Katz und Maus

Zitate

„Selbst wären wir beide erfunden, ich müßte dennoch. Der uns erfand, von berufswegen, zwingt mich“ (6).

Der Erzähler Pilenz streut hier bereits Zweifel an seiner Zuverlässigkeit. Der erste Satz gibt die Möglichkeit zu bedenken, dass selbst er erfunden sein könnte. Der zweite Satz schließlich gibt zu, dass Pilenz erfunden ist. Schon hier wird auf den fiktionalen Charakter des Textes verwiesen. Ein Text, der sich selbst als erfunden ausgibt, ist typisch postmodern.

 

 

„Natur, wo man hinschiß“ (115). Vom Erzähler geäußert.

Bei diesem Zitat handelt es sich um ein Beispiel für das Erzählen von den Dingen her, das Grass immer wieder vollzieht. Dort, wo sich der Erzähler erleichtert, entsteht Natur. Die Natur wartet nicht darauf, dass sich in sie erleichtert wird, sie wird erst durch die Zugabe von Kot zur Natur. Gleichzeitig kann der Satz auch philosophisch begriffen werden. Die Natur ist nichts anderes als Überbleibsel von Leben, die Natur entsteht aus dem Vergehen.

 

„[I]ch will zu den U-Booten. Na also, endlich! Das ist die einzige Gattung, die noch Chancen in sich hat“ (99). Von Mahlke geäußert.

Dieser Satz steht symptomatisch dafür, wie Mahlke versucht, seine Chancen auf das Ritterkreuz zu erhöhen. Bezeichnend ist, dass er später nicht bei den U-Booten, sondern bei der Panzertruppe landet. Die einzelnen Waffengattungen finden sich auch in den zwei Rednern in der Aula mit Mahlke als verhindertem Redner wider. Zunächst die Luftwaffe, dann die Marine, schließlich die aus der Infanterie hervorgegangene Panzertruppe (die gleichzeitig nahe bei der Artillerie ist).

 

„Als zum erstenmal ein ehemaliger Schüler und Abiturient unserer Schule von der Front zurückkam, unterwegs dem Führerhauptquartier einen Besuch abgestattet und nun den begehrten Bonbon am Hals hatte, rief uns, mitten im Unterricht, ein besonderes Klingelzeichen in die Aula“ (51). Vom Erzähler geäußert.

Dieser Satz ist wichtig, weil hier geschildert wird, was Mahlke sich erträumt. Es ist der erste Besuch eines Kriegshelden und gleichzeitig wird hier bereits enthüllt, worum es sich bei dem „begehrten Bonbon“ handelt. Das Ritterkreuz des eisernen Kreuzes wurde „vom Führer selbst“ (Neuhaus, 2010a: 39) vergeben. So wissen Leser, auch ohne dass Pilenz den Orden beim Namen nennen muss, worum es sich handelt.

 

„Wandererkomstdu“ (55). Verkürzte Redewiedergabe. Ursprünglich von Direktor Klohse geäußert, zitiert von Pilenz.

„Wanderer kommst Du nach Sparta“ ist der Anfang einer legendären Inschrift, die besonders im Dritten Reich populär war. In ihr werden Pflichtbewusstsein und Aufopferungswille als Ideale formuliert. Nach dem 2. Weltkrieg wurde dieser Spruch vor allem durch Heinrich Bölls Kurzgeschichte Wanderer kommst du nach Spa... ins Negative gewendet. Da Pilenz selbst auf Böll hinweist (86), handelt es sich um einen intertextuellen Verweis.

 

„Kein U-Boot-Bart“ (68). Vom Erzähler geäußert.

Der U-Boot-Bart ist heutzutage vor allem mit Wolfgang Petersens Film Das Boot verbunden. Aber schon damals hatte der U-Boot-Bart etwas von rauem Heldenwesen. Dass der Kapitänleutnant in der Aula ohne Bart auftritt, enttäuscht die Jungen, die sich einen Krieger, keinen Intellektuellen gewünscht haben. Pilenz nimmt hier die Perspektive des Kindes, das er einmal war, ein.

 

„Schwamm Mahlke auf dem Rücken, torkelte der Holzgriff auf seiner Brust, verdeckte aber nie vollkommen jenen fatalen Knorpel zwischen Kinnlade und Schlüsselbein, der als Rückenflosse ausgefahren blieb und eine Kielspur riß“ (9). Vom Erzähler geäußert.

Mahlke wird hier mit einem Kriegsschiff verglichen (Hasselbach, 1990: 97). Gleichzeitig hat er aber auch etwas Tierisches (Rückenflosse). Dazu kommt, dass der Adamsapfel als „fataler Knorpel“ bezeichnet wird. Fatal ist ein Adjektiv, das sich von Fatum ableitet. Fatum wiederum bedeutet Schicksal. Es ist also vom schicksalsträchtigen Knorpel die Rede. Wenn man nun noch weiß, dass der Knorpel der Adamsapfel ist, wird klar, dass es sich hier um eine handfeste biblische Anspielung handelt. Der Adamsapfel ist der Grund für die Sünden Mahlkes.

 

„ – und schwamm sich frei“ (8). Vom Erzähler geäußert.

Der erste Schritt raus aus der Bedeutungslosigkeit gelingt Mahlke durch seine Schwimmkünste. Der Satz ist typisch für Grass, weil er doppeldeutig ist. Einerseits ist „sich freischwimmen“ eine normale verbale Aussage. Andererseits ist der Satz aber metaphorisch zu verstehen. Der Satz bedeutet also auch so etwas wie: Mahlke konnte die Enge seines Daseins ablegen. Zusätzlich kontrastiert er das „sich freischreiben“ Pilenz'.

 

„mea culpa“ (86). Vom Erzähler geäußert.

Die lateinische Phrase bedeutet „durch meine Schuld“ und ist fester Bestandteil der katholischen Liturgie. Es ist auffallend, dass Pilenz das Schuldeingeständnis nur in der ritualisierten Form glückt, die ihm die Liturgie zur Verfügung stellt. Pilenz weiß also, dass er schuldig ist.

 

„Und es stand mit Buchstaben gedruckt: Ein Sohn unserer Stadt hat in pausenlosem Einsatz, zuerst als einfacher Richtschütze, dann als Panzerkommandant und so weiter und so weiter“ (121). Vom Erzähler geäußert.

Dieser Satz nimmt stereotype Wendungen der Zeit auf. Dadurch kommt ein intertextueller Bezug zustande. Dazu kommt, dass bewusst mit dem leeren Pathos der Formulierungen gespielt wird. Pilenz muss gar nicht zu Ende zitieren, weil sowieso alle wissen, wie der Text weitergeht: pathetisch. Hier zeigt sich exemplarisch die sarkastische Art von Katz und Maus.

Veröffentlicht am 16. August 2022. Zuletzt aktualisiert am 21. September 2022.