Katz und Maus

Kapitel X

Zusammenfassung

Pilenz muss mittlerweile als Luftwaffenhelfer an der Strandbatterie Brösen-Glettkau Dienst tun. Vormittags muss er zur Schule, nachmittags zum Dienst. Über Schüler von Mahlkes neuer Schule erfährt er, dass Mahlke inzwischen das Notabitur bekommen hat und zum Reichsarbeitsdienst eingezogen wurde.

Im Februar besucht Pilenz seinen Freund Esch, der im Lazarett in Oliva liegt. Danach trifft er zufällig Mahlke in einer Allee.

Das Gespräch zwischen den beiden ist von Hemmungen geprägt, sie können sich nicht ungezwungen unterhalten. Sie verabschieden sich bald.

Im Februar 1941 schließlich besteht Pilenz sein Abitur und wird ebenfalls zum Arbeitsdienst eingezogen. Er versucht es nochmal, bei Tulla zu landen, hat allerdings keinen Erfolg. Auch die Schwester von Hotten Sonntag will nicht mit ihm schlafen.

Bevor er den Dienst antritt, will er sich von Hochwürden Gusewski verabschieden. Nachdem er diesen besucht hat, trifft er Mahlkes Tante auf der Straße, die ihm unvermittelt Feldpost von Mahlke zeigt.

Trotz der Aufforderung, den Brief zu lesen, liest Pilenz ihn zunächst nicht, sondern konzentriert sich auf die ungelenken Zeichnungen, die Mahlke unter den Text gesetzt hat. Pilenz identifiziert das Gekritzel als durchgestrichene, sowjetische T-34. Mahlke bringt in den Zeichnungen zum Ausdruck, wie viele Panzer er bereits zerstört habe (da er nicht bei den U-Booten, sondern bei der Panzertruppe gelandet ist).

Schließlich überfliegt Pilenz den Brief doch und verabschiedet sich von der Tante.

Analyse

Das zehnte Kapitel beginnt wieder mit einer Schilderung der Rahmenhandlung. Die Verantwortung für den Text wird nun auf Pater Alban übertragen. Dadurch wird dieser zwar nicht mitschuldig, Pilenz hat aber eine weitere Rechtfertigung für sein Schreiben gefunden.

Bezeichnend, dass damit das vielleicht unfreiwillige Geständnis »das muß weg« (89), wieder relativiert wird. Damit verweist Pilenz auf einen weiteren Akteur, nachdem er bereits im ersten Kapitel auf den Autor verwiesen hat. Man kann das verstehen als Versuch, Verantwortung von sich wegzuschieben. Gerade jetzt, wo die Novelle sich ihrem Ende nähert, macht es den Eindruck als zögere Pilenz, als schrecke er vor der Erkenntnis der eigenen Verantwortung zurück.

Durch dieses Spiel zwischen Zugeben und Wegschieben wird der ganze Text auf eine intensive Weise dynamisch. Es ist nicht nur die eigentliche Handlung, die interessiert, sondern auch das Erzählen selbst. Auch dies ist typisch postmodern. Wichtig ist hier, dass es sich um einen Mechanismus der Leseraktivierung handelt. Die widersprüchlichen Verhaltensweisen sorgen dafür, dass das Geschehen selbst dann spannend bleibt, wenn eigentlich gar nichts geschieht.

Und tatsächlich passiert im Kapitel nicht viel. Pilenz muss Dienst machen und liest einen Brief. Dieser Brief aber ist interessant.

Er besteht einerseits aus der Schrift, dem Brieftext, andererseits aber aus Kritzeleien, die Panzer darstellen. Die Frage besteht, warum es so wichtig ist, dass die Kritzeleien so aussehen »als hätte ein Schulkind« (111) sie gezeichnet? Vielleicht soll hier ein fundamentaler Bruch innerhalb der Persönlichkeit Mahlkes dargestellt werden. Einerseits ist er bereits ein Mann, er ist Soldat, angehender Kriegsheld, Briefschreiber. Auf der anderen Seite aber zeichnet er noch wie Kind. Hierin einen Hinweis auf Entwicklungsdefizite zu sehen, scheint nicht ganz falsch zu sein. Mahlke, der zu früh als Ersatz für den Vater herhalten musste, ist selbst noch ein Kind. In den ungelenken Zeichnungen deutet sich also einerseits Mahlkes Erfolg an (es sind die Panzer, die er bereits zerstört hat) und andererseits seine Tragik, die zur Notwendigkeit seines Scheiterns wird.

Veröffentlicht am 10. Oktober 2022. Zuletzt aktualisiert am 20. Oktober 2022.