Der blonde Eckbert

Rezeption und Kritik

Noch bis ins 20. Jahrhundert hinein überwiegen die negativen Stimmen in der Rezeption des Märchens. Nicht allein »Der blonde Eckbert« wird kritisiert; vielfach ist es das Gesamtwerk Ludwig Tiecks, dem Kritiker und Rezipienten, unter ihnen auch große Literaturwissenschaftler, eher verständnislos gegenüberstehen. Rudolf Haym bewertet Tieck in seiner »Romantischen Schule« von 1870 als bloßen Epigonen und Mitläufer, was angesichts Tiecks großer Innovationskraft und prägender Wirkung für die gesamte Epoche der Romantik aus heutiger Sicht befremdet. Friedrich Gundolf betrachtet Tieck als reinen Unterhaltungsschriftsteller, und auch Emil Staiger meint, dass Tieck »der gedanklichen Konzentration überhaupt nicht fähig zu sein« scheint (Freund 48. Die Ausführungen zur Rezeptionsgeschichte folgen weitgehend dem Kapitel »Rezeption» bei Freund). 

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wird eine zaghafte Neubewertung Tiecks eingeleitet, u. a. durch Marianne Thalmanns Biografie »Ludwig Tieck, der romantische Weltmann aus Berlin« (1935). Mit der Revision des Tieck-Bildes durch weitere Literaturhistoriker wie Uwe Schweikert, Wulf Segebrecht und Roger Paulin im Laufe des 20. Jahrhunderts geht auch eine Revision der Eckbert-Rezeption einher. 

Interessant ist, dass nicht nur dieses Märchen, sondern auch das erzählerische Gesamtwerk Tiecks von Schriftstellerkollegen bereits viel früher in seiner Bedeutung gesehen wurde. Heinrich Heine nennt Tieck in seiner berühmten »Romantischen Schule» (1875) als einen der besten Dichter der Romantik und verweist besonders auf seine Erzählungen »Der blonde Eckbert« und »Der Runenberg«. Später rühmen u. a. auch Theodor Fontane, Theodor Storm und Thomas Mann Tiecks Erzählkunst.

In den 1970er-Jahren gibt es dem akademischen Geist der Zeit entsprechend vermehrt strukturalistische Betrachtungen des Märchens (Martin Swales, Winfried Freund). Je weiter man sich der Gegenwart nähert, desto mehr häufen sich psychologisierende Interpretationen des Werkes, die neuere Erkenntnisse aus der Psychoanalyse einbeziehen. Interessant sind aber auch Untersuchungen wie die Markus Kraigers (vgl. Quellen), in denen dem Text poetologische Verfahren impliziter Romantikkritik unterstellt werden.

Gegenwärtig gilt »Der blonde Eckbert« als Tiecks »eigentliche Meisterleistung, ein Urteil, das der schulische Kanon bestätigt, in dem nur dieses Stück sich weiter behaupten konnte.« (Freund 49)

Text von Dr. Susanne Niemuth-Engelmann. Veröffentlicht am 11. Dezember 2022. Zuletzt aktualisiert am 11. Dezember 2022.