Der blonde Eckbert

Prüfungsaufgaben

  • Erstellen Sie eine Formanalyse aller drei Strophen des Liedes »Waldeinsamkeit«.

    Die drei Strophen des Liedes sind über den gesamten Text verteilt und erscheinen in den Absätzen 21,45 und 68.

    Jede der Strophen besteht aus sechs Versen mit unregelmäßigem Metrum. Einen strengen zweihebigen Jambus findet man in den Versen 2, 4 und 5 der ersten Strophe sowie in den Versen 2, 3 und 5 der zweiten Strophe und schließlich in den Versen 2 und 4 der dritten Strophe. Alle übrigen Verse weisen zum Teil jambische, zum Teil daktylische Strukturen auf, die relativ frei verwendet werden. In den Versen 3 und 5 der dritten Strophe werden Jambus und Anapäst miteinander verbunden.
    Auffällig sind der dritte und vierte Vers in der zweiten Strophe: »O dich gereut/ Einst mit der Zeit. –« Auf den jambischen dritten Vers folgt mit dem vierten Vers ein Daktylus, dessen zweite Senkung abgeschnitten ist, was durch den angefügten Gedankenstrich zusätzlich betont wird. Einen Vers, bei dem mindestens eine Senkung im letzten Versfuß fehlt, bezeichnet man als »katalektisch«. Durch das Verfahren der Katalexe entsteht an dieser Stelle im Lied eine rhythmische Offenheit, die auf der Inhaltsebene eine ungewisse, möglicherweise bedrohliche Zukunft andeutet.

    Das Reimschema des Liedes lautet in der ersten Strophe abbaba, in der zweiten Strophe aababa und in der dritten abaaba. In jeder Strophe gibt es also sowohl Paarreime als auch Kreuzreime und umarmende Reime, die in komplexer Verschränkung zusammenwirken.

    Für jede der drei Strophen gilt, dass alle Kadenzen männlich sind, mit Ausnahme der ersten und letzten Zeile, die jeweils nur aus dem Wort »Waldeinsamkeit« besteht und folglich mit einer unbetonten Silbe endet, also eine weibliche Kadenz hat. Diese in jeder Strophe gleichbleibende Rahmung durch das Wort »Waldeinsamkeit« ist eine sogenannte »Epanadiplose«. Mit diesem Wort wird das Stilmittel der Wiederholung des ersten und letzten Wortes in einem Vers oder einer Strophe bezeichnet. Die Epanadiplose wird zur Verstärkung einer Aussage eingesetzt, was in diesem Fall die zentrale Bedeutung des Begriffes »Waldeinsamkeit« noch einmal hervorhebt.

  • Erläutern Sie die inhaltlichen Veränderungen in den drei Strophen des Liedes »Waldeinsamkeit« und ihre Funktion.

    Als Bertha das Lied des Vogels zum ersten Mal hört, ist sie acht Jahre alt und gerade von der alten Frau, der sie im Wald begegnet ist, in deren Hütte aufgenommen worden. In der ersten Version singt der Vogel von »Waldeinsamkeit, die mich erfreut«. Die Situation in der zurückgezogenen Stille des Waldes und der einfachen Hütte ist eindeutig positiv konnotiert.

    Zum zweiten Mal wird das Lied erwähnt, als Bertha als junge Frau in einem gemieteten Haus in der Stadt lebt. Sie hat die Alte heimlich verlassen, ihr kostbare Edelsteine gestohlen, von denen sie ihr neues Leben finanziert, und den zurückgelassenen Hund verhungern lassen. Den Vogel in seinem Käfig hat sie mitgenommen. Mit seinem neuen Text »Waldeinsamkeit, wie liegst du weit! O dich gereut« wird auf die veränderte Situation hingewiesen. Die Zeit bei der Alten liegt in weiter Ferne, doch Bertha ist in ihrer neuen Lage nicht wirklich glücklich. Aufgrund ihrer Missetaten lasten schwere Schuldgefühle auf ihr. Darum erträgt sie das Lied des Vogels nicht mehr und tötet ihn.

    Ganz am Schluss des Märchens, als Eckbert halb wahnsinnig durch die Landschaft irrt und dabei schließlich der Alten aus dem Wald begegnet, ertönt das Lied zum dritten Mal, diesmal mit den Worten: »Waldeinsamkeit mich wieder freut, mir geschieht kein Leid.« Ganz offensichtlich ist es der von Bertha getötete Vogel, der es singt. Ist er wieder zum Leben erwacht? Oder ist er nur eine Halluzination Eckberts? Auf diese Fragen gibt das Märchen keine Antwort. Deutlich wird aber mit dem Wort »wieder« und der erneut positiven, zufriedenen Grundstimmung der Strophe, dass sich hier ein Kreis schließt und durch die Rache der Alten die ursprüngliche Ordnung wiederhergestellt wurde.

  • Beschreiben Sie, woher der Begriff »Waldeinsamkeit« stammt und welche Entwicklung diese Wortschöpfung im Laufe der Literaturgeschichte genommen hat.

    Das Wort »Waldeinsamkeit« ist eine Neuschöpfung des Dichters Ludwig Tieck. Mit ihm wird der romantische Topos des Waldes als Ort des Unheimlichen und Bedrohlichen begründet. Von Tiecks literarischen Freunden war es ursprünglich jedoch kritisiert worden, als er ihnen das Märchen vortrug. Wilhelm Heinrich Wackenroder (1773–1798) hielt die Konstruktion für »undeutsch« und meinte, sie müsse wenigstens »Waldeseinsamkeit« heißen.

    Nach der Veröffentlichung des »blonden Eckberts« in der Märchensammlung »Phantasus« im Jahr 1812 wurde das Wort auch von anderen Autoren verwendet. Hier erhält es allerdings zum Teil eine Bedeutungsverschiebung hin zu typisch spätromantischen, religiös-verklärenden Konnotationen und entfernt sich damit sehr weit von Tiecks ursprünglicher Wortverwendung. So nahm Joseph von Eichendorff 1831 ein Gedicht in seinen Roman »Dichter und ihre Gesellen« auf, das mit den Versen beginnt: »Waldeinsamkeit / Du grünes Revier/ Wie liegt so weit/ Die Welt von hier!«.

    1841 veröffentlichte Ludwig Tieck selbst eine Novelle – seine letzte – unter dem Titel »Waldeinsamkeit«. Auch wenn er darin den Titel des Zauberlieds aus dem »blonden Eckbert« noch einmal aufgreift, ist dieses Alterswerk der Spätromantik bzw. dem Übergang von der Spätromantik zum frühen Realismus zuzuordnen. In der Novelle gibt es einen intertextuellen Selbstbezug. Tieck lässt eine der Figuren das Lied zitieren und darüber sinnieren, wie ein Begriff, der vor Jahren außergewöhnlich war, nun allgegenwärtig geworden sei.

    Auch Heinrich Heine veröffentlichte 1851 ein Gedicht mit dem Titel »Waldeinsamkeit«. Sogar ein Gedicht des US-amerikanischen Schriftstellers Ralph Waldo Emerson (1803–1882) aus dem Jahr 1858 trägt diesen Titel als unübersetzter Germanismus.

    Fälschlich betrachtet man heute oft Joseph von Eichendorff als Urheber dieses Neologismus und vor allem als Begründer einer damit verbundenen Thematik von Innerlichkeit, mönchischem Leben und Rückzug in die Idylle. Diese Verwechslung zeigt aber nur umso deutlicher, welchen gewaltigen Einfluss die Arbeit Tiecks auf die weitere Entwicklung der literarischen Romantik ausgeübt hat.

  • Charakterisieren Sie die Ehe von Ritter Eckbert mit Bertha und ihre Entwicklung.

    Bertha lernt Eckbert einige Zeit, nachdem sie die Hütte der Alten verlassen hat, kennen. Über dieses Kennenlernen und die Zeit ihres ersten Verliebtseins erzählt sie in ihrer Geschichte auffallend wenig. Zwar erwähnt sie, dass Eckbert ihr »überaus gefiel« (S.18). In erster Linie aber scheint sie seinen Heiratsantrag angenommen zu haben, weil sie aufgrund ihrer Schuldgefühle eine unbestimmte Lebensangst fühlte und sich außerdem auch ganz konkret vor ihrer Aufwärterin fürchtete. So bedeutete die Ehe mit Eckbert Sicherheit und Stabilität für sie. Eckbert ist es offenbar unangenehm, dass Bertha ihre Eheschließung gegenüber Walther nur kurz und recht nüchtern schildert. Dass er »hastig« (S. 18) ergänzt, wie schön sie gewesen sei und wie »unbeschreiblich« (ebd.) er sie geliebt habe, wirkt wie eine Rechtfertigung seiner anschließenden Bemerkung: »Ich hatte kein Vermögen, aber durch ihre Liebe kam ich in diesen Wohlstand.« (ebd.)

    Es entsteht daher der Eindruck, dass beide ganz pragmatische Gründe für die Heirat hatten und diese für sie eine Art Tauschgeschäft war. Ihr gegenwärtiges Zusammensein wird als liebevoll, innig und freundschaftlich beschrieben. Leidenschaft scheint es indes zwischen ihnen von Anfang an nicht gegeben zu haben. Ihre Kinderlosigkeit passt in das Bild ihres ruhigen und sehr zurückgezogenen Lebens, in dem es nur wenig Geselligkeit und kaum Freunde gibt. Doch damit nicht genug: Man erfährt auch nichts über gemeinsame Ziele und Lebensinhalte der beiden, und man ahnt, dass die Beständigkeit und Ruhe dieser Ehe auch Langeweile und stille Frustration bedeuten könnten. Nicht von ungefähr heißt es gleich zu Anfang: »beide schienen [Hervorhebung d. Red.] sich von Herzen zu lieben« (S. 3).

    Das Gefühl einer unterschwelligen Bedrohung, die mit diesem gleichförmigen und nahezu stillstehenden Leben einhergeht, ist daher gegenwärtig. Es wächst an, nachdem Bertha Walther ihre Lebensgeschichte erzählt hat und die Eheleute dem Freund nicht mehr trauen. Die weitere Entwicklung der Handlung von Eckberts Mord an Walther über Berthas Tod bis zu Eckberts Agonie und Verzweiflung bestätigen, wie begründet dieses Gefühl von Anfang an gewesen war. Als Eckbert erfährt, dass Bertha in Wahrheit seine Halbschwester war, sagt er: »Warum hab ich diesen schrecklichen Gedanken immer geahndet?« (S. 24) So schließt sich der Kreis: Die Vergehen der Vergangenheit können nicht durch eine Pseudo-Idylle ungeschehen gemacht werden. Gerade die Tatsache, dass sie immer unter Verschluss gehalten wurden, führt schließlich zur Katastrophe.

  • Nennen Sie typische Merkmale der epischen Kurzform des Märchens. Worin unterscheiden sich Volks- und Kunstmärchen, und welche Position nimmt »Der blonde Eckbert« innerhalb dieser Gattung ein?

    Das wichtigste Gattungsmerkmal des Märchens ist die Vermischung von realer und magischer Wirklichkeit. Beide Ebenen sind nicht nur gleichberechtigt nebeneinander vorhanden, sondern gehen ineinander über, bedingen sich manchmal wechselseitig und verschwimmen miteinander.

    Das Volksmärchen weist dabei trotz dieser inhaltlich fließenden Grenzen eine klare Grundstruktur auf, die mit festgelegten Formeln wie »Es war einmal« oder »Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute« ein- und ausgeleitet wird. Zu dieser Struktur gehört auch das feste Handlungsschema von Ausgangskrise, Bewährung des/der Helden durch Prüfungen und Erlösung. Am Ende siegt immer die Gerechtigkeit: Das Gute wird belohnt, das Böse bestraft.

    Das Kunstmärchen kann, muss aber nicht die Merkmale des Volksmärchens übernehmen. Als individuelle Schöpfung eines bestimmten Künstlers ist es freier in der Gestaltung, sowohl inhaltlich als auch formal. Das konstituierende Hauptmerkmal aber, nämlich das Neben- und Miteinander der realen Alltagswirklichkeit und der magischen Wirklichkeit, bleibt auch im Kunstmärchen erhalten. Betrachtet man das romantische Programm (vgl. »Historischer Hintergrund«), so wird klar, warum das Märchen mit seinen entgrenzenden Elementen eine besonders beliebte Prosaform im Zeitalter der Romantik ist.

    »Der blonde Eckbert« ist somit eindeutig ein Kunstmärchen. Es spielt mit einigen Elementen des Volksmärchens, etwa im ersten Satz »In einer Gegend des Harzes wohnte ein Ritter«. Ort und Zeit (das Wort »Ritter« verweist auf das Mittelalter) werden hier in märchentypischer Weise gleich zu Anfang genannt. Auch die Binnenhandlung mit Berthas Lebensgeschichte weist typische Inhalte des Volksmärchens auf. Dazu gehört, dass Bertha in Armut und traurigen Verhältnissen aufwächst, sich fortwünscht und auf einen Weg begibt, um sich ihre kindlichen Wünsche zu erfüllen. Während im Volksmärchen aber am Schluss ihre Befreiung und Belohnung stehen würden (wie beispielsweise in »Hänsel und Gretel«), wird diese Struktur hier ins Gegenteil verkehrt. Berthas Wünsche erweisen sich als unerfüllbar, ebenso wie Eckberts Sehnsucht nach Freundschaft und Nähe.

    Im Volksmärchen, aber auch in vielen Kunstmärchen gibt es Zauberwesen, die einer magischen Wirklichkeit entspringen und zu denen die Menschen Kontakt herstellen können. Dazu gehören Elfen, Feen, Zwerge, Nixen und sprechende Tiere. Manchmal sind sie bösartig und wollen den Helden auf einen falschen Weg bringen, häufig aber erweisen sie sich als Retter in der Not. Im »blonden Eckbert« ist es der mysteriöse Vogel, der in menschlichen Worten singt und zu dem Bertha vielleicht eine besondere Beziehung aufbauen könnte. Doch sie versäumt ihre Chance und macht sich den Vogel durch ihr Verhalten zum Gegner, den sie schließlich tötet.

  • Beschreiben Sie die ersten zwei Zeitabschnitte in Berthas Jugend sowie ihre inhaltliche Verschränkung mit den Geschehnissen der Rahmenhandlung.

    Die Rahmenhandlung ist in einer fiktiven Gegenwart auf einer Burg im Mittelalter angesiedelt. Diese Gegenwart ist die zentrale Zeitebene, auf die sich alle weiteren Ebenen beziehen. Eines Abends erzählt Bertha Walther, dem Freund ihres Mannes Eckbert, ihre Lebensgeschichte. Damit setzt die Binnenhandlung ein. Während die Rahmenhandlung die Erzählperspektive des auktorialen Erzählers einnimmt, spricht Bertha in der Binnenhandlung aus der Ich-Perspektive. Berthas Biografie ist »ein Blick in die Vergangenheit und eine erste Grenzüberschreitung des Raumzeitlichen, indem das erzählerische Mittel der Rückblende eingesetzt wird« (Neubner 84).

    Neubner verweist auch auf die »zweifache Sozialisation« (ebd.) in Berthas Biografie, ihre Jahre als kleines Kind bei der Hirtenfamilie und ihre Adoleszenzzeit bei der Alten im Wald. Er zeigt in seiner sozialpsychologisch angelegten Analyse die doppelten Konsequenzen für Berthas Zukunft auf: der Wunsch nach Reichtum und Erlösung aus sozial schwachen Verhältnissen entsteht im Rahmen ihrer ersten Sozialisation. Aus diesem Wunsch heraus lädt Bertha im Rahmen ihrer zweiten Sozialisation Schuld auf sich, indem sie ihren Reichtum auf Diebstahl und Verrat an der Alten gründet. Sie schafft es so jedoch nicht, die Wünsche zu erfüllen, die während ihrer ersten Sozialisation entstanden sind: »Zugleich schließt sich damit der semantische Bogen zum Wunsch, die Familie mit Edelsteinen zu beschenken, denn nun befindet sie sich zwar in deren Besitz, ist aber nicht mehr in der Lage, diese auch abzugeben und damit das Wohlgefallen des Vaters zu ernten, weil keiner der Akteure aus ihrer ersten Sozialisation noch am Leben ist.« (Neubner 91)

    Obwohl die Wünsche der ersten Sozialisation also nicht erfüllt werden können, muss die Schuld der zweiten Sozialisation gesühnt werden, was wieder in die Rahmenhandlung zurückführt. Im zweiten Teil dieser Rahmenhandlung werden die Konsequenzen geschildert, die zum einen aus Berthas Selbstoffenbarung gegenüber Walther als solcher resultieren, zum anderen aus den Geschehnissen, die sie ihm in dieser Erzählung geschildert hat.

  • Welche Rolle spielt der Hund der Alten im Handlungsverlauf, und warum ist er für den Ausgang der Geschichte von großer Bedeutung?

    Bertha begegnet dem Hund der Alten zum ersten Mal im Wald, als er fröhlich auf sie zuläuft und sie anspringt. Er wird damit als liebenswertes Wesen dargestellt, das nichts Bedrohliches an sich hat. Später überträgt die Alte Bertha die volle Verantwortung für ihn. Bertha erweist sich dessen als unwürdig, indem sie den Hund bei ihrem Fortgehen anbindet und damit in Kauf nimmt, dass er verhungert. Als sie Walther ihre Lebensgeschichte erzählt, erwähnt sie auch, sich nicht mehr an den Namen des Hundes erinnern zu können. Dennoch verabschiedet Walther sich mit den Worten, er könne sie sich gut »mit dem kleinen Strohmian« vorstellen. Mit dieser Namensnennung ist der Wendepunkt der Geschichte markiert. »Ein Zaubername, wie der des Rumpelstilzchens« nennt ihn Gerhard R. Koch (Koch 35). Nun ist klar, dass Walther mehr über Bertha und Eckbert weiß, als die beiden geahnt haben, und ab diesem Zeitpunkt nimmt das Unheil seinen Lauf: von der Zerrüttung der Freundschaft über Eckberts Mord an Walther und Berthas Tod bis zu Eckberts elendem Sterben in Wahnsinn und Verzweiflung.

  • Welche Funktion hat das Doppelgängermotiv im vorliegenden Text? Erläutern Sie anhand dessen auch exemplarisch die Rolle dieses Motivs für die Epoche der Romantik.

    Eckbert wird von Entsetzen gepackt, als er eines Abends Walthers Züge in Hugos Gesicht erkennt. Auch der Bauer, dem er gegen Ende des Märchens unterwegs begegnet, sieht so aus wie Walther. Rein psychologisch betrachtet, ist dieses »Wiedererkennen« Ausdruck von Eckberts Schuldgefühlen wegen des Mordes. Doch nicht genug damit, dass sich hinter dem Bauern und Hugo in Wahrheit Walther verbirgt – hinter Walther verbirgt sich in Wahrheit die Alte, und somit ist es letzten Endes auch sie, die sich in den Gestalten des Bauern und Hugos verbirgt. Dieses Vexierspiel, eine Art erzähltechnische Matroschka-Puppe, gehört zu den charakteristischen Verwirrmomenten des Märchens. Es erinnert an Berthas Empfindung, beim Aufwachen in der Hütte der Alten nur einen weiteren Traum innerhalb ihres ersten Traumes zu erleben (vgl. Analyse Absatz 19–25).

    Eckbert erfährt die ganze Wahrheit erst am Ende der Handlung, als ihm die Alte wiederbegegnet und ihm alles offenbart. In diesem Moment erkennt er seine grenzenlose Einsamkeit, denn weder Walther noch Hugo waren als Freunde real. Die Doppelgängerschaft ist hier also sogar eine »Tripelgängerschaft« (Koch 35).

    Das Doppelgängermotiv gehört zu den zentralen Motiven der romantischen Literatur. Vor allem in der Spätromantik und der sogenannten »Schwarzen Romantik« spielt es eine große Rolle. Häufig wird es mit bestimmten Werken des Spätromantikers E. T. A. Hoffmann in Verbindung gebracht, wie »Die Elixiere des Teufels« (1815/16) oder »Der Sandmann« (1816). Umso erstaunlicher ist, dass Ludwig Tieck dieses unheimliche und bedrohliche Motiv, das auch psychoanalytisch gedeutet werden kann, bereits in seinem frühen Text »Der blonde Eckbert« als wichtigstes Motiv gewählt hat.

  • Welche Figur des Märchens ist durch ihr christliches Wertesystem charakterisiert und wie werden diese Werte im Verlauf der Geschichte durchgesetzt?

    Schon als Bertha der Alten zum ersten Mal im Wald begegnet, singt diese »mit kreischendem Ton ein geistliches Lied« (S. 9). Auffallend ist, dass durch das Adjektiv »kreischend« eine unangenehme Empfindung geweckt wird, die dem Gefühl von Geborgenheit, das eigentlich für Bertha von der christlichen Haltung der Alten ausgehen sollte, entgegensteht. Vor dem Abendessen betet sie sodann »laut, indem sie wieder ihre Gesichtsverzerrungen machte« (S. 10), sodass Bertha sich das Lachen verkneifen muss. Auch dieser groteske Eindruck hat wenig mit christlicher Besinnung zu tun. Nach dem Abendessen betet die Alte erneut. Zumindest kann also festgehalten werden, dass christliche Rituale Teil ihres streng geordneten Tagesablaufes sind.

    Auch das Wertesystem, das sie Bertha im Laufe des weiteren Geschehens vermittelt, basiert auf einer christlich geprägten Grundmoral. Zentral ist ihre Bemerkung: »Du bist brav, mein Kind! […] wenn du so fortfährst, wird es dir auch immer gut gehen: aber nie gedeiht es, wenn man von der rechten Bahn abweicht, die Strafe folgt nach, wenn auch noch so spät.« (S. 13) Bertha versteht zunächst gar nicht, was damit gemeint ist. Sie ahnt es jedoch – ebenso wie der Leser –, nachdem sie in das Geheimnis der Vogeleier eingeweiht worden ist. Superbia (Hochmut, Eitelkeit) und Avaritia (Habgier, Geiz) sind zwei der sieben Todsünden, die sie nun von der »rechten Bahn« abbringen könnten – und im weiteren Verlauf der Handlung auch abbringen werden.

  • Erklären Sie, warum »Der blonde Eckbert« als implizite Romantikkritik gelesen werden kann.

    Das poetologische Konzept der Romantik setzt das Individuum absolut. Seine Gefühle und Gedanken, seine Leidenschaften und Wünsche stehen im Mittelpunkt romantischer Texte. Dabei geht es vor allem um den unmittelbaren Ausdruck des persönlichen Empfindens, um das Primat des »Inneren«.

    Eckbert wird schon zu Beginn des Märchens als nachdenklicher Einzelgänger beschrieben, der wenig mit Geselligkeit und sozialen Verpflichtungen anfangen kann. Das zeigt ihn als genau dieses romantische Individuum, dem seine individuellen Antriebe und Wünsche mehr bedeuten als gesellschaftliche Anforderungen. Offenbar gelingt es ihm nicht, beide Bereiche ins Gleichgewicht zu bringen; andernfalls hätte er den Gedanken, Bertha könne seine Halbschwester sein, nicht verdrängt, sondern wäre seiner Familiengeschichte auf den Grund gegangen. Stattdessen vergräbt er sich hinter den Burgmauern und gewährt fast ausschließlich Walther Zugang. Dieser vermeintliche Freund erweist sich jedoch lediglich als Gestaltwandler, hinter dem sich die Alte aus dem Wald verbirgt, und auch der spätere Freund Hugo ist niemand anderes als die Alte.

    Zurecht verweisen also viele Interpreten auf den »selbstzerstörerischen Solipsismus« (Kraiger 5) Eckberts: »Aufgrund seiner Unfähigkeit, einen harmonischen Ausgleich zwischen Innenleben und Außenwelt zu finden, bleibt für Eckbert – wie auch für alle anderen Romantiker, die an der Konfrontation einer verabsolutierten Einbildungskraft mit der Wirklichkeit scheitern – nur noch die Flucht in die Isolation.« (ebd.) Diese selbstgewählte Isolation mündet schließlich in eine noch viel furchtbarere, erst im Nachhinein erkannte bodenlose Einsamkeit, als Eckbert erfährt, wer in Wahrheit hinter Walther und Hugo steckte.

Text von Dr. Susanne Niemuth-Engelmann. Veröffentlicht am 11. Dezember 2022. Zuletzt aktualisiert am 11. Dezember 2022.