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Mutter Courage und ihre Kinder

Aufbau des Werkes

»Mutter Courage und ihre Kinder« wurde immer wieder als »eines der epischen Musterdramen« bezeichnet (Kugli 2001: 385). Im Stück habe Brecht »die neuen Darstellungsmittel konsequent eingesetzt« (ebd.). Daran ist grundsätzlich wenig auszusetzen. Kugli nennt als Belege »die vorangestellten Inhaltsangaben (Titularien), die kommentierenden Songs, die offene Form des Stücks ohne fixierten Beginn und Ende, die Szenen, in denen parallele Handlungen auf der Bühne gleichzeitig dargestellt werden« (ebd.).

Freilich kann dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass »Mutter Courage und ihre Kinder« insgesamt kaum einen modernistischen Eindruck macht. Szenen, in denen parallele Handlungen gleichzeitig dargestellt werden, sind kein unbedingt klassisch modernes Phänomen – man denke nur an die Gartenszene im Faust I. Und auch wenn das Stück kein fixiertes Ende im engen Sinne aufweisen kann, ereignet sich zwischen Beginn und Ende immerhin der komplette Zerfall einer Familie. Eine Handlung, die sogar ziemlich linear dargestellt respektive erzählt wird, findet ja statt.

Allerdings wird die Bezeichnung modernistisch einem brechtschen Stück natürlich niemals gerecht. Ein Vergleich zu den Stücken aus den 1920er und den frühen 1930er-Jahren kann verdeutlichen, was hier gemeint ist. Während in »Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny« das epische Theater in Reinform zu bewundern ist, ist »Mutter Courage und ihre Kinder« um ein vielfaches mimetischer angelegt.

»Mutter Courage und ihre Kinder« ist zwar als »Chronik aus dem Dreißigjährigen Krieg« überschrieben, ist aber dem Aufbau nach ein Stationendrama. Freilich ist der Rekurs zur Prosa, der durch die Bezeichnung als Chronik vollzogen wird, nicht zufällig. Das Stück ist ein episches Stationendrama, weist einerseits auf prosaische Vorbilder hin: hier vor allem dem Roman von der Landstörzerin Courasche von Grimmelshausen. Andererseits aber lässt sich ebenfalls ein Bezug auf Stücke der klassischen Moderne feststellen: etwa – topografisch-formal – auf August Strindbergs »Nach Damaskus«. Gleichzeitig besteht eine Referenz auf den Naturalismus: etwa in Form von Gerhart Hauptmanns »Vor Sonnenaufgang«. Brechts Stück ist ein historisches, aber gleichzeitig auch ein ambitioniertes Stück.

Dennoch kann erkannt werden, dass die episodische Struktur nicht nur vom Formprinzip gefordert wird, sondern sich in wesentlichen Teilen dem Stoff selbst verdankt. Schließlich zieht Mutter Courage rastlos über die europäischen Schlachtfelder. Auch werden – allein durch die Evokation der Epoche des Barock – Assoziationen an Schelmen- (Grimmelshausen) oder Reiseromane (Reuter) geweckt. Der Bezug auf Christian Reuter und dessen Roman »Schelmuffsky« liegt etwa in der grundsätzlichen Anlage der beiden Werke. In beiden Werken wird eine Reise dargestellt, an deren Ende der Protagonist verarmt ist. Das Stück befindet sich also durchaus auch in einer epischen Tradition. Dies schlägt sich im Stoff nieder, was wiederum auf den Aufbau zurückwirkt.

Sicherlich kann man das Stück nicht mehr ohne weiteres mit den klassischen Dramentheorien vollumfänglich erklären. Dennoch: Das Stück hat eine Exposition (Bild 1), einen Höhepunkt (Bild 7), als retardierendes Moment kann der kurze Frieden aus Bild 8 herhalten, die Katastrophe kann im Tod Kattrins gesehen werden (Bild 11) und sogar eine Anagnorisis (Wiedererkennung) wird – wenngleich negativ – performiert: Mutter Courage erkennt Schweizerkas dezidiert nicht wieder.

Im Übrigen könnte auch argumentiert werden, dass eine weitere Anagnorisis unaufgelöst bleibt. Bis zum Schluss ist Mutter Courage der Meinung, Eilif würde noch leben. Es ist also möglich, dass die Katastrophe – der Moment, in dem Courage erkennt, dass alle ihre Kinder tot sind – nur aufgeschoben ist.

Doch unabhängig davon lässt sich feststellen, dass Brecht hier in einer durchaus parodistisch-ironischen Weise auf klassische Strukturmuster der Tragödie zurückgreift.

Veröffentlicht am 20. November 2023. Zuletzt aktualisiert am 20. November 2023.