Die Epoche des Vormärz

Der Vormärz bezeichnet eine Literaturepoche zum Ausgang der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts (ca. 1830 bis 1848), in der sich das politische und sozialkritische Aufbegehren zahlreicher Literaten gegen die staatliche Obrigkeit widerspiegelt. In der Kritik des herrschenden Zeitgeistes knüpft der Vormärz an die Schriften des Jungen Deutschland an – wenngleich nun ein größerer revolutionärer Eifer festzustellen ist.

Geschichtlicher Hintergrund

Die oppositionellen Strömungen innerhalb des Deutschen Bundes wurden durch die französische Julirevolution (1830) befeuert, die dem Bürgertum in der »Grande Nation« erneut zu Übernahme der Macht verhalf. Führte die Revolution im Nachbarland einerseits dazu, dass die Fürsten den Druck auf liberale und demokratische »Querdenker« nochmals verschärften, zeigte das an Selbstbewusstsein gewinnende Bürgertum auch hierzulande immer weniger Bereitschaft, sich mit der umfassenden Zensur und den weiteren Einschränkungen der Freiheit abzufinden.

Nicht zuletzt das Verbot der Werke des Jungen Deutschland (1835) führte dazu, dass sich die Literaten des Vormärz zunehmend radikalisierten. Dabei wurde nunmehr nicht nur den Forderungen nach Einigkeit und der Überwindung der Restaurationszeit stärkerer Ausdruck verliehen, auch die Folgen der beginnenden Industrialisierung ließ das soziale Gewissen vieler Autoren nicht kalt. Die Literatur des Vormärz ist somit das künstlerische Abbild eines sich verändernden gesellschaftlichen Klimas, welches schließlich in der Deutschen Revolution (1848/49) gipfeln sollte.

Der Begriff Vormärz

Der Begriff Vormärz bezeichnet somit nicht nur eine literarische, sondern vor allem auch eine Epoche der deutschen Geschichte, die der Märzrevolution im Jahr 1848 den Boden bereitete. An der Übereinstimmung der Begrifflichkeiten wird erkennbar, dass die Autoren jener Zeit mit ihrer Arbeit als unmittelbare politische Akteure tätig werden wollten.

Merkmale des Vormärz

Da die Autoren des Vormärz ihre Werke in erster Linie als ein Instrument des Kampfes und der Auflehnung verstanden, wurden sämtliche ästhetischen Kriterien der zu vermittelnden Botschaft untergeordnet. Die bereits beim Jungen Deutschland festzustellende Ablehnung der als zu elitär verworfenen Romantik und Klassik setzte sich somit auch in vorrevolutionären Zeit unvermindert fort. Literatur sollte hier nicht mehr als ein unterhaltsames Beiwerk der Mußestunde dienen, sondern auf so viele Bevölkerungsschichten wie möglich wirken – folgerichtig gewinnt im Vormärz unter anderem die Lyrik an Gewicht, in der sich die Kritik an Thron und Krone oftmals am prägnantesten zusammenfassen ließ.

Lyrik im Vormärz

Insbesondere aufgrund der zahlreich veröffentlichten politischen Gedichte und Lieder tritt die Lyrik als vorherrschende Literaturgattung des Vormärz in Erscheinung. Vor allem Georg Herwegh gelang es mit seiner Sammlung »Gedichte eines Lebendigen« nationale Bekanntheit zu erlangen – und entsprechenden Einfluss auf die politischen Entwicklungen zu nehmen. Engagierte Lyrik wurde zudem auch von Ferdinand Freiligrath (»Neue politische und soziale Gedichte«) und August Heinrich Hoffmann von Fallersleben veröffentlicht, der im Jahr 1841 auf Helgoland unter anderem auch das »Lied der Deutschen« verfasste.

Allerdings bleibt festzuhalten, dass sich unter den Literaten des Vormärz teilweise auch Widerspruch gegen den Versuch der direkten politischen Einflussnahme der Lyriker erhob. Namentlich von Heinrich Heine wurden die entsprechenden Werke als gehaltlose »Tendenzliteratur« kritisiert. Da Heine jedoch die grundsätzliche Kritik an den herrschenden Verhältnissen teilte, steuerte er mit »Die schlesischen Weber« und dem Epos »Deutschland. Ein Wintermärchen« auch selbst politische und sozialkritische Gedichte zur Literatur des Vormärz bei.

Prosa im Vormärz

Der Hang zur Kürze schlägt sich auch in der epischen Literatur des Vormärz nieder; so gewinnen in den entsprechenden Jahren der Brief und der Reisebericht als künstlerisches Ausdrucksmittel an Gewicht. Dabei zeigt sich immer wieder, dass die Entwicklungen in Frankreich im Nachgang der Julirevolution direkten Einfluss auf das Aufflammen der revolutionären Stimmung nehmen: Mit dem Journalisten Ludwig Börne (»Briefe aus Paris«) und Heinrich Heine (»Deutschland. Ein Wintermärchen«) machen sich zwei in Paris sesshaft gewordene Autoren um einschlägige Werke des Vormärz verdient.

Georg Weerth nutzt dagegen das Mittel der bissigen Satire, um in »Leben und Taten des berühmten Ritters Schnapphahnski« den Adel aufs Korn zu nehmen. Der im Revolutionsjahr 1848 veröffentliche Feuilletonroman ruft zudem in Erinnerung, dass sich zumindest einige Literaten des Vormärz auch weiterhin dem klassischen Bildungsbürgertum verpflichtet fühlten.

Dramatik des Vormärz

In Bereich der Dramatik wird vielleicht am deutlichsten, dass sich die literarischen Epochen des Vormärz und des Jungen Deutschland stellenweise überlagern und inhaltlich durchdringen. So ist etwa Georg Büchner aufgrund seines frühen Todes im Jahr 1837 zeitlich eher dem gemäßigteren Jungen Deutschland zuzurechnen, mit der kritische Sprengkraft seiner Werke wird von Büchner jedoch teilweise sogar die revolutionäre Literatur der 1840er Jahre übertroffen. Sowohl mit dem sozialkritischen »Woyzeck« als auch dem Revolutionsdrama »Dantons Tod« weist sich der Begründer des sozialen Dramas indirekt als Geisteskind des Vormärz aus.

Stärker noch als der zunächst verkannte Büchner, hat aber Karl Gutzkow mit seinem dramatischen Werk auf die tagespolitischen Diskussionen Einfluss genommen. Spätere Generationen haben dagegen eher dessen Komödien Interesse entgegengebracht, so ist etwa das 1844 uraufgeführte »Das Urbild des Tartüffe« zu den am häufigsten gespielten Bühnenstücken des 19. Jahrhunderts zu zählen.