Neue Subjektivität (1970–1979)

Neue Subjektivität (1970–1979)

Neue Subjektivität in den 1970ern

In den 1970er-Jahren konzentrierten sich viele Schriftsteller wieder auf sich selbst und ihre eigene Sicht auf die Welt. Für den Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki war die Hinwendung zum Einzelnen das prägendste Merkmal dieser literarischen Richtung. Er bezeichnete sie deshalb als die »Neue Subjektivität«. Die Epoche wird alternativ auch als »Neue Innerlichkeit« oder »Neue Sensibilität« bezeichnet.

Wichtige Autoren und Werke der Neuen Subjektivität

  • Nicolas Born (1937–1979):
    • »Die erdabgewandte Seite der Geschichte«
  • Rolf-Dieter Brinkmann (1940–1975):
    • »Westwärts 1 & 2«
  • Peter Handke (geb. 1942):
    • »Wunschloses Unglück«
  • Peter Schneider (geb. 1940):
    • »Lenz«
  • Botho Strauß (geb. 1944):
    • »Trilogie des Wiedersehens«
  • Martin Walser (geb. 1927):
    • »Ein fliehendes Pferd«
  • Thomas Bernhard (1931–1989):
    • »Die Ursache«

Geschichtlicher Hintergrund

Die Umsetzung der politischen Forderungen der 1968er-Protestbewegung galten als gescheitert. Daraufhin machten sich vielerorts politische Enttäuschung und Ernüchterung in der Bevölkerung breit.

Statt politisches Engagement zu zeigen, konzentrierte man sich nun vermehrt auf das Eigene und Private. Mit dieser Beschränkung auf den privaten Lebensbereich war vor allem die Hoffnung verbunden, im Kleinen etwas bewirken zu können.

Während die sich die Mehrheit der Bevölkerung unpolitischen Themen zuwandte, entwickelte und radikalisierte sich in den 1970er-Jahren die extremistische Terrorgruppe »Rote Armee Fraktion« (RAF). Entführungen, Geiselnahmen und Morde, die durch die RAF verübt wurden, prägten das gesamte Jahrzehnt und verunsicherten die deutsche Gesellschaft.

In den 1970er-Jahren kam es auch zu einer Revolution der Sexualität. Die Antibabypille wurde eingeführt und eine Debatte zum Thema Schwangerschaftsabbruch entbrannte. Folglich stellte man alte Rollenbilder von Männern und Frauen infrage und insbesondere Frauen forderten mehr Gleichberechtigung und Selbstbestimmung.

Vorstellung vom Menschen

  • Zunehmende Gleichberechtigung der Frauen (Emanzipation).
  • Aufwertung der Innerlichkeit, Privatheit, Identität, Individualität und eigenen Erfahrung.
  • Eigene Bedürfnisse stehen im Mittelpunkt.

Literatur der Neuen Subjektivität

War die Literatur in den 1960er-Jahren besonders sozial- und ideologiekritisch ausgerichtet, so entstand in den 1970ern eine unpolitische Gegenbewegung. Die Enttäuschung und Resignation hatte ein Abwenden vom politischen Geschehen innerhalb der Literaturszene zur Folge. Gleichzeitig fand eine Hinwendung nach innen statt. Die eigene Identität und Individualität (Einzigartigkeit) rückte dabei in den Mittelpunkt und der Literatur schrieb man die Fähigkeit, Veränderungen in der Gesellschaft zu bewirken, ab.

Die terroristischen Taten der Roten Armee Fraktion (RAF) befeuerten die Abkehr von politischen Themen innerhalb der Literaturszene zusätzlich. Mit der Wahl von unpolitischen Themen, positionierten sich die Schriftsteller gegen die linksextremistische Ideologie. Politik erhielt keinen Platz in literarischen Werken und man äußerte sich zurückhaltend zum politischen Zeitgeschehen.

Viele Autoren besannen sich auf ihre eigene Persönlichkeit und Biografie und so dominierte die autobiografische Literatur die Neue Subjektivität. Ereignisse der eigenen Biografie wurden zum Anlass des Schreibens genutzt. Zentrale Themen waren: Probleme in persönlichen Beziehungen, eigene Erfahrungen und Erlebnisse, Träume und Fantasie, Selbstfindung und Selbsterfahrung.

Im Zuge der Frauenbewegung entstanden zahlreiche feministische Werke, in denen die traditionellen Rollenbilder und Strukturen im Geschlechterverhältnis skeptisch hinterfragt wurden.

Wichtige Merkmale der Neuen Subjektivität

  • Aufwertung des Einzelnen.
  • Eigene (subjektive) Sicht auf die Welt.
  • Direkte, einfache Sprache.
  • Abkehr von politischer Literatur.
  • Zentrale Themen: Probleme in persönlichen Beziehungen, eigene Erfahrungen und Erlebnisse, Träume und Fantasie, Selbstfindung und Selbsterfahrung.

Die Neue Subjektivität war bestimmt von der Verwendung der Umgangssprache beziehungsweise einer emotionalen und sehr subjektiven Sprache. Insbesondere das Spannungsfeld zwischen dem inneren Erleben des Einzelnen und der Gesellschaft war Gegenstand der Literatur.

Auch die Lyrik zeichnete sich durch Einfachheit (schlichte, authentische und direkte Sprache) aus und stellte häufig die persönlichen Erfahrungen in einen größeren gesellschaftlichen Zusammenhang. Häufig wurde sie auch als Alltagslyrik bezeichnet. Dabei widmeten sich die Lyriker der Neuen Subjektivität persönlichen Themen wie Freude, Glück und Trauer.

In den Dramen der Neuen Subjektivität wurden von Einsamkeit geplagte Figuren dargestellt, die unter der Gefühlskälte der Gesellschaft litten. Die Unfähigkeit des Einzelnen, stabile zwischenmenschliche Beziehungen in einer kalten und desinteressierten Umwelt aufzubauen, stand dabei im Mittelpunkt.

Autoren und Werke der Neuen Subjektivität

  • Ingeborg Bachmann (1926–1973):
    • »Malina«
  • Heinrich Böll (1917–1985):
  • Rolf-Dieter Brinkmann (1940–1975):
    • »Westwärts 1 & 2«
    • »Rom, Blicke«
  • Peter Handke (geb. 1942):
    • »Wunschloses Unglück«
  • Elfriede Jelinek (geb. 1946):
    • »Die Liebhaberinnen«
  • Peter Schneider (geb. 1940):
    • »Lenz«
  • Botho Strauß (geb. 1944):
    • »Trilogie des Wiedersehens«
  • Karin Struck (1947–2006):
    • »Klassenliebe«
    • »Die Mutter«
  • Bernward Vesper (1938–1971):
    • »Die Reise«
  • Martin Walser (geb. 1927):
    • »Ein fliehendes Pferd«
  • Thomas Bernhard (1931–1989):
    • »Die Ursache«
    • »Der Keller«
    • »Der Atem«
    • »Die Kälte«
  • Verena Stefan (1947–2017):
    • »Häutungen«