen dem Alkohol zuzusprechen sind. Auch in der 9. Vigilie eröffnet Alkohol Zugang zur fantastischen Welt. Hoffmann selbst war ein regelmäßiger Trinker und wurde als solcher von manchen Zeitgenossen abwertend betrachtet. (Varga, 89)
Anselmus betritt das Haus des Archivarius. Wie in der Analyse der 5. Vigilie beschrieben, lassen sich dabei Parallelen und Gegensätze zur Behausung der Rauerin ziehen. Doch während Veronika von Schrecken und Grauen gepackt wird, taucht Anselmus in eine faszinierende Welt übernatürlicher Düfte und Klänge ein. Die mystische Welt wird bildreich und ausführlich durch Anselmus’ Sinneseindrücke beschrieben. Damit hebt sie sich von der alltäglichen Welt ab. Die Unterbrechung von Anselmus’ Staunen durch die Neckereien der Vögel sorgt für Witz und Ironie, ebenso der graue Papagei mit seiner Brille und ernsthaften Miene. Er fungiert als tierischer Begleiter des Archivarius als Gegenstück zum Kater der Alten.
Der Feuerlilienbusch stellt nicht nur eine Parallele zur Geschichte aus der 3. Vigilie dar, er dient auch zu einer weiteren trügerischen Illusion. Der feuerfarbene Morgenrock des Archivarius spiegelt seine eigentliche Gestalt des Salamanders und das Element Feuer wider, von dem man jedoch erst in der 8. Vigilie erfahren wird.
Neben dem Zaubergarten erhält Anselmus auch Zutritt in das Palmbaumzimmer, das voller Symbole steckt. Die Wände sind in der Farbe Blau gehalten, die für die Romantiker von großer Bedeutung war. Die blaue Blume in Novalis’ »Heinrich von Ofterdingen« ist das Sinnbild der romantischen Sehnsucht. (Varga, 97) Die Palmbäume mit ihren smaragdgrünen Blättern stellen den Bezug zur Natur dar und unterstreichen das Fantastische. In der Mitte des Zimmers befindet sich der goldene Topf. Obwohl es sich dabei um Metall handelt, nimmt der goldene Topf eine Sonderstellung ein und steht über den anderen metallischen, negativ gefärbten Instrumenten. »Die exponierte Stellung des goldenen Topfes zeigt, dass es sich bei ihm nicht nur um eines der zahlreichen Märchenrequisiten handelt, sondern ganz allgemein um ein Symbol des Wunderbaren.« (Fellenberg und Küster, 51) Er ist auf einer Porphyrplatte platziert, ein Vulkangestein, das erneut den Bezug zum Feuer herstellt. (Varga, 69) Der Gegenstand des Topfes birgt ein weiteres ironisches Element, wenn man bedenkt, dass Hoffmann ursprünglich von einem Nachttopf ausgegangen ist. Der goldene Topf dient als Spiegel – ein Motiv der mystischen Welt. Anselmus erblickt darin nicht nur sich selbst, sondern erhält einen Einblick in seine Sehnsüchte, einen Einblick in das Paradies Atlantis, beschrieben mit der Hyperbel »Es war als spielten in tausend schimmernden Reflexen allerlei Gestalten auf dem strahlend polierten Golde« (50).
Anselmus’ eigentliches Arbeitszimmer fällt wesentlich bescheidener aus. Beim Anblick von Anselmus’ Arbeiten weist der Archivarius darauf hin, dass diese noch ausbaufähig seien. Erst nach der Kritik fallen Anselmus die gleichen Fehler auf. Betrachtend man das Werk unter Anselmus’ Entwicklung zum Poeten, wird deutlich, dass er sich hier noch am Anfang befindet. Der Archivarius wird zu seinem Mentor, was die Worte »Indem du hier arbeitest, überstehst du deine Lehrzeit« (54) andeuten. Anselmus selbst beschleicht bereits ein Gefühl: »Es war ihm in den Augenblick so, als könne Serpentinas Liebe der Preis einer mühevollen gefährlichen Arbeit sein, [...] und diese Arbeit sei keine andere, als das Kopieren der Lindhorstischen Manuskripte.« (47)
Anselmus' Verwirrung über die plötzliche Verschlechterung seiner Arbeiten überträgt sich auf die Lesenden und appelliert an den fließenden Übergang zwischen alltäglicher und mystischer Welt. Die genauen Zeitangaben repräsentieren eigentlich die bürgerliche Seite. Dass auch der Archivarius Lindhorst als Vertreter der fantastischen Welt solche vorschreibt, bekräftigt die Ironie.
Mit Serpentinas Hilfe gelingen Anselmus die Kopien, was vor allem durch die Wahrnehmung von lieblichen Klängen beschrieben wird. Musik und Dichtkunst fließen hierbei ineinander, eine Überschreitung der Genregrenzen, wie sie von den Romantikern angestrebt wurde.
Bei der Überprüfung der Kopien wandelt sich (wieder einmal) die Gestalt des Archivarius Lindhorsts. Er erscheint nun königlich und erhaben, womit der Märchencharakter unterstrichen wird. Seine zynische Miene weicht einer milderen. Wo man anfänglich noch zweifeln konnte, inwiefern der Antiquar zu den Guten gehört, erleichtert diese Erscheinung die Zuordnung. Sein vorzeitiges Wissen über die Liebe zwischen Anselmus und Serpentina offenbaren seine übernatürlichen Fähigkeiten. Er spricht von feindlichen Prinzipien, denen sich Anselmus stellen müsse. Auf dem Weg in die Poesie müssen alte Muster abgelegt werden. Außerdem sind Glaube und Liebe notwendig, ein Muster, wie es noch vielfach im Märchen wiederholt wird. Der goldene Topf wird als Serpentinas Mitgift zum Sinnbild für Erfolg und unendliches Glück. Die metaphorische Sprache von dem »verhängnisvollen Faden [,den] feindliche Mächte spannen« oder Ausdrücke wie »Glauben und Erkenntnis führen dich zum nahen Ziele, wenn du festhältst an dem, was du beginnen musstest« (54) sind abstrakt und lassen das Mystische sich entfalten.
Anselmus ist aber davon erschüttert. Noch überfordern die wundersamen Erlebnisse den Studenten. Serpentina verkörpert jedoch das ersehnte Ideal und wird zu Anselmus’ Motivation.