Der blonde Eckbert

Absatz 60–64

Zusammenfassung

Eckbert lebt nach Berthas Tod in stiller Verzweiflung auf seiner Burg. Er ist einsam, und zugleich steht ihm der Mord, den er begangen hat, immer vor Augen. Kaum begreift er, wie sich sein ruhiges Leben an der Seite seiner Frau und seines besten Freundes so radikal in sein Gegenteil verkehren konnte.

Gelegentlich besucht er Feste und Gesellschaften in der Stadt, um von seiner Schwermut und seinen Schuldgefühlen abgelenkt zu werden. Dass er noch einmal einen Freund finden wird, hält er allerdings für ausgeschlossen. Umso mehr überrascht es ihn, dass sich ein junger Ritter namens Hugo voller Vertrauen an ihn anschließen möchte. Beglückt nimmt er diese Freundschaft an, mit der er nicht mehr gerechnet hat. Er genießt die gemeinsamen Ausritte und Gespräche.

Eines Tages überkommt ihn – wie einst gegenüber Walther – der Drang, sich dem Freund rückhaltlos zu öffnen. Er wünscht sich, von Hugo geliebt zu werden, obwohl er ein Mörder ist, und gesteht ihm seine Tat. Hugo reagiert erstaunlich gefasst, ist gerührt und möchte Eckbert trösten. Eckbert ist glücklich.

Auf einem abendlichen Fest beobachtet er, wie Hugo mit einem alten Gegner von ihm heimlich flüstert und dabei zu ihm hinübersieht. Er wird von Misstrauen und Wut gepackt, weil er glaubt, Hugo verrate ihn. Als er zu den beiden hinüberstarrt, erkennt er auf einmal Walthers Züge in Hugos Gesicht. Entsetzen erfasst ihn und er flieht zurück auf seine Burg.

Analyse

Eckberts Wunsch, sich einem Freund gegenüber vollständig emotional zu öffnen und ihm auch seine tiefsten Geheimnisse zu verraten, erscheint ungewöhnlich bei einem Menschen, der als ernst und schweigsam beschrieben wird. Andererseits könnte es zu Eckberts melancholischem und tiefsinnigem Gemüt passen, eine Art »Seelenverwandten« finden zu wollen, mit dem er sich über alles austauschen kann, was ihn bewegt. Im Vordergrund steht dabei eine Prüfung der Freundschaft: Wird der andere auch dann noch zu ihm halten, wenn er seine abgründigen Seiten kennt? Als Bertha Walther ihre Lebensgeschichte erzählt, leitet sie sie mit den Worten ein: »[M]ein Mann sagt, dass Ihr so edel denkt, dass es unrecht sei, Euch etwas zu verhehlen.« (S. 4)

Obwohl diese Entscheidung im Falle Walthers in die Katastrophe geführt hat, kann Eckbert bei seinem neuen Freund Hugo nicht widerstehen, denselben Fehler zu wiederholen: »[E]r fühlte wieder denselben Drang, sich ihm ganz mitzuteilen, damit er versichert sein könne, ob jener auch wahrhaft sein Freund sei.« (S. 22) Auch diesmal führt Eckberts Drang, dem Freund alles mitzuteilen, in sein Unglück.

Text von Dr. Susanne Niemuth-Engelmann. Veröffentlicht am 11. Dezember 2022. Zuletzt aktualisiert am 11. Dezember 2022.