Der blonde Eckbert

Absatz 43–47

Zusammenfassung

Bertha mietet in einer schönen Stadt ein Haus mit Garten und nimmt sich eine Haushälterin. Sie vergisst ihr Leben im Wald weitgehend und fühlt sich zufrieden. Als der Vogel eines Nachts wieder das alte Lied anstimmt, erschrickt sie, denn er hat lange nicht mehr gesungen. Der Vers lautet nun: »Waldeinsamkeit/ Wie liegst du weit!/ O dich gereut/ Einst mit der Zeit. –/ Ach einz’ge Freud/ Waldeinsamkeit.« Bertha erinnert sich an ihre Untat und hat schwere Schuldgefühle. Am anderen Morgen singt der Vogel immer lauter und ohne Unterbrechung die Verse, bis Bertha es nicht mehr erträgt. Sie erwürgt den Vogel und begräbt seine Leiche im Garten.

In der folgenden Zeit hat sie häufig Angst vor ihrer Aufwärterin und fürchtet, diese könne sie ebenso bestehlen, wie sie selbst einst die Alte im Wald bestohlen hat, oder sie sogar ermorden. Darum willigt sie gerne ein, als ein junger Ritter, den sie schon lange kennt und mag, um ihre Hand anhält.

Analyse

Mit der Darstellung ihres Lebens als erwachsene Frau beendet Bertha die Geschichte ihres Lebens. Zunächst lebt sie einigermaßen zufrieden in ihrem neuen Haus, aber als der Vogel sie mit seinem erneuten Gesang – die zweite Stelle im Text, an der die Verse auftauchen – an ihren Diebstahl erinnert, sühnt sie die Tat nicht etwa, sondern begeht eine weitere, indem sie den Vogel tötet. Die Angst, die sie daraufhin vor ihrer Haushälterin entwickelt, liegt nicht in der Natur jener Frau, über die man als Leser überhaupt nichts erfährt. Es ist allein Berthas schlechtes Gewissen, das die Furcht in ihr auslöst.

Man könnte diese Furcht auch als generelle Einsicht in die Existenz des Bösen deuten. Die Erkenntnis, dass es Verbrechen und Gewalt tatsächlich gibt und dass die Fähigkeit dazu grundsätzlich in jedem Menschen angelegt ist, ist ein wichtiger Meilenstein im Prozess des Erwachsenwerdens. Indem Bertha an das Unrecht erinnert wird, das sie selbst begangen hat, begreift sie, dass auch jeder andere Mensch diese Möglichkeit in sich trägt. Die eilige Eheschließung mit dem Ritter, der um ihre Hand anhält, erscheint vor diesem Hintergrund vor allem als Flucht in ein scheinbar sicheres Eheidyll.

Text von Dr. Susanne Niemuth-Engelmann. Veröffentlicht am 11. Dezember 2022. Zuletzt aktualisiert am 11. Dezember 2022.