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Der goldne Topf

4. Vigilie

Zusammenfassung

Der Erzähler fragt den Leser, ob er solche Tage kenne, an denen nichts gelingen will; an denen einen die Sehnsucht nach etwas Größerem überkomme, die man sich jedoch nicht auszusprechen traue. Man verstumme für die Umwelt und könne sich am allgemeinen Leben nicht mehr erfreuen. Dies sei Anselmus’ Zustand.

Anselmus wandelt durch sein Leben, ist von Sehnsucht erfüllt und am liebsten allein, um sich mit dieser auseinanderzusetzen. Bei einem Spaziergang kommt er am Holunderbusch vorbei und fühlt sich von diesem angezogen. Als er sich niederlässt, ist es ihm, als ob er die Erscheinungen ein zweites Mal erlebt. Anselmus ruft und rüttelt an dem Busch, um noch einmal in die blauen Augen der Schlange zu blicken. Der Holunderbusch bleibt stumm, doch Anselmus beschleicht die Erkenntnis, dass er das Schlänglein mit den blauen Augen zutiefst liebt. Er glaubt, dass er mit ihr zusammen sein könne und sich so seine Träume erfüllen.

Von nun an geht er jeden Abend zu der Stelle, um am Holunderbaum nach der Schlange zu rufen. Eines Abends wird er von einer hageren Gestalt beobachtet. Anselmus erschrickt, als er die Stimme erkennt, die am Himmelfahrtstag die Schlangen vertrieben hat. Es ist der Archivarius Lindhorst. Er fragt Anselmus, was er von dem Baum wolle und warum er ihn nicht aufgesucht habe, um seine Arbeit zu beginnen. Verzweifelt bricht es aus Anselmus heraus, dass der Archivarius seine geliebte Schlange vertrieben habe. Als der Archivarius lächelnd nachfragt, fühlt sich Anselmus erleichtert und erzählt ihm die ganze Geschichte. Der Archivarius hält Anselmus entgegen dessen Besorgnis keineswegs für verrückt. Die drei Schlangen seien seine Töchter. Dass Anselmus sich in die jüngste, Serpentina, mit ihren blauen Augen verliebt habe, überrasche ihn nicht. Er habe es bereits am Himmelfahrtstag gewusst, als er sie nach Hause rief. Für Anselmus scheint dies alles einleuchtend. Der Archivarius zeigt ihm einen funkelnden Ring an seiner Hand, den Anselmus sich näher ansehen soll. Der Stein sendet Strahlen aus, aus denen sich ein kristallener Spiegel bildet. Anselmus erkennt darin die goldenen Schlangen. Die Mittlere reckt ihren Kopf aus dem Spiegel und schaut Anselmus aus ihren blauen Augen an. Sie fragt ihn, ob er an sie glaube. Nur darin liege Liebe. Anselmus ist voller Entzücken und ruft Serpentinas Namen. Da haucht der Archivarius auf den Spiegel und das Bild verschwindet. Für heute sei es genug, behauptet der Archivarius. Wenn Anselmus bei ihm arbeite, könne er seine Tochter so oft sehen wie er wolle, zumindest wenn seine Arbeit zufriedenstellend ist.

Die Worte des Archivarius Lindhorst holen Anselmus zurück in die Gegenwart, was sich für ihn wie ein harter Kontrast anfühlt. Wie im Kaffeehaus spürt er das Grauen, das vom Archivarius ausgeht. Als dieser den Studenten fragt, warum er noch nicht bei ihm erschienen sei, erzählt Anselmus von den Vorkommnissen an der Haustür. Der Archivarius kennt das beschriebene Apfelweib, das ihm gern einen Streich spielt. Er gibt Anselmus eine Flüssigkeit, die er, wenn nötig, auf die Nase der Alten träufeln soll. Der Archivarius Lindhorst verabschiedet sich und erwartet Anselmus am morgigen Tag um 12 Uhr.

Beim Gehen fährt der Wind in seinen Rock und lässt ihn wie Flügel aussehen. In der Dämmerung erhebt sich plötzlich ein weißgrauer Geier und Anselmus fragt sich, ob es sich dabei um den Archivarius handele. Er bemerkt, dass seine sonderbaren Traumgestalten tatsächlich in sein Leben getreten sind. Doch das ist ihm gleich, wo es doch Serpentina gibt. Nur sie kann seine Sehnsucht stillen. Er ruft ihren Namen laut aus, worauf er sich einen abwertenden Kommentar eines Passanten einholt. Anselmus eilt nach Hause und hofft, nicht dem Konrektor Paulmann oder Registrator Heerbrand über den Weg zu laufen. Doch er begegnet keinem.

Analyse

Die 4. Vigilie beginnt mit einer Ansprache des Erzählers an den Leser. Er wechselt damit vom auktorialen Erzähler zum Ich-Erzähler. Es findet eine Unterbrechung der Handlung und somit ein Bruch der Illusion statt. Dies ruft zum einen Verwirrung hervor, zum anderen wird der Leser zur Teilnahme aufgefordert und die »Erzählung selbst [...] zum Gegenstand des Erzählers.« (Fellenberg und Küster, 61) Dies war eine der Grundthematiken der Romantik. (Neubauer, 38) Die direkte Ansprache als Bruch aus dem Illusorischen beinhaltet außerdem eine gewisse Ironie, ein bedeutendes Stilmittel in der Romantik allgemein und Hoffmanns Werken im Einzelnen. Ironisch sind auch die Schlagwörter, die als Einstieg in die Kapitel dienen, aber nicht zwangsläufig die wichtigsten Inhalte wiedergeben: »[...] und der Student Anselmus niemandem begegnete«. (28)
In der Ansprache wird außerdem die Bezeichnung »Vigilien« mit der nächtlichen Schreibzeit des Erzählers erklärt. Dieser ermuntert zum Glauben an das Wunderbare und verdeutlicht damit die Zwei-Welten-Konstruktion. Der Leser befindet sich in der alltäglichen Welt und soll mit Hilfe der Geschichte den Zugang zur Fantastischen finden: »Versuche es, geneigter Leser!« (29)

Die erbetene Empathie des Lesers soll weiterhin dazu dienen, Anselmus’ Gemütszustand zu beschreiben, der sich erneut in Melancholie niederschlägt. Die Rückkehr zum Holunderbusch ruft Erinnerungen in ihm wach, die als Flucht in die Einbildung gedeutet werden könnten. Als der Archivarius Lindhorst auftaucht, werden die Traumbilder wieder Realität. Der Wahnsinn wird zur erlebten Wirklichkeit.

Die Schlangen werden als seine Töchter entlarvt. Der Name von Anselmus’ Geliebter lautet Serpentina, welcher das lateinische »serpens« beinhaltet, was »Schlange« bedeutet. Am Ende des Kapitels kommentiert ein Passant den Namen als unchristlich, was unter der Bedeutung, welche Schlangen in der Bibel zugeschrieben werden, nachvollziehbar ist.

Ein kristallener Zauberspiegel lässt Anselmus einen Blick auf sie werfen. Dabei werden gleich mehrere Motive bedient. Der Spiegel ist ein klassisches Element im Märchen, das Einblicke in Verborgenes gewähren kann. Die Wiederaufnahme des Kristalls stellt die Verbindung zum Archivarius und seinen Töchtern her. In der romantischen Naturphilosophie ist er ein Zeichen der guten Magie. (Fellenberg und Küster, 53) Der Stein, der am Ring des Archivarius den Spiegel erzeugt, wird als ein »in wunderbaren Funken und Flammen blitzende[r]« (33) beschrieben. Damit wird der Bezug zum Feuer hergestellt, welches für den Archivarius, wie man später erfährt, von großer Bedeutung ist.
All diese Symbole erschaffen etwas Übernatürliches, ein Fenster in die mystische Welt, das Anselmus in seinen Bann zieht.

Dennoch geht vom Archivarius etwas Bedrohliches aus. Seine Stimme war es, die die Schlangen vertrieben hat: »Sie! Herr Archivarius, schrien und riefen so erschrecklich übers Wasser her«. (31) Die Hoffnung, Serpentina nun öfter zu sehen, lässt ihn jedoch über dieses Hindernis hinwegsehen. Der Anblick Serpentinas entfacht in Anselmus ein hemmungsloses Gefühl von Sehnsucht und Entzücken, das ihn alles andere vergessen lässt. Die Liebe wird zur treibenden Kraft und Serpentina zum Ideal erhoben: »Du lebst und glühst in meiner Brust, holde, liebliche Serpentina, nur du kannst die unendliche Sehnsucht stillen, die mein Innerstes zerreißt.« (35) Serpentina kommt in dieser Vigilie das erste Mal zu Wort und stellt die später noch häufig wiederkehrende Forderung nach Glaube und Liebe. (vgl. 33)

Erst mit der Nennung von Registrator Heerbrand, einer Figur aus Anselmus’ bürgerlichem Leben, gelingt es dem Archivarius, diesen aus seinen Träumen zu wecken. Fantasie und Schwärmerei weichen der Forderung nach Arbeit und Pünktlichkeit. Anselmus’ subjektive Beschreibung des Archivarius stellt den Kontrast zu den vorherigen Bildern und Klängen von Serpentina her. Anselmus empfindet bezüglich Archivarius Lindhorsts zwar ein unheimliches Gefühl, doch die Alte wird deutlich als Lindhorsts Gegenspielerin bezeichnet. Die Pole von Gut und Böse bilden sich langsam aus.

Die 4. Vigilie schließt mit einer weiteren Metamorphose ab, bei der Anselmus zwischen der Verwandlung des Archivarius in einen Geier oder dem bloßen Vergleich damit steht. Dieser wird mit der Beschreibung des weißgrauen Überrocks auf Seite 31 beim Erscheinen des Archivarius bereits eingeleitet. Verben wie »vorkam« und »schien« (35) unterstützen den Aspekt des Vergleichs und die Verankerung in der bürgerlichen Welt. Es erscheint aber tatsächlich ein Geier, als der Archivarius verschwindet. Die Grenze zum Mystischen wird durchlässig. Durch die Beschreibung des beschleunigenden Schrittes des Archivarius gewinnt die Passage zusätzlich an Dynamik. Zum Schluss ist es den Lesenden selbst überlassen, welche der beiden Möglichkeiten sie in Betracht ziehen.

Veröffentlicht am 24. Juni 2024. Zuletzt aktualisiert am 24. Juni 2024.