Naturalismus (1880–1900)

Der Naturalismus ist eine Strömung in der Kunst, insbesondere in Literatur und Theater. Die Epoche dauerte von etwa 1880 bis ins 20. Jahrhundert. Die naturalistischen Dichter fordern eine naturwissenschaftliche Darstellung der Wirklichkeit. Ihre Themen sind die Probleme und Missstände der modernen Industriegesellschaft wie das Elend in den großen Städten und die Ohnmacht des Einzelnen.

Die Epoche des Naturalismus

In der Literaturgeschichte steht der Naturalismus zwischen dem Realismus (1848–1890) und der Bewegung des Impressionismus (1890–1920). Der Begriff leitet sich ab von lat. natura = Natur.

Die Epoche des Naturalismus, die um 1880 beginnt, gehört zu den wegweisenden literarischen Strömungen für das 20. Jahrhundert. Sie war eine Protestbewegung. Hervorgegangen aus dem (bürgerlichen) Realismus des 19. Jahrhunderts, erscheint sie als seine Steigerung und Radikalisierung. Sie geht einher mit den Ideen des Sozialismus und der aufkommenden Arbeiterbewegung.

Wichtige Autoren des Naturalismus
  • Hermann Conradi (1862–1890)
  • Gerhart Hauptmann (1862–1946)
  • Arno Holz (1863–1929)
  • Max Kretzer (1854–1941)
  • Johannes Schlaf (1862–1941)
  • Hermann Sudermann (1857–1928)
Bedeutende Werke des Naturalismus
  • Gerhart Hauptmann, »Bahnwärter Thiel« (Novelle, 1888)
  • Gerhart Hauptmann, »Vor Sonnenaufgang« (Drama, 1889)
  • Gerhart Hauptmann, »Die Weber« (Drama, 1892)
  • Arno Holz und Johannes Schlaf, »Papa Hamlet« (Novellen, 1889)
  • Arno Holz und Johannes Schlaf, »Die Familie Selicke« (Drama, 1890)
  • Hermann Sudermann, »Frau Sorge« (Roman, 1887)

Dem Naturalismus geht es – wie schon dem Realismus – um eine möglichst objektive Darstellung der Wirklichkeit. Der Realismus zielt auf Verklärung der tatsächlichen Konflikte und klammert das Hässliche in der Welt aus. Im Naturalismus dagegen gilt das besondere Augenmerk sozialkritischen Themen und ihren psychologischen Hintergründen: Die realistischen Ziele werden verengt auf die Abbildung des wirtschaftlichen Elends, einer verkommenen Moral, des Krankhaften im Alltags, des Niedrigen und Triebhaften.

Die Grundlage für die Vordenker des Naturalismus und ihre Vertreter in Literatur und bildender Kunst ist dabei jedoch nicht der soziale Gedanke. Die Bewegung will weder die Welt verändern noch bessere Lebensbedingungen für die Arbeiterklasse schaffen. Die Künstler des Naturalismus eint zunächst eine rein naturwissenschaftliche Sicht der Dinge. Sie wollen die Zustände genau so abbilden, wie sie ihren Beobachtungen entsprechen. Einen verklärenden religiösen oder philosophischen Überbau lehnen sie ab.

Dennoch bleibt die schonungslose Schilderung bestimmter Milieus im zweiten Schritt bei Lesern und Betrachtern naturalistischer Werke nicht ohne Folgen: Der Wille zu sozialer Veränderung und Engagement für die Unterprivilegierten bilden sich heraus. Dies mag zwar eine Konsequenz naturalistischen Schreibens und Malens sein, war aber nicht der ursprüngliche Antrieb naturalistischer Künstler.

Naturalismus und Naturwissenschaften

Sie wollen vielmehr mit ihrer Arbeit dem Wahrheitsanspruch der Naturwissenschaften, die im späten 19. Jahrhundert einen ungeheuren Aufschwung erleben, gerecht werden. Nicht nur große technische Erfindungen wie die Dampfturbine oder der Dieselmotor prägen die Epoche, sondern auch Naturwissenschaftler wie Charles Darwin, Psychologen wie Sigmund Freud und Philosophen wie Hippolyte Taine. Sie alle zeigen den Menschen als »determiniertes« (d. h. in seiner Entscheidungsfreiheit eingeschränktes) Wesen, das durch seine soziale Herkunft und die historische Situation, in die es hineingeboren wird, begrenzt ist.

Das Menschenbild im Naturalismus
    Der Vorstellung des Menschen im Naturalismus liegt die Abkehr vom Idealismus zugrunde: Man glaubt nicht länger, dass Denken und Erkenntnis die Realität bestimmen. Vielmehr sei der Mensch absolut abhängig von äußeren Umständen, von dem Milieu, in das er hineingeboren wird. Er ist biologisch und gesellschaftlich gebunden. Seine Möglichkeiten der individuellen Entwicklung sind vorherbestimmt und begrenzt (Determinierung). Demnach wirkt alles bestimmend auf den Menschen ein und muss detailgetreu und mit wissenschaftlicher Objektivität wiedergegeben werden. Das Menschenbild im Naturalismus ist materialistisch.

Diese Begrenzung wollen die Naturalisten in ihren Werken darstellen und dabei auch selbst in ihrer literarischen Arbeit mit wissenschaftlichen Methoden vorgehen. So spricht der Autor Wilhelm Bölsche (»Die Poesie der Großstadt«, 1890) von literarischen Werken als »Versuchsanordnungen«. Arno Holz, einer der wichtigsten Vordenker und Dramatiker des Naturalismus in Deutschland, prägt die berühmt gewordene Formel: »Kunst = Natur – x«. Ziel des naturalistischen Künstlers muss es nach Holz sein, den Faktor »x« bei seiner Arbeit so klein wie möglich zu halten, um die Wirklichkeit naturgetreu abzubilden.

Literarische Zirkel und Zeitschriften des Naturalismus

Die literarischen Zentren des Naturalismus waren in Deutschland Berlin und München. In München war es die Literaturzeitschrift »Die Gesellschaft«, in der relevante naturalistische Autoren wie Johannes Schlaf und Arno Holz ihre Texte und Programme veröffentlichten. In Berlin gründeten die Brüder Julius und Heinrich Hart die Zeitschrift »Kritische Waffengänge«. Um sie herum bildete sich ebenfalls ein Zirkel naturalistischer Autoren, die in bewusste Opposition zu den unterhaltenden Strömungen des Literaturmarktes ihrer Zeit gingen.

Prosaformen im Naturalismus

Obwohl die umfangreichen Werke des französischen Romanciers Emile Zola (1840–1902) zu den Vorbildern der deutschen Naturalisten zählen, bevorzugen diese literarische Kurzformen wie die Skizze und die Novelle. Milieustudien dieser Epoche beschäftigten sich mit Sozialkritik und benennen psychologische Hintergründe. Massenelend, Prostitution, Alkoholismus oder das Leben in Mietskasernen werden dargestellt. Hier findet der neu entwickelte Sekundenstil seinen geeigneten Ausdruck.

Sekundenstil
    Der Naturalismus brachte eine neue Erzähltechnik hervor, den Sekundenstil. Der Literaturhistoriker Adalbert von Hanstein prägte den Begriff im Jahr 1900. Der Sekundenstil ist ein Gestaltungsmittel, das Sekunde für Sekunde in Raum und Zeit schildert. Seine Funktion bestand darin, die Realität und den Menschen in seinem Milieu detailgetreu abzubilden. Worte und Gedanken der Protagonisten werden 1:1 phonographisch (lautgetreu) abgebildet. Das schließt auch alle Wortfetzen, Pausen, Versprecher, Unterbrechungen etc. ein. Dadurch kommt es beim naturalistischen Sekundenstil zur angestrebten Deckungsgleichheit von erzählter Zeit und Erzählzeit. Neben der exakten Wiedergabe der Realität sind die personale Erzählweise sowie Dialoge Gestaltungsmittel des Sekundenstils. Eines der bedeutendsten Werke, in denen der Sekundenstil präsentiert wird, ist Gerhart Hauptmanns Erzählung »Bahnwärter Thiel« (1888).

Das Drama im Naturalismus

Noch im Realismus waren die »hässlichen« Milieus von Kleinbürgertum und Industrieproletariat in der Literatur und im Theater verpönt. Der Naturalismus bringt diese Lebensbereiche jetzt auf die Bühne. Damit übt er Kritik am Bürgertum und dessen Fortschrittsgläubigkeit. Gerhart Hauptmann gehört neben Arno Holz zu den wichtigsten Dramatikern des Naturalismus in Deutschland. Eines ihrer literarischen Vorbilder war der Norweger Henrik Ibsen (1828–1906). Dessen Bühnenstücke, vor allem die großen Ehedramen »Nora oder Ein Puppenheim« (1879) oder »Hedda Gabler« (1890), waren zwischen 1890 und 1910 in Deutschland sehr populär.

Genau wie Ibsen zeigen Hauptmann und Holz ihre Figuren als Produkte einer vorgegebenen sozialen Situation, der sie nicht entrinnen können. Anders als Ibsen bevorzugen sie jedoch zur Schilderung dieser Determinierung nicht das bürgerliche Milieu, sondern die Lebenswelten der unteren sozialen Klassen. Dort werden Begrenzung und fehlende Wahlmöglichkeiten ungleich deutlicher und spielen eine größere Rolle. Im Mittelpunkt stehen die Schilderung des Milieus und die charakterliche Darstellung der Hauptpersonen. Demgegenüber verliert die Handlung des Stücks an Bedeutung.

Die wohl berühmtesten Dramen Gerhart Hauptmanns sind »Vor Sonnenaufgang« (1889), »Die Weber« (1892) und »Die Ratten« (1911). Den Zusammenbruch einer proletarischen Familie beschreibt das naturalistische Drama »Die Familie Selicke« (1890) von Arno Holz und Johannes Schlaf.

Lyrik im Naturalismus

Der Naturalismus verneinte jegliche Subjektivität, sein Streben galt der objektiven und wissenschaftlichen Darstellung. Damit einher ging die konsequente Ablehnung sämtlicher idealistischer und romantischer Kunstformen. Somit fallen eigentlich wesentliche Merkmale der Lyrik weg. Dennoch hatten auch die Naturalisten den Willen, eigene lyrische Formen zu gestalten. Diese sollten einen Gegensatz bilden zu den in ihren Augen verlogenen, sentimentalen und süßlichen Formen populärer Lyrik, mit denen am Ende des 19. Jahrhunderts der Literaturmarkt überschwemmt wurde.

Arno Holz spricht von einer »Revolution der Lyrik«: Auf Reim und Versmaß wurde bewusst verzichtet. Stilbildend sind auch hier vielmehr der Rhythmus des Sekundenstils und die Verwendung von Umgangssprache und Dialekt. Berühmtheit erlangt der Gedichtzyklus »Phantasus« (1898/99) von Arno Holz.

Der neue Stil prägt auch die sogenannte Großstadtlyrik, die in der Epoche des Naturalismus entstand. Der stetige Zuzug in die Städte führte im 19. Jahrhundert zu massiven sozialen Problemen. Das Leben in der Großstadt ist zum einen Thema der Großstadtlyrik, zum anderen wird auch ihre Form davon beeinflusst (Rhythmus, fragmentarischer Stil, Sprache der unteren sozialen Schichten).