Der blonde Eckbert

Absatz 65 bis Ende

Zusammenfassung

Eckbert findet von diesem Abend an keine Ruhe mehr. Er irrt halb wahnsinnig umher und weiß manchmal nicht, ob er sein Leben wirklich erlebt oder ob er alles nur träumt. Den Wunsch nach geselligem Umgang hat er restlos aufgegeben. Stattdessen reitet er allein auf unbestimmten Wegen aus, ohne ein Ziel vor Augen zu haben.

Bei einem Ausritt gerät er in gebirgiges Gelände und findet den Weg nicht mehr heraus. Er fragt einen Bauern um Auskunft und möchte ihm zum Dank eine Münze geben. Doch der Bauer lehnt ab und verwandelt sich auf einmal in Walthers Gestalt. Eckbert gibt dem Pferd die Sporen, bis es zusammenbricht. Daraufhin geht er zu Fuß weiter.

Als er einen Hügel hinaufsteigt, hört er auf einmal im Hintergrund das Lied des Vogels, das an dieser Textstelle zum dritten und letzten Mal vorkommt. Die Verse lauten diesmal: »Waldeinsamkeit/ Mich wieder freut,/ Mir geschieht kein Leid,/ Hier wohnt kein Neid,/ Von neuem mich freut/ Waldeinsamkeit.« Eckbert verliert, als er es hört, vollständig den Verstand. Er weiß nicht, ob er die Ehe mit Bertha nur geträumt hat oder ob sie real gewesen ist, er aber seine gegenwärtigen Erlebnisse träumt.

Da taucht die Alte auf und fragt ihn nach dem Hund, dem Vogel und den Perlen. Sie offenbart Eckbert, dass sie selbst es war, die sich in der Gestalt von Walther und Hugo gezeigt habe. Dann teilt sie ihm mit, dass Bertha seine Halbschwester gewesen sei. Sie war die außereheliche Tochter eines Ritters, Eckberts Vaters, und wurde in frühester Kindheit zu Pflegeeltern gegeben, dem Hirten und seiner Frau. Hätte Bertha die Alte nicht hintergangen, wäre alles gut ausgegangen.

Eckbert gesteht, dass er dies immer geahnt hatte. In Wahnsinn und völliger Umnachtung liegt er am Boden. Er hört im Hintergrund das verworrene Sprechen der Alten, das Bellen des Hundes und das Lied des Vogels, bevor er stirbt.

Analyse

So nachvollziehbar es ist, dass Eckberts Reue ihn Walthers Gesicht in anderen Menschen erblicken lässt, so willkürlich erscheint es zunächst, dass er von der Alten für Berthas Vergehen bestraft wird. Anders gesagt: Das Doppelgänger-Motiv »Bauer/Hugo = Walther« kann auf Eckberts Tat bezogen werden; das Motiv »Bauer/Hugo/Walther = die Alte« wirkt zufällig im Hinblick auf Eckbert. Hätte es nicht eigentlich Bertha treffen müssen, die davon aber nie erfahren hat?

Viele Interpreten haben versucht, die Frage nach der Unverhältnismäßigkeit der Schuld psychoanalytisch zu deuten, im Sinne einer Verdrängung nicht nur des Mordes an Walther, sondern vor allem des innerlich geleugneten Inzests. Eckberts Geständnis: »Warum hab ich diesen schrecklichen Gedanken immer geahndet?« (S. 24) legt nahe, dass er schon, als er Bertha kennenlernte, hätte nachforschen und so die inzestuöse Beziehung verhindern können.

Text von Dr. Susanne Niemuth-Engelmann. Veröffentlicht am 11. Dezember 2022. Zuletzt aktualisiert am 11. Dezember 2022.