Der blonde Eckbert

Absatz 19–25

Zusammenfassung

Bertha und die Alte steigen einen Hügel hinauf, der mit Birken bepflanzt ist. Von oben sieht man in ein Tal, das ebenfalls voller Birken ist. Mitten darin steht die kleine Hütte der Alten. Ihr Hund kommt den beiden schon auf halbem Wege entgegen und springt sie fröhlich an. Aus der Hütte hört man den ständig wiederholten Gesang eines Vogels mit den Worten: »Waldeinsamkeit,/ Die mich erfreut, / So morgen wie heut/ In ew’ger Zeit/ O wie mich freut/ Waldeinsamkeit.«

Bertha tritt voller Neugier in die Hütte ein. Diese ist aufgeräumt und mit Haushaltsgeräten versehen. Der Vogel, dessen Lied Bertha gehört hat, sitzt in einem Käfig am Fenster. Die Alte bewegt sich in ihrer gewohnten Umgebung, als sei Bertha gar nicht anwesend. Sie hustet und keucht stark. Bertha ist ihr Anblick nicht ganz geheuer, denn ihr Kopf wackelt und ihr Gesicht bewegt sich ständig. Bertha fällt auf, dass sie ihr eigentliches Aussehen dadurch gar nicht richtig erkennen kann.

Die Alte trägt das Abendessen auf und betet, bevor sie essen. Nach dem Essen betet sie erneut und zeigt Bertha ihre Schlafkammer.

Bertha fällt in einen betäubungsähnlichen Zustand, aus dem sie immer wieder aufwacht. Dann hört sie aus der Ferne das Keuchen der Alten, den Gesang des Vogels und das Rauschen der Birken vor ihrem Fenster. Diese Laute wirken so unwirklich und sonderbar, dass sie glaubt, nicht aufgewacht, sondern von einem in einen weiteren Traum gefallen zu sein.

Analyse

Die Birke ist traditionell ein Symbol der Hoffnung und des Neubeginns und wird vor allem in Nord- und Osteuropa als Baum der Liebe und des Lebens betrachtet. So ist es kein Zufall, dass die Hütte der Alten inmitten von Birken und ihrem frischen Grün steht: Offensichtlich kann Bertha sich hier sicher fühlen und einen Neubeginn wagen.

Der muntere Hund, der ihnen schon vor der Hütte entgegenspringt, passt in dieses fröhliche, hoffnungsvolle Bild. Auch das Lied des Vogels spricht von Freude: »Waldeinsamkeit, die mich erfreut« heißt es darin zu Beginn, und am Schluss wird nochmals wiederholt »o wie mich freut, Waldeinsamkeit« (S. 10). Das Stilmittel der Wiederholung des ersten und letzten Wortes in einem Vers oder einer Strophe, die sogenannte »Epanadiplose«, wird zur Verstärkung einer Aussage eingesetzt. Hier wird daher ausdrücklich betont, dass Waldeinsamkeit nichts Bedrohliches, sondern im Gegenteil Auslöser von Freude ist.

Dennoch ist Berthas neue Lebenslage in der Hütte der Alten nicht frei von Furcht. Es ist die Alte selbst, die durch ihr ständiges Husten und Keuchen und die damit einhergehenden Gesichtsbewegungen beängstigend wirkt. Bertha kann nämlich angesichts ihrer ständigen Grimassen nicht deutlich erkennen, wie die alte Frau wirklich aussieht.

Auch ihre erste Nacht im neuen Zuhause ist zwiespältig. Zwar erhält sie eine eigene Schlafkammer, in der sie zur Ruhe kommen könnte, doch fällt sie hier in einen Zustand, der eher einer Betäubung als erholsamem Schlaf gleicht. Immer wieder schrickt sie durch Geräusche auf, ist sich dann aber nicht sicher, ob sie wirklich aufgewacht oder nur von ihrem ersten in einen weiteren Traum gefallen ist. Dieses Bild erinnert an ein bekanntes Gedicht von Edgar Allan Poe (1809–1849), einem der wichtigsten Vertreter der Schwarzen Romantik, in dem es heißt: »All that we see or seem/ Is but a dream within a dream.« Dieses Gedicht erschien erst 1849, also gut ein halbes Jahrhundert nach der Veröffentlichung des »Blonden Eckbert«. Umso interessanter ist es, dass Tieck bereits um 1800 mit Motiven spielt, die man eher einer späteren Phase der Romantik zuordnen würde, etwa den Erzählungen E. T. A. Hoffmanns, der von Edgar Allan Poe beeinflusst war.

Text von Dr. Susanne Niemuth-Engelmann. Veröffentlicht am 11. Dezember 2022. Zuletzt aktualisiert am 11. Dezember 2022.