Der blonde Eckbert

Absatz 15–18

Zusammenfassung

Am Abend wird die Gegend endlich wieder etwas freundlicher. Bertha meint, das Rauschen einer Mühle zu hören und fasst neue Zuversicht. Die Mühle erweist sich zwar als Wasserfall, was ihre Hoffnung auf menschliche Gesellschaft trübt, aber sie wird entschädigt durch die Begegnung mit einer alten Frau. Die Alte ist ganz in Schwarz gekleidet und hält einen Krückstock.

Bertha bittet die Frau um Hilfe, und die Alte begegnet ihr sehr freundlich. Sie gibt ihr zu essen und zu trinken. Nachdem sie mit kreischender Stimme ein geistliches Lied gesungen hat, fordert sie Bertha auf, ihr zu folgen.

Obwohl Bertha die Alte etwas sonderbar findet, nimmt sie das Angebot gerne an. Sie folgt der Frau, die sich erstaunlich geschickt bewegen kann, über eine Wiese und durch einen Wald, den sie in der Dämmerung wieder verlassen. Hinter dem Wald erwartet sie ein wunderschöner Blick auf die Landschaft und eine für Bertha unvergessliche Abendstimmung. Sie ist voller Begeisterung und hat das Gefühl, dass ein neuer Abschnitt in ihrem Leben beginnt.

Analyse

Berthas Sehnsucht nach menschlicher Gegenwart wird endlich erfüllt, als sie der alten Frau begegnet. Ähnlich wie in der Rahmenhandlung, bei der Schilderung der Ehe von Bertha und Eckbert, hat man als Leser jedoch auch hier von Anfang an einen merkwürdigen Eindruck dunkler Bedrohung.

Auffällig ist das ständige Hin und Her zwischen Hoffnung und Furcht. In Absatz 14 wurde bereits geschildert, wie Bertha einen Hügel erklimmt, oben aber nicht die erhoffte Aussicht erhält, sondern nur auf Nebel blickt. Ebenso gibt es auch in Absatz 15 eine Enttäuschung für sie. Die vermeintliche Mühle erweist sich als Wasserfall; statt menschlicher Besiedelung begegnet Bertha wieder nur der Wildnis. Dann jedoch scheint es endlich Erlösung durch das Auftauchen der alten Frau zu geben. Tatsächlich ist diese auch freundlich und hilft Bertha. Dennoch ist auch die Begegnung mit ihr nicht unbelastet, denn sie ist allein schon durch ihr hohes Alter innerlich weit entfernt von Bertha. Darüber hinaus wirkt sie durch ihren schrillen Gesang unheimlich.

Erneut wird dieser unheimliche Eindruck durch ein Signal der Hoffnung abgelöst, eine Naturbeschreibung mit zahlreichen typisch romantischen Bildern. Es handelt sich um die schöne Abendstimmung, die Bertha geradezu euphorisch aufnimmt, nachdem sie den Wald durchquert haben. Hier fällt eines besonders auf: Zum ersten Mal werden die Naturerscheinungen, die Bertha zuvor doch so geängstigt haben, mit ausschließlich positiven Adjektiven und (substantivierten) Verben belegt. Die Farben der Blätter sind »sanft« (S. 9), über den Feldern liegt ein »entzückende[r] Schein«, »und das Rieseln der Quellen und von Zeit zu Zeit das Flüstern der Bäume tönte durch die heitre Stille wie in wehmütiger Freude.« (ebd.) Hier wird von Tieck ein Ton angeschlagen, den man eher bei Eichendorff oder in anderen Texten der Spätromantik vermuten würde. Die Natur scheint belebt, Bäume flüstern, als würden sie mit den Menschen kommunizieren. Berthas begeistertes Erleben gipfelt in dem Satz: »[D]er reine Himmel sah aus wie ein aufgeschlossenes Paradies« (S. 9).

Nachdem Bertha sich also während ihrer gesamten Wanderung nach menschlicher Gesellschaft gesehnt und vor der Natur gefürchtet hat, ist es jetzt die Natur, die ihr ein Gefühl von Geborgenheit gibt und sie auf ihre Zukunft gespannt macht: »Meine junge Seele bekam jetzt zuerst eine Ahndung von der Welt und ihren Begebenheiten.« (S. 9) Die alte Frau hingegen wirkt zumindest »wunderlich« (ebd.) auf sie.

Text von Dr. Susanne Niemuth-Engelmann. Veröffentlicht am 11. Dezember 2022. Zuletzt aktualisiert am 11. Dezember 2022.