Der blonde Eckbert

Absatz 26–31

Zusammenfassung

An den folgenden Tagen wird Bertha von der Alten in deren Haushaltung eingeführt. Sie lernt spinnen und muss sich um den Hund und den Vogel kümmern, dessen prächtige Schönheit ihr erst jetzt auffällt. Es fällt ihr leicht, sich in alles einzufinden, und schon nach kurzer Zeit erscheint es ihr ganz natürlich, mit der alten Frau und den Tieren in einer Hütte im Wald zu leben. Die Alte ist gut zu ihr, nennt sie »Kind« und »Tochter« und bringt ihr das Lesen bei.

Nach Ablauf von vier Jahren – Bertha ist inzwischen zwölf – wird sie von der Alten in ein Geheimnis eingeweiht: Der Vogel legt jeden Tag ein Ei, in dem sich Perlen oder Edelsteine befinden. Bertha erhält die neue Aufgabe, die Juwelen in Gefäßen zu verwahren, wenn die Alte nicht zu Hause ist. Immer häufiger und länger bleibt sie nun fort, bisweilen Wochen und Monate. Bertha kümmert sich in dieser Zeit um alles und ist mit ihrem abgeschiedenen Leben im Wald gänzlich zufrieden.

In ihren freien Stunden liest sie und bildet sich aus ihrer Lektüre eine Vorstellung von der weiten Welt und ihren Menschen. Sie erträumt sich eine Liebesgeschichte mit einem Ritter und ist inzwischen am liebsten allein. Wenn die Alte in die Hütte zurückkehrt, findet sie alles wohlgeordnet vor und lobt Bertha für ihren Anstand, warnt sie aber auch davor, von ihrem braven Verhalten abzuweichen. Bertha versteht nicht ganz, was sie damit meint, kommt aber auf die Idee, dass die Perlen und Edelsteine etwas damit zu tun haben könnten.

Analyse

In diesem Abschnitt des Märchens wird der bevorstehende Ausbruch von Bertha erzähltechnisch vorbereitet. Noch scheint alles in Ordnung: Das Mädchen verhält sich so, wie die Alte es wünscht und wird dafür mit liebevoller Fürsorge und Anerkennung belohnt. Die Alte behandelt sie wie ihr eigenes Kind und lobt sie für ihr Wohlverhalten. Dass Bertha sich immer mehr in ihre Lektüre zurückzieht und sich dabei in Fantasiewelten hineinträumt, ist ein Hinweis auf erste, zunächst innere »Alleingänge«. Bezeichnend ist auch ihr Satz: »Es war mir jetzt lieber, wenn ich allein war, denn alsdann war ich selbst die Gebieterin im Hause.« (S. 13)

Möglicherweise bemerkt die Alte eine Veränderung an ihr, als sie ihr warnend rät: »[A]ber nie gedeiht es, wenn man von der rechten Bahn abweicht, die Strafe folgt nach, wenn auch noch so spät.« (ebd.) Dass Bertha darüber nachdenkt, wie dies gemeint sein könnte, ist ein Hinweis auf ihre noch vorhandene Unschuld. Es ist ihre Lektüre, durch die sie überhaupt erst auf die Idee kommt, dass die Edelsteine mehr sein könnten als hübsche bunte Objekte, nämlich »Reichtümer[n]« (ebd.), die sie später zu dem Diebstahl verleiten.

Text von Dr. Susanne Niemuth-Engelmann. Veröffentlicht am 11. Dezember 2022. Zuletzt aktualisiert am 11. Dezember 2022.