Der blonde Eckbert

Sprache und Stil

Im Märchen »Der blonde Eckbert« entsprechen Sprache und Stil weitgehend den Zielen der romantischen Programmatik. Als Gegenbewegung zur Aufklärung apostrophiert die Romantik den Verzicht auf streng logische Erzählstrukturen und einheitliche formale Kriterien. Das Kunstmärchen »Der blonde Eckbert« verzichtet darüber hinaus auch auf charakteristische Stilelemente des Volksmärchens wie Einleitungs- und Schlussformel (»Es war einmal …«, »und wenn sie nicht gestorben sind …«). Stattdessen lässt der Autor Ludwig Tieck seinen künstlerischen Absichten freien Lauf, indem er eine emotionale Sprache von großer Bildhaftigkeit verwendet. Ihre Kennzeichen sind der Reichtum an Metaphern sowie die Fülle verschiedener beschreibender Adjektive und lautmalerischer Begriffe.

Überhaupt spielen Akustik und Hörsinn eine große Rolle bei den verwendeten Worten. So sagt Bertha über ihre Vorstellung vom Gebirge als Kind: »[D]as bloße Wort Gebirge, wenn ich davon hatte reden hören, war meinem kindlichen Ohr ein fürchterlicher Ton gewesen.« (S. 6) Später auf ihrer Wanderschaft beschreibt sie: »[V]on den Felsentälern hallte meine Stimme auf schreckliche Art zurück« (S. 7) oder »Ich glaubte jetzt, das Gesause einer Mühle aus der Ferne zu hören« (S. 8). Das erste Mal wird sie der Alten gewahr, indem sie »in einiger Entfernung ein leises Husten« hört, und ihre überwältigenden Gefühle beim Anblick der schönen Landschaft hinter dem Wald werden u. a. mit dem »Rieseln der Quellen« und dem »Flüstern der Bäume« (S. 9) in Zusammenhang gebracht.

Sowohl bedrohliche als auch beglückende Momente werden also an vielen Stellen im Text durch Ausdrücke beschrieben, die mit dem Hören zusammenhängen. Zu den akustischen Sensationen gehört natürlich auch das zentrale Lied des Vogels, das Bertha schon auf dem Weg zur Hütte der Alten aus der Ferne hören kann. Später hört sie es noch ein zweites Mal, und am Schluss des Textes ist es Eckbert, dem das Lied in quälender Weise ins Ohr dringt. Sein dramatisches Ende in Wahnsinn und Verzweiflung wird ebenfalls von akustischen Eindrücken begleitet: »dumpf und verworren hörte er die Alte sprechen, den Hund bellen, und den Vogel sein Lied wiederholen.« (S. 25)

Romantische Texte zeichnen sich durch die genaue Beschreibung der Innenwelten ihrer Protagonisten aus. Auch im »blonden Eckbert« häufen sich darum Wörter, die emotionale Zustände charakterisieren. Es sind dies Substantive wie »Melancholie«, »Seele«, »Freude«, »Vergnügen«, »Liebe«, »Einsamkeit«, »Tränen«, »Seufzer«, »Furcht« oder »Entsetzen«; Verben wie »klagen«, »ängstigen«, »weinen«, »schreien«, »entzücken«, »erschrecken« oder »trösten«; Adjektive wie »traulich«, »fürchterlich«, »wehmütig«, »betrübt« oder »froh«. Auch in ganzen Satzkonstruktionen und größeren Textabschnitten werden innere Zustände beschrieben. Bertha stellt die Rückkehr in ihr altes Dorf und die Hoffnung auf ein Wiedersehen mit ihren Eltern folgendermaßen dar: »Wie ward ich überrascht! Wie liefen mir vor Freuden […] die Tränen von den Wangen!« (S. 16) Die Form des Ausrufs unterstreicht die Emphase. 

Durch die Emotionalität der Sprache wirken die Dialoge zwischen Bertha und Eckbert sehr lebendig, was einen Kontrast zur Darstellung ihres ruhigen, wenn nicht langweiligen Ehealltags bildet. So ist es wahrscheinlich kein Zufall, dass diese starke Emotionalität auch erst dann eintritt, als Bertha Walther ihre Geschichte bereits erzählt hat. Sie vertraut sich Eckbert mit den Worten an: »Und wie hängt dieser Mensch dann mit meinem Schicksale zusammen? Zuweilen kämpfe ich mit mir, als ob ich mir diese Seltsamkeit nur einbilde […]. Ein gewaltiges Entsetzen befiel mich, als mir ein fremder Mensch so zu meinen Erinnerungen verhalf.« (S. 20) 

Auch der auktoriale Erzähler wendet dramatisierende und emotionalisierende Sprachverfahren an, wenn er z. B. über Eckbert sagt: »Sein Entsetzen war unbeschreiblich; außer sich stürzte er hinaus« (S. 23). Insgesamt gehören »seltsam« und »Seltsamkeit« sowie »Entsetzen« (Substantiv), »entsetzen« (Verb) und »entsetzt« zu den häufig verwendeten Wörtern im Text.

Text von Dr. Susanne Niemuth-Engelmann. Veröffentlicht am 11. Dezember 2022. Zuletzt aktualisiert am 11. Dezember 2022.