Der blonde Eckbert

Zitate und Textstellen

  • »Nur haltet meine Erzählung für kein Märchen, so sonderbar sie auch klingen mag.«
    – Bertha zu Walther, S. 4

    Bertha leitet ihre Erzählung im siebenten Absatz des Textes mit diesem Satz ein und eröffnet damit die Binnenhandlung, ihre Lebensgeschichte. Die Aufforderung, die Erzählung nicht für ein Märchen zu halten, lenkt natürlich die Aufmerksamkeit erst recht auf die möglicherweise »sonderbar[en]« und geheimnisvollen, märchenhaften Aspekte des Geschehens. So wird auch beim Leser von vornherein eine ganz bestimmte Erwartung hinsichtlich dessen erzeugt, was Bertha im Folgenden erzählen wird.

  • »Es ist unbeschreiblich, welche Sehnsucht ich empfand, nur eines Menschen ansichtig zu werden, wäre es auch, dass ich mich vor ihm hätte fürchten müssen.«
    – Bertha zu Walther, S. 8

    Dieser Satz erscheint wie ein früher, vorausahnender Hinweis des Kindes Bertha auf ihr Leben als erwachsene Frau. Er steht im Kontext mit der Situation der Rahmenhandlung: Walther ist offenbar der einzige Freund, der das Paar von Zeit zu Zeit besucht. Die beiden haben zwar einander, sind dabei aber »gemeinsam einsam«. Walthers Besuche sind eine sehr willkommene Abwechslung. Nachdem er Berthas Erzählung gehört hat, wird aus dem bisherigen Freund jedoch eine Bedrohung.

  • »Waldeinsamkeit/ Die mich erfreut,/ So morgen wie heut/ In ew’ger Zeit,/ O wie mich freut/ Waldeinsamkeit.«
    – Lied des Vogels, S. 10

    Das Lied, das der Vogel der Alten in seinem Käfig singt und beständig wiederholt, ist ein zentrales Motiv des Märchens. Es wird insgesamt drei Mal gesungen, und zwar in drei unterschiedlichen Textvarianten, die im direkten Zusammenhang mit dem jeweils aktuellen Stand der Handlung stehen. Jede der drei Strophen beginnt und endet mit dem Wort »Waldeinsamkeit«, einer Wortschöpfung Ludwig Tiecks. Die Nennung desselben Wortes oder derselben Wortfolge am Anfang und Ende eines Verses oder einer Strophe wird »Epanadiplose« genannt. Mit diesem Stilmittel wird ein Wort oder Ausdruck verstärkt und besonders hervorgehoben.

    Das erste Mal hört Bertha das Lied in der oben zitierten Version, als sie zur Hütte der Alten gelangt. Hier sind die Worte Ausdruck von Freude, und der Begriff »Waldeinsamkeit« ist eindeutig positiv besetzt.

    Die zweite Version des Liedes lautet: »Waldeinsamkeit /Wie liegst du weit!/ O dich gereut/ Einst mit der Zeit. –/ Ach einz’ge Freud/ Waldeinsamkeit!« (S. 17)
    Diese Worte singt der Vogel zu einem Zeitpunkt, als Bertha erwachsen ist und die Alte bereits verlassen hat. Nachdem sie ihr die Edelsteine gestohlen und mit ihnen ihren Reichtum begründet hat, hört sie den Vogel diese Worte in ihrem neu gemieteten Haus singen. Sie rühren an ihr Gewissen und lösen schwere Schuldgefühle aus. Schließlich hält sie das Lied nicht mehr aus und tötet den Vogel.

    Die dritte Version taucht am Schluss der Erzählung auf. Sie begegnet hier in der Rahmenhandlung, während die ersten zwei Varianten Teil der Binnenhandlung sind. Eckbert hört folgendes Lied: »Waldeinsamkeit / Mich wieder freut,/ Mir geschieht kein Leid,/ Hier wohnt kein Neid,/ Von neuem mich freut/ Waldeinsamkeit.« (S. 24)

    Man fragt sich, ob der Vogel wieder zum Leben erwacht ist, aber es wird kein genauer Hinweis darauf gegeben, wer das Lied singt, sondern es heißt nur, dass Eckbert »mit wunderlichen Tönen ein Lied singen« hörte (S. 24). Auf jeden Fall aber weisen die Worte »wieder« und »von neuem« darauf hin, dass sich ein Kreis geschlossen hat: Die Alte hat Rache genommen, und die Schuld von Bertha wurde gesühnt. Damit ist offenbar eine ursprüngliche Harmonie wiederhergestellt worden.

  • »Ich habe mich immer nicht wieder auf den seltsamen Namen des Hundes besinnen können, so oft ich ihn damals auch nannte.«
    – Bertha, S. 12

    Dieses Zitat ist erzähltechnisch von wichtiger Bedeutung. Bertha berichtet Walther von ihrem einstigen Leben bei der Alten und ihren Tieren. Sie hatte die Verantwortung für den Vogel und den Hund. Obwohl sie täglich mit ihm zusammen war, weiß sie seinen Namen nicht mehr. So erscheint es auch für den Leser äußerst unheimlich, dass Walther nach dem Ende ihrer Erzählung sagt, er könne sie sich gut im Wald mit »dem kleinen Strohmian« vorstellen – ein raffinierter Kunstgriff des Autors, der einen Gruseleffekt erzeugt.

    Am Schluss der Erzählung wird klar, warum Walther den Namen erinnert: Er und die Alte sind ein und dieselbe Person. Sie kann sich also in Wahrheit nicht nur vorstellen, wie Bertha mit dem Hund umgeht, sondern erinnert sich sogar bildhaft an die Situation im Wald. Der Satz, den sie in der Gestalt von Walther zu Bertha sagt, enthält somit bereits einen Hinweis auf die bevorstehende Rache. Nicht von ungefähr fühlt Bertha sich, ausgehend von diesem Satz, tatsächlich bedroht, nachdem sie Walther ihre Lebensgeschichte erzählt hat. Dass sie sich zuvor aber selbst überhaupt nicht mehr an den Namen des Hundes erinnern konnte, weist auf ihre Schuldgefühle und deren Verdrängung hin.

  • »Der Mensch wäre vielleicht recht glücklich, wenn er so ungestört sein Leben bis ans Ende fortführen könnte.«
    – Bertha, S. 12

    Dieses Zitat, mit dem Bertha rückblickend ihr Leben bei der Alten im Wald kommentiert, steht in einem tiefen Zusammenhang mit ihrem Leben als Eckberts Ehefrau auf der Burg.

    Auf den ersten Blick scheinen beide Abschnitte von Berthas Biografie nicht nur zeitlich, sondern auch hinsichtlich der Lebensart als solcher weit auseinanderzuliegen: Im Wald war Bertha sehr jung, arm und unerfahren. Sie arbeitete hart als Hauswirtschafterin einer alten Frau und lebte mit ihr in einer schlichten Hütte. Auf der Burg residiert sie nun mit ihrem Ehemann Ritter Eckbert. Sie ist nicht nur erfahren und gereift, sondern auch durch den Diebstahl zu Reichtum gekommen, muss sich wirtschaftlich keine Sorgen mehr machen und hat mittlerweile selbst Dienstpersonal.

    Die weltabgewandte und geradezu lebensfeindliche Zurückgezogenheit verbindet jedoch beide Lebensphasen Berthas miteinander. Gemeinsam ist ihnen, dass Ruhe und Abgeschiedenheit nur scheinbar Frieden verbürgen und nicht von unbegrenzter Dauer sein können. Der Konjunktiv drückt dies aus: Der Mensch wäre glücklich, wenn er ein solches Leben fortführen könnte. Doch das ist in der Welt nicht möglich. Berthas Zeit bei der Alten endet mit Aufbruch und heimlicher Flucht, ihr nur vordergründig sorgloses Leben mit Eckbert in Katastrophe und Tod.

  • »Ich war jetzt vierzehn Jahr alt, und es ist ein Unglück für den Menschen, dass er seinen Verstand nur darum bekömmt, um die Unschuld seiner Seele zu verlieren.«
    – Bertha, S. 14

    Dieser Satz enthält ein wichtiges Thema des romantischen Programms. Die Entwicklung eines erwachsenen Bewusstseins in der Pubertät, der Verlust der Kindheit und die aufkeimende Distanz zu anderen und zu sich selbst, die damit einhergehen, werden hier ausschließlich negativ bewertet. Der menschliche Verstand, in der Aufklärung als höchstes Gut und als wichtigstes Werkzeug zum »Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit« (Immanuel Kant) betrachtet, erhält hier eine völlig neue Bedeutung.

    In seiner programmatischen Schrift »Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?« von 1784 fordert Kant die Leser noch auf: »Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!« Bei Tieck jedoch führt dieser Mut, der Berthas Autonomie begründet, schließlich zu moralischem Versagen. Weil sie sich eingeengt fühlt, stiehlt Bertha nicht nur die Juwelen, sondern nimmt auch in Kauf, dass der Hund verhungert. Später tötet sie sogar den Vogel. Ihre Befreiung ist also unauflöslich mit ihrer Schuld verbunden.

    Die Aussage, der Mensch erhalte seinen Verstand nur, um die Unschuld der Seele zu verlieren, ist zweifellos eine grandiose Vereinfachung. Sie enthält den zentralen Vorwurf der romantischen Dichter und Philosophen an die Aufklärung, mit ihrer Vernunftbetonung die Welt zu entzaubern. Als kleines Mädchen träumt Bertha lediglich von schönen Rittern und von Abenteuern außerhalb des Waldes. Alles geschieht allein in ihrer Fantasie. In dem Moment jedoch, wo es ihr mit Hilfe ihres Verstandes gelingt, real aus der mittlerweile zu engen Welt der »Waldeinsamkeit« auszubrechen, wird sie unmittelbar mit dem Bösen konfrontiert. Sie scheint keine andere Wahl zu haben, als sich durch ein Verbrechen aus ihrem alten Leben zu befreien. Es gibt also nur zwei Alternativen: eingesperrt zu sein und unschuldig zu bleiben oder aber Freiheit zu erlangen und dabei schuldig zu werden. Ein mittlerer Weg ist nicht vorgesehen, eine Auflösung des Dilemmas nicht vorstellbar.

  • »Es war ein seltsamer Kampf in meiner Seele, wie ein Streiten von zwei widerspenstigen Geistern in mir.«
    – Bertha, S. 15

    Bertha fühlt sich in der Hütte der Alten und der »Waldeinsamkeit« geborgen, sehnt sich aber zugleich nach Aufbruch und Abenteuer. Diese widerstreitenden Gefühle sind für ein Mädchen im Alter von vierzehn Jahren nur natürlich. Im einen Moment fühlt sie sich eingesperrt und wünscht sich, den Wald zu verlassen, im nächsten möchte sie wieder bei der Alten bleiben.

    Ihr innerer Konflikt weist zunächst in positiver Weise auf den Unterschied zu ihrer Situation als Kind hin: Mit acht Jahren fühlt sie sich bei ihren Eltern so verzweifelt und unglücklich, dass sie von zu Hause fortläuft, ohne groß darüber nachzudenken. Dass sie vor einem zweiten Aufbruch aus der Hütte der Alten zurückschreckt und gewisse Skrupel hat, zeigt nicht zuletzt, dass es ihr dort grundsätzlich gut geht und sie sich wohl und sicher fühlt. Die Alte und ihre Tiere sind ihre Familie. Dennoch hat sie wie alle Jugendlichen den Wunsch, eigene Erfahrungen zu sammeln, Abenteuer zu erleben und ihren Horizont zu erweitern. Warum die Erfüllung dieses völlig legitimen Wunsches nur mit einem Verbrechen einhergehen kann, gehört zu den rätselhaften Aspekten des Märchens.

  • »[U]nd jetzt war alles umsonst, sie konnten sich nicht mit mir freuen, und das, worauf ich am meisten immer im Leben gehofft hatte, war für mich auf ewig verloren.«
    – Bertha, S. 17

    Bertha beschreibt mit diesen Worten die namenlose Enttäuschung, als sie viele Jahre nach ihrer Flucht aus dem Elternhaus als reiche junge Frau zurückkehrt, ihre Eltern aber inzwischen verstorben sind. Schon als Kind hatte sie davon geträumt, sie mithilfe von Zauberei und Geisterwesen aus ihrer Armut zu befreien. Nun ist diese Möglichkeit für sie real geworden; allerdings nicht durch Zauberhand, sondern durch den Verlust ihrer kindlichen Unschuld und ein begangenes Unrecht. Dass Bertha ihre eigene Rechtschaffenheit geopfert hat, um den Eltern zu helfen, diese ihren Reichtum aber gar nicht mehr erleben können, macht Berthas Lage besonders bitter, es war »alles umsonst«.

    Während ihrer Jahre bei der Alten hatte Bertha allerdings überhaupt nicht mehr an ihre Eltern gedacht, zumindest ist an keiner Stelle davon die Rede. Als sie zum ersten Mal darüber nachdenkt, was die Edelsteine ihr ermöglichen könnten, geht es ausschließlich um sie selbst und ihre eigenen Wünsche nach Reichtum und Bewunderung. Insofern irritiert diese Textstelle den Lesenden, denn dass Bertha ihren Eltern helfen möchte, wird nur bei der Beschreibung ihrer Kindheitsjahre erwähnt. Während ihrer Zeit im Wald sind ihre Eltern in ihren Gedanken gar nicht mehr präsent, und die Worte »das, worauf ich am meisten im Leben immer gehofft hatte« (S. 17) verwundern daher. Möglicherweise rechtfertigt Bertha ihren Diebstahl nachträglich vor sich selbst, indem sie sich einredet, sie hätte ihn lediglich begangen, um ihre Eltern zu unterstützen.

  • »Er hatte so lange mit Bertha in einer schönen Ruhe gelebt, die Freundschaft Walthers hatte ihn so manches Jahr hindurch beglückt, und jetzt waren beide so plötzlich dahingerafft, dass ihm sein Leben in manchen Augenblicken mehr wie ein seltsames Märchen, als wie ein wirklicher Lebenslauf erschien.«
    – Auktorialer Erzähler über Eckbert, S. 21

    Die nachträgliche Idealisierung seiner Ehe mit Bertha und seiner Freundschaft mit Walther zeigt, dass Eckbert noch immer versucht, seine Schuld zu verdrängen. Die »schöne Ruhe« und die Freundschaft, die ihn »beglückt« hat, waren in Wahrheit Illusionen (wie das Ende des Märchens aufdecken wird).

    Bertha ist Eckberts Halbschwester, was er schon zu Beginn ihrer Beziehung geahnt hat. Dennoch ist er dieser Ahnung nie nachgegangen. Seine Schuld liegt darin, sich selbst beruhigt und mit Verdrängung zufriedengegeben zu haben, statt seine Familiengeschichte zu erforschen, nach der Wahrheit zu suchen und auf die Ehe mit Bertha zu verzichten. Auch wenn die beiden in liebevoller Freundschaft verbunden sind, hat ihn bei seiner Entscheidung nicht in erster Linie Liebe, sondern offenbar Habgier geleitet. (vgl. Analyse Absatz 48–53).

    Eckbert hat Walter ermordet, nachdem es ihm nicht gelungen ist, eine intensivere Beziehung zu ihm herzustellen. Da sein Wunsch nach Nähe vielmehr im Gegenteil in Walthers Distanzierung mündet, kann er die vermeintliche Harmonie des Anfangs nur wiederherstellen, indem er ihn tötet – was er mit der Bemerkung »waren beide so plötzlich dahingerafft« seltsam euphemistisch und gänzlich ohne Schuldeingeständnis erwähnt. Der zweite Teil des Zitats verweist auf Eckberts allmählichen Realitätsverlust, in den ihn seine verdrängten Schuldgefühle treiben. Die Verwirrung von Traum und Wirklichkeit hat bereits begonnen.

    Zugleich spielt Tieck hier erzähltechnisch mit dem Begriff des Märchens und führt den Leser auf zwei unterschiedliche Ebenen. Tatsächlich ist das Leben Eckberts ja aus der Außenperspektive betrachtet ein Märchen, also eine Erfindung des Autors und kein »wirklicher Lebenslauf«. Dass Eckbert als ebenfalls erfundene Figur diese Perspektive einnimmt, allerdings im Kontext der erzählten Handlung, gehört zu den raffinierten Erzähltechniken und sehr modern wirkenden Kunstgriffen des Märchens.

  • »[D]as Wunderbarste vermischte sich mit dem Gewöhnlichsten, die Welt um ihn her war verzaubert, und er keines Gedankens, keiner Erinnerung mächtig.«
    – Auktorialer Erzähler über Eckbert, S. 24

    Die Vermischung des »Wunderbarste[n]« mit dem »Gewöhnlichsten«, also die Verbindung der magischen mit der alltäglichen Realitätsebene, ist das wesentliche Merkmal des Märchens. Zugleich ist sie auch eine zentrale Forderung der romantischen Programmatik. Ludwig Tieck spielt hier also innerhalb der Fiktion mit theoretischen Anforderungen an romantische Texte, ein raffiniertes Verfahren, dem man sehr viel später in der Literatur der Postmoderne begegnet.

    Dass Eckbert »keines Gedankens, keiner Erinnerung mächtig« ist, verweist nicht nur auf einen Einbruch des Irrationalen in die vernunftbetonte Wirklichkeitsebene, sondern auf die komplette Übernahme derselben durch Chaos und Wahnsinn. Darum wurde Tiecks Märchen gelegentlich als Absage an das romantische Programm gedeutet, als Hinweis auf dessen zwangsläufiges Scheitern, sobald es nicht mehr gelingt, eine Harmonie zwischen Fantasie und Realität, oder, in psychologischer Deutung, zwischen Innen- und Außenwelt herzustellen.

Text von Dr. Susanne Niemuth-Engelmann. Veröffentlicht am 11. Dezember 2022. Zuletzt aktualisiert am 11. Dezember 2022.