Inhaltsangabe

Ludwig Tiecks 1797 veröffentlichtes Kunstmärchen »Der blonde Eckbert« spielt im Mittelalter im Harz. Die beiden Hauptfiguren, Ritter Eckbert und seine Frau Bertha, werden in der Mitte ihres Lebens von einer Schuld aus der Vergangenheit eingeholt. Sie büßen dafür mit dem Tod. In der Binnenhandlung erzählt Bertha von dem begangenen Unrecht. Die Rahmenhandlung schildert, wie sie und ihr Mann zur Rechenschaft gezogen werden.


Rahmenhandlung

Der blonde Eckbert, ein etwa 40-jähriger Ritter, lebt friedlich und zurückgezogen mit seiner Frau Bertha auf einer Burg im Harz. Die beiden haben selten Besuch, nur der vertraute Freund Philipp Walther ist häufig zu Gast. Eines Abends bittet Eckbert seine Frau, Walther ihre Lebensgeschichte zu erzählen.

Binnenhandlung

Berthas Geschichte beginnt mit ihrer schweren Kindheit in einem armen Elternhaus. Sie träumt davon, reich zu werden und ihre Eltern von ihren Sorgen zu befreien. Mit acht Jahren läuft sie vor den Schlägen des Vaters von zu Hause fort in den Wald. Nach einem langen Fußmarsch trifft sie eine alte Frau, die sie in ihrer Hütte aufnimmt. Die Alte lebt mit einem Hund und einem mysteriösen Vogel zusammen. Der schöne Vogel singt immer wieder ein Lied über die Freude an der Einsamkeit im Wald. In der folgenden Zeit weist die Alte Bertha in ihren Haushalt ein. Sie überlässt ihr die Verantwortung für die Hütte und die Tiere, wenn sie länger unterwegs ist.

Bertha ist schon vier Jahre bei der Frau, als diese ihr anvertraut, dass der Vogel jeden Tag ein Ei mit einem Edelstein legt. Bertha liest inzwischen viel und fantasiert von einer Welt außerhalb des Waldes, von schönen Rittern und der Liebe. Die Alte warnt das Mädchen davor, von der »rechten Bahn« abzuweichen. Die inzwischen Vierzehnjährige versteht nicht, was die Alte meint. Sie sieht sich in ihren Träumen als Prinzessin; die Hütte erscheint ihr auf einmal klein und eng.

Als sie wieder einmal allein ist, bindet sie den Hund an, dessen Namen sie später vergessen hat. Sie nimmt sich ein paar Edelsteine und läuft mit dem Vogelkäfig davon. In ihrem Heimatdorf erfährt sie, dass ihre Eltern verstorben sind. Bertha ist betroffen; sie hatte sich das Wiedersehen so schön ausgemalt. Sie verkauft die Steine und mietet ein Haus in einer schönen Stadt, wo sie ihre Vergangenheit langsam vergisst.

Nachdem er lange geschwiegen hat, singt der Vogel eines Nachts das vertraute Lied mit einem veränderten Text: Er spricht davon, dass Bertha die Waldeinsamkeit verlassen habe und darüber Reue empfinde. Der Gesang wird immer lauter und durchdringender. Bertha weiß, dass sie ein Unrecht begangen hat und fürchtet sich vor dem Vogel. Schließlich erwürgt sie ihn und begräbt seine Leiche im Garten. Danach befällt sie eine unbestimmte Furcht vor ihrer Haushälterin. Als Ritter Eckbert um ihre Hand anhält, nimmt sie den Antrag gern an. Berthas Reichtum ermöglicht beiden ein gutes Leben auf der Burg.

Rahmenhandlung

Walther bedankt sich für Berthas Erzählung mit der Bemerkung, er könne sie sich gut mit dem Vogel und »dem kleinen Strohmian« vorstellen. Bertha hatte jedoch erwähnt, dass sie sich an den Namen des Hundes nicht mehr erinnern könne. Am anderen Morgen ist sie krank; Walther verabschiedet sich recht gleichgültig von den Freunden.

Die Beziehung zwischen Eckbert und Walther verändert sich; ihre Begegnungen werden oberflächlich. Eckbert ist deshalb von Unruhe erfüllt. Unterdessen verschlimmert sich Berthas Krankheit. Sie gesteht Eckbert, dass sie innerlich zerrüttet sei, weil Walther den Namen des Hundes kenne. Eckbert wünscht sich, dass Walther aus seinem Leben verschwinde. Um sich zu zerstreuen, geht er zur Jagd in den Wald. Dort sieht er Walther von fern und tötet ihn mit seiner Armbrust. Als er zur Burg zurückkehrt, ist Bertha verstorben.

Eckbert leidet unter dem Verlust seiner Frau und macht sich Vorwürfe wegen der Ermordung des Freundes. Er sucht Ablenkung bei gesellschaftlichen Anlässen. So lernt er den jungen Ritter Hugo kennen, in dem er einen neuen Freund findet. Eines Tages vertraut er ihm seine Vergangenheit und den Mord an Walther an, woraufhin Hugo sich bald von ihm abwendet. Am selben Abend erkennt Eckbert in Hugos Gesicht Walthers Züge und ist entsetzt.

Eckbert begibt sich auf eine Reise, doch die Erinnerung verfolgt ihn. Als er in einer abgelegenen Gegend das Lied »Waldeinsamkeit« singen hört, kann er Traum und Wirklichkeit nicht mehr unterscheiden. Eine alte Frau nähert sich und fragt nach ihrem Vogel, den Perlen und dem Hund. Sie offenbart Eckbert, ihm in der Gestalt von Walther und Hugo begegnet zu sein. Er erfährt von ihr auch, dass Bertha seine Halbschwester aus einer heimlichen Liebschaft seines Vaters war. Als Kind hatte man sie zu einer Hirtenfamilie gegeben. Die Alte hatte sich ihrer angenommen. Alles hätte sich zum Guten wenden können, hätte Bertha sie nicht arglistig getäuscht und sich davongemacht.

Eckbert stirbt in verzweifelter Umnachtung.

Zusammenfassung von Dr. Susanne Niemuth-Engelmann /  Inhaltsangabe.de.
Veröffentlicht am 28. Juli 2015, zuletzt aktualsiert am 29. November 2017.

Interpretationsansätze

Vorgriff auf die Moderne

»Der blonde Eckbert« ist ein Klassiker der Romantik; er gehört zu den unheimlichsten Geschichten dieser Epoche und gleicht mehr einer Horrorgeschichte als einem Märchen. Das Irrationale, das mit überwältigender Kraft in eine scheinbar geordnete Welt einbricht, ist ein charakteristisches Element romantischer Erzählkunst; die Art und Weise jedoch, wie die Protagonisten aufgrund schuldhafter Verstrickung aus der Vergangenheit unbewusst in ihr Verderben laufen, weist schon weit in die Moderne. Hilflos sind sie höheren Mächten ausgeliefert, die ihnen am Ende Chaos, Wahnsinn und Tod bringen.

Unverhältnismäßigkeit von Schuld und Sühne

So bleibt auch die Frage offen, warum Eckbert und Bertha mit Tod und Wahnsinn bestraft werden, obwohl sie nur bedingt Schuld auf sich geladen haben. Eckbert ist nicht für den Ehebruch seines Vaters verantwortlich, und Bertha hat zwar das Vertrauen der Alten im Wald missbraucht, hatte aber zugleich ein Recht auf Aufbruch. Zweifellos stehen die Tiere, denen sie zuvor nahe war, als Getötete nun für ihre verlorene Unschuld und Entfremdung von der Natur. Gleichwohl erscheint aber ihre Bestrafung durch die Alte mit dem Tod als völlig unverhältnismäßig und ebenso monströs wie Eckberts Ende.

Ambivalenz romantischer Motive

Auffällig ist auch, dass typisch romantische Motive wie Freundschaft, Liebe, Natur oder Aufbruch in die weite Welt nie eindeutig positiv erscheinen. Trotz der großen Emphase, mit der sie beschrieben werden, schwingt immer schon etwas Düsteres, auf schwer greifbare Art Unheilvolles in ihrer Schilderung mit. So hat Eckberts Eheidyll mit Bertha etwas von Stillstand und Ödnis, und seine Freundschaft mit Walther ist von Anfang an zwiespältig und bedroht. Das Unbehagen, das Eckbert empfindet, schlägt später in Angst um. Seine einzigen Freunde, Walther und Hugo, sind in Wahrheit nur andere Erscheinungsformen der alten Frau. Eckbert hat also nie mit einem wirklichen Gegenüber kommuniziert, was auf eine bodenlose Isolation und Einsamkeit verweist.