Der blonde Eckbert

Interpretation

Vorgriff auf die Moderne

»Der blonde Eckbert« ist ein Klassiker der Romantik; er gehört zu den unheimlichsten Geschichten dieser Epoche und gleicht mehr einer Horrorgeschichte als einem Märchen. Das Irrationale, das mit überwältigender Kraft in eine scheinbar geordnete Welt einbricht, ist ein charakteristisches Element romantischer Erzählkunst; die Art und Weise jedoch, wie die Protagonisten aufgrund schuldhafter Verstrickung aus der Vergangenheit unbewusst in ihr Verderben laufen, weist schon weit in die Moderne. Hilflos sind sie höheren Mächten ausgeliefert, die ihnen am Ende Chaos, Wahnsinn und Tod bringen.

Gerhard R. Koch spricht in einem Feuilleton-Beitrag der FAZ von »Bildern einer ‚irrsinnigen Welt‘ (Tieck)« und einer »krasse[n] Absage an den Aufklärer-Traum von deren heller Beherrschbarkeit und linearem Fortschritt – auch im Narrativen. Eher ist es die präpsychoanalytisch aufzuschlüsselnde Dramaturgie des Phantasy-Films: Die tödliche Anamnese evoziert die Tripelgängerschaft (die Alte, Walther, Hugo), den Wiederholungszwang wie das Inzestmotiv. « (Koch 35)

Unverhältnismäßigkeit von Schuld und Sühne

So bleibt auch die Frage offen, warum Eckbert und Bertha mit Tod und Wahnsinn bestraft werden, obwohl sie nur bedingt Schuld auf sich geladen haben. Eckbert ist nicht für den Ehebruch seines Vaters verantwortlich, und Bertha hat zwar das Vertrauen der Alten im Wald missbraucht, hatte aber zugleich ein Recht auf Aufbruch. Zweifellos stehen die Tiere, denen sie zuvor nahe war, als Getötete nun für ihre verlorene Unschuld und Entfremdung von der Natur.

Die fürchterliche Rache aber, die die Alte später nicht nur an Bertha, sondern auch in einer Art »Sippenhaft« an Eckbert nimmt, und beider Bestrafung mit dem Tod erscheinen dennoch völlig unverhältnismäßig. Die Konsequenzen der Untaten sind so monströs, dass man hier auf den Vorgriff auf die Moderne verweisen muss: Ursache und Wirkung, Schuld und Sühne stehen in keinem nachvollziehbaren Verhältnis mehr zueinander, sondern wirken willkürlich.

Erklärbar wird die brutale Bestrafung lediglich in einer anderen Deutung, in der die Alte keine persönliche Rache nimmt, sondern als überpersönliche Schicksalsmacht fungiert. In dieser Funktion bestraft sie nicht nur Bertha für ihren Diebstahl, sondern Eckbert und Bertha für den begangenen Inzest. Markus Kraiger, der dieser Sichtweise folgt, bezeichnet daher »das Waldweib als eine personifizierte Nemesis« (Kraiger 10).

Ambivalenz romantischer Motive

Auffällig ist auch, dass typisch romantische Motive wie Freundschaft, Liebe, Natur oder Aufbruch in die weite Welt nie eindeutig positiv erscheinen. Trotz der großen Emphase, mit der sie beschrieben werden, schwingt immer schon etwas Düsteres, auf schwer greifbare Art Unheilvolles in ihrer Schilderung mit. So hat Eckberts Eheidyll mit Bertha etwas von Stillstand und Ödnis, und seine Freundschaft mit Walther ist von Anfang an zwiespältig und bedroht. Das Unbehagen, das Eckbert empfindet, schlägt später in Angst um. Seine einzigen Freunde, Walther und Hugo, sind in Wahrheit nur andere Erscheinungsformen der alten Frau. Eckbert hat also nie mit einem wirklichen Gegenüber kommuniziert, was auf eine bodenlose Isolation und Einsamkeit verweist.

Text von Dr. Susanne Niemuth-Engelmann. Veröffentlicht am 11. Dezember 2022. Zuletzt aktualisiert am 11. Dezember 2022.