Die Epoche des Naturalismus

Die Epoche des Naturalismus, die um 1880 beginnt, gehört zu den wegweisenden literarischen Strömungen für das 20. Jahrhundert. Hervorgegangen aus dem bürgerlichen Realismus des 19. Jahrhunderts, erscheint sie als seine Steigerung und Radikalisierung, die mit der aufkommenden Arbeiterbewegung und den Ideen des Sozialismus einhergeht.

Die Grundlage für die Vordenker des Naturalismus und ihre Vertreter in Literatur und bildender Kunst ist dabei jedoch nicht der soziale Gedanke, die Welt verändern und bessere Lebensbedingungen für die Arbeiterklasse schaffen zu wollen, sondern zunächst eine rein naturwissenschaftliche Sicht der Dinge, der Wille, die Zustände genau so abzubilden, wie sie nun einmal sind, ohne verklärenden religiösen oder philosophischen Überbau. Dass aus der schonungslosen Schilderung bestimmter Milieus im zweiten Schritt bei den Rezipienten der Wille zu sozialer Veränderung und Engagement für die Unterprivilegierten hervorgehen kann, mag zwar eine Konsequenz naturalistischen Schreibens und Malens sein, ist aber nicht der ursprüngliche Antrieb naturalistischer Künstler.

Wichtige Autoren des Naturalismus

Naturalismus und Naturwissenschaften

Sie wollen vielmehr mit ihrer Arbeit dem Wahrheitsanspruch der Naturwissenschaften, die im späten 19. Jahrhundert einen ungeheuren Aufschwung erleben, gerecht werden. Nicht nur große technische Erfindungen wie die Dampfturbine oder der Dieselmotor prägen die Epoche, sondern auch Naturwissenschaftler wie Charles Darwin, Psychologen wie Sigmund Freud und Philosophen wie Hippolyte Taine. Sie alle zeigen den Menschen als »determiniertes« (d. h. in seiner Entscheidungsfreiheit eingeschränktes) Wesen, das durch seine soziale Herkunft und die historische Situation, in die es hineingeboren wird, begrenzt ist. Diese Begrenzung wollen die Naturalisten in ihren Werken darstellen und dabei auch selbst in ihrer literarischen Arbeit mit naturwissenschaftlichen Methoden vorgehen. So spricht der Autor Wilhelm Bölsche (»Die Poesie der Großstadt«, 1890) von literarischen Werken als »Versuchsanordnungen«, und Arno Holz, einer der wichtigsten Vordenker und Dramatiker des Naturalismus in Deutschland, prägt die berühmt gewordene Formel: »Kunst = Natur – x«. Ziel des naturalistischen Künstlers muss es nach Holz sein, den Faktor »x« bei seiner Arbeit so klein wie möglich zu halten, um die Wirklichkeit naturgetreu abzubilden.

Literarische Zirkel und Zeitschriften des Naturalismus

Die literarischen Zentren des Naturalismus waren in Deutschland Berlin und München. In München war es die Literaturzeitschrift »Die Gesellschaft«, in der relevante naturalistische Autoren wie Johannes Schlaf und Arno Holz ihre Texte und Programme veröffentlichten. In Berlin gründeten die Brüder Julius und Heinrich Hart die Zeitschrift »Kritische Waffengänge«, um die herum sich ebenfalls ein Zirkel naturalistischer Autoren bildete, die in bewusste Opposition zu den unterhaltenden Strömungen des Literaturmarktes ihrer Zeit gingen.

Prosaformen im Naturalismus

Obwohl die umfangreichen Werke des französischen Romanciers Emile Zola (»Germinal«, 1885; »Doktor Pascal«, 1893) zu den Vorbildern der deutschen Naturalisten zählen, bevorzugen diese literarische Kurzformen wie die Skizze und die Kurznovelle. Hier findet der von den Naturalisten entwickelte »Sekundenstil« seinen geeigneten Ausdruck, ein Gestaltungsmittel, mit dem Worte und Gedanken der Protagonisten 1:1 phonographisch abgebildet werden sollen, einschließlich aller Pausen, Versprecher und Interruptionen. So kommt es beim naturalistischen Sekundenstil auch zur angestrebten Deckungsgleichheit von erzählter Zeit und Erzählzeit. Eines der bedeutendsten Werke, in denen der Sekundenstil präsentiert wird, ist Gerhart Hauptmanns Erzählung »Bahnwärter Thiel« (1888).

Das Drama im Naturalismus

Gerhart Hauptmann gehört neben Arno Holz zu den wichtigsten Dramatikern des Naturalismus in Deutschland. Eines ihrer literarischen Vorbilder war der Norweger Henrik Ibsen, dessen Bühnenstücke, vor allem die großen Ehedramen »Nora oder Ein Puppenheim« (1879) und »Hedda Gabler« (1890), zwischen 1890 und 1910 in Deutschland sehr populär waren. Genau wie Ibsen zeigen Hauptmann und Holz ihre Figuren als Produkte einer vorgegebenen sozialen Situation, der sie nicht entrinnen können. Anders als Ibsen bevorzugen sie jedoch zur Schilderung dieser Determinierung nicht das bürgerliche Milieu, sondern die Lebenswelten der unteren sozialen Klassen, in denen Begrenzung und fehlende Wahlmöglichkeiten ungleich deutlicher werden. Die wohl berühmtesten Dramen Gerhart Hauptmanns sind »Vor Sonnenaufgang« (1889), »Die Weber« (1892) und »Die Ratten« (1911). Den Zusammenbruch einer proletarischen Familie beschreibt das naturalistische Drama »Die Familie Selicke« (1890) von Arno Holz und Johannes Schlaf.

Lyrik im Naturalismus

Eine literarische Strömung, die sich vor allem durch eine konsequente Ablehnung idealistischer und romantischer Kunstformen und die Verneinung jeglicher Subjektivität auszeichnet, wird naturgemäß keine besondere Affinität zur Lyrik besitzen. Dennoch gibt es auch bei den Naturalisten den Willen, eigene lyrische Formen zu gestalten, die sich gegen die ihrer Auffassung nach verlogenen, sentimentalen und süßlichen Formen populärer Lyrik stellen sollten, mit denen am Ende des 19. Jahrhunderts der Literaturmarkt überschwemmt wurde. Arno Holz spricht von einer »Revolution der Lyrik«, bei der bewusst auf Reim und Versmaß verzichtet wird. Stilbildend sind auch hier vielmehr der Rhythmus des Sekundenstils und die Verwendung von Umgangssprache und Dialekt. Berühmtheit erlangt der Gedichtzyklus »Phantasus« (1898/99) von Arno Holz.