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Der goldne Topf

11. Vigilie

Zusammenfassung

Beim Anblick seiner Stube fragt sich der Konrektor Paulmann, wie es am gestrigen Abend so weit kommen konnte. Der Registrator hat auf dem Sofa übernachtet. Er gibt nicht dem Punsch, sondern Anselmus die Schuld, der alle mit seinem Wahnsinn anstecke. Der Konrektor deckt auf, dass es sich beim Papagei um einen Gehilfen des Archivarius’ gehandelt hat. Dem Registrator ist trotzdem nicht wohl zumute. Anselmus habe ihm alles verdorben, doch der Konrektor wüsste nicht, worum es geht. Plötzlich ruft er mehrfach den Namen des Konrektors, schüttelt ihm die Hand und eilt davon. Konrektor Paulmann beschließt, Anselmus nicht mehr ins Haus zu lassen, nachdem dieser nun auch dem Registrator den Kopf verdreht hat.

Veronika zeigt sich trübselig und schweigsam. Nur manchmal lächelt sie seltsam und ist am liebsten allein. Der Konrektor hält auch ihr Verhalten für Anselmus’ Schuld. Laut spricht er die Vermutung aus, dass Anselmus Angst vor ihm habe und sich deshalb nicht mehr blicken lasse. Veronika hört ihren Vater und fragt unter Tränen, ob denn Anselmus herkommen könne, wo er doch in der gläsernen Flasche eingesperrt sei. Aufgebracht macht sich der Konrektor auf den Weg zum Doktor Eckstein, überzeugt davon, dass seine Tochter verrückt geworden ist. Dieser spricht von Nervenzufällen, die sich wieder legen und empfiehlt Ablenkung in Form von Spaziergängen und Ausflügen.

Monate vergehen, in denen Anselmus und der Registrator Heerbrand verschwunden bleiben. Anfang Februar steht letzterer jedoch in neuer Kleidung und mit Blumenstrauß in der Hand vor der Tür des Konrektors. Zu Veronikas Namenstag will er eine freudige Nachricht überbringen. Er kenne diese schon seit dem Abend mit dem Punsch, wollte allerdings auf die offizielle Bestätigung warten: Der Registrator wurde zum Hofrat ernannt. Konrektor Paulmann fehlen vor Überraschung die Worte. Hofrat Heerbrand sieht darüber hinweg und bittet um die Hand seiner Tochter Veronika. Ihren Blicken zu urteilen, glaubt der Hofrat, dass sie ihn möge. Auch darüber ist der Konrektor überrascht. Wenn Veronika den Hofrat Heerbrand liebe, will er einwilligen. Vielleicht ist das der Grund für ihre Stimmung.

Veronika tritt hinzu. Sie wirkt blass und verstört. Der Hofrat Heerbrand überreicht ihr den Blumenstrauß und ein Päckchen. Als Veronika die darin liegenden Ohrringe sieht, bekommt sie Farbe im Gesicht. Sie behauptet, diese bereits vor Wochen getragen und sehr an sich gemocht zu haben. Der Hofrat ist darüber pikiert. Angeblich habe er sie erst vor wenigen Stunden gekauft. Während Veronika sich im Spiegel betrachtet, berichtet ihr Vater ihr von der Standeserhebung und dem Antrag. Veronika behauptet, von den Absichten des Hofrates gewusst zu haben. Sie will seinen Antrag annehmen, müsse zuvor aber dringend mit den Herren sprechen.

Veronika gesteht, Anselmus geliebt zu haben, besonders als die Aussicht bestand, dass dieser Hofrat werden könne. Allerdings schienen fremde Wesen ihn ihr entreißen zu wollen. Darauf suchte sie Zuflucht bei ihrer ehemaligen Wärterin, die nun eine weise und große Zauberin sei. Diese versprach ihr Hilfe, Anselmus für sich zu gewinnen und schuf bei nächtlichem Zauber den Metallspiegel. Veronika bereut jedoch ihre Taten und schwört den bösen Geistern und teuflischen Künsten ab. Als der Salamander über die Alte gesiegt und der Papagei die Runkelrübe gefressen hat, zerbrach ihr Spiegel. Veronika überreicht dem Hofrat den Spiegel, welchen er um Mitternacht an einer bestimmten Stelle in die Elbe werfen soll. Außerdem gibt sie ihm eine Haarlocke, die er für sich behalten darf. Sie wünscht Anselmus alles Gute mit der reichen und schönen Schlange. Sie selbst wird die Frau des Hofrats.

Der Konrektor hält seine Tochter für wahnsinnig. Hofrat Heerbrand sieht das anders. Er glaubt an feindliche und übernatürliche Neigungen. Veronikas Erzählung interpretiert er jedoch als Gleichnis für den Abschied von Anselmus. Er glaubt, dass Anselmus durchaus von geheimen Mächten befangen sei. Dem Konrektor steigt dies über den Kopf. Er begründet die Aussagen des Hofrats mit wahnwitziger Verliebtheit, die sich hoffentlich in der Ehe legt. Er gibt den beiden seinen Segen und gestattet einen Kuss. Gleich darauf wird die Verlobung festgehalten. Wenige Wochen später erfüllt sich Veronikas Vision, Frau Hofrätin zu sein.

Analyse

Der Beginn der 11. Vigilie trägt sich vor der 10. zu und ist eine Rückblende auf die Geschehnisse im Haus Paulmann. Nach dem Verschwinden des Registrators erfolgt ein Zeitsprung von mehreren Monaten auf den 4. Februar. Der zeitliche Rahmen wird somit festgesteckt, untypisch für die Gattung des Märchens.

Nachdem die Wirkung des Punsches nachgelassen hat, kehren die Herren wieder in ihre rationale Denkweise zurück. Sorgen und Zweifel des Registrators kann der Konrektor Paulmann mit logischen Erklärungen beschwichtigen: Der graue Papagei wird als Gehilfe des Archivarius entlarvt und die merkwürdigen Geräusche als Schnarchen: »›die ganze Nacht über hat es so wunderlich georgelt und gepfiffen.‹ – ›Das war ich‹, erwiderte der Konrektor; ›denn ich schnarche stark.‹« (90) Der damit erzeugte Kontrast zwischen zuvor fantastischer Wahrnehmung und jetziger banaler Alltäglichkeit sorgt für Ironie.

Zurück in der bürgerlichen Perspektive wird der Wahnsinn als Gefahr interpretiert, dem auch Veronika verfallen zu sein scheint. Die Einschätzung des Doktors relativiert diese aber. Für Überraschung sorgt die Beförderung des Registrators Heerband zum Hofrat und löst sein geheimnistuerisches Verhalten auf. Der 4. Februar erhält als Veronikas Namenstag und dem damit verbundenen Antrag eine tiefere Bedeutung. Dieser hält die Lösung für Veronika bereit:

Ihre Entschlossenheit zeigt sich nochmals, als sie die Herren bittet, ihr zuzuhören. Veronika gesteht ihre Liebe zu Anselmus, den sie aber jetzt loslassen kann. Serpentina wird auch von ihr zu einem Ideal erhoben: »da er nunmehr mit der grünen Schlange verbunden, die viel schöner und reicher ist, als ich.« (94) Veronika behauptet weiterhin von bösen Mächten vereinnahmt gewesen zu sein. Mit ihrer Erklärung und Reue sichert sie sich die Sympathie bei den Lesenden. Veronika handelte aus Verzweiflung und Liebe, erkennt nun ihren Fehler und wünscht Anselmus alles Gute. Der zerbrochene Metallspiegel symbolisiert den gebrochenen Bann der Alten. Obwohl sie den bösen Geistern abschwört, hält sie an dem Glauben fest, dass Anselmus die grüne Schlange heiratet. Ihre Überzeugungen bleiben demnach vom Mystischen gefärbt. Dies zeigt sich auch in dem Paar Ohrringe, das der Registrator ihr schenkt. Veronika behauptet, diese bereits getragen zu haben, dabei hat sich das nur in einer Vision (vgl. 37, 5. Vigilie) zugetragen. Die Ohrringe dienen aber gleichzeitig als Indiz für die tatsächliche Erfüllung ihrer Vision. Veronika erreicht ihr Ziel: Sie wird die angesehene Frau Hofrätin, auch ohne Anselmus an ihrer Seite.

Der Umgang mit dem Mystischen wird vom Konrektor Paulmann und Hofrat Heerbrand unterschiedlich vorgenommen. Während der Konrektor sich diesem vollständig verschließt, lässt der Hofrat immerhin eine Interpretation von Veronikas Worten zu und spricht sich selbst für übernatürliche Neigungen aus: »denn ich weiß ja wohl, dass der Anselmus auch von geheimen Mächten befangen, die ihn zu allen möglichen tollen Streichen necken und treiben.« (95) Wie ernst die Worte des Registrators (sowie auch Veronikas) zu verstehen sind, bleibt den Lesenden überlassen. Schließlich will er Veronikas Herz gewinnen. Dies gelingt ihm schließlich. Auch der Konrektor respektiert die Wünsche seiner Tochter und gibt den beiden den Segen.

Während der Registrator nach langer Abwesenheit wieder aufgetaucht ist, bleibt Anselmus verschwunden. Eine Erklärung findet sich in der letzten Vigilie.

Veröffentlicht am 24. Juni 2024. Zuletzt aktualisiert am 24. Juni 2024.