Die Epoche des Biedermeier

Als Biedermeier wird eine Epoche der deutschen Kulturgeschichte bezeichnet, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in zahlreichen Werken der Literatur, Musik, Bildenden Kunst, Mode und Architektur einem konservativen Lebensgefühl Ausdruck verliehen hat.

Wichtige Autoren des Biedermeier

Geschichtlicher Hintergrund

Eingebettet in die Zeitspanne zwischen dem Wiener Kongress (1815) und der bürgerlichen Revolution (1848), ist die Biedermeierzeit als ein künstlerisches Sprachrohr der Restauration zu verstehen. Hatten die vorangegangenen Jahrzehnte unter dem Eindruck der Französischen Revolution (1789) und der Napoleonischen Kriege gestanden, waren die Jahre des Biedermeier durch eine größere innen- und außenpolitische Stabilität geprägt. Zur Verteidigung dieser Ordnung griffen die wiedererstarkten deutschen Fürsten allerdings auch auf Maßnahmen der Unterdrückung zurück. Vor allem mithilfe der weitreichenden Karlsbader Beschlüsse (Verbot von Burschenschaften, umfangreiche Zensur, Kontrolle von Universitäten etc.) wurden die fortschrittlichen Ideen des Liberalismus konsequent bekämpft.

Für die Aussicht auf stabile Verhältnisse war ein Großteil der Bevölkerung jedoch gern bereit, auf politische und intellektuelle Freiheiten zu verzichten. Infolge der vielfach negativ bewerteten Auswüchse der Französischen Revolution war ein Verlust an politischen und gesellschaftlichen Visionen festzustellen. Im Biedermeier ist folglich eine Abwendung von der unübersichtlichen Welt zu konstatieren – stattdessen wird das kleine Glück in der privaten Idylle in den Vordergrund gerückt. Als zeitgleiche Gegenbewegung zum Biedermeier finden in dieser Zeit zudem das »Junge Deutschland« und der »Vormärz« als literarische Epochen Platz, deren Werke liberale beziehungsweise demokratische Gedanken transportieren.

Der Begriff Biedermeier

Der Epochenbegriff Biedermeier führt auf die spöttischen Gedichte von Ludwig Eichrodt und Adolf Kußmaul zurück, die in den »Fliegenden Blättern« die lyrischen Werke des fiktiven schwäbischen Dorfschullehrers Gottlieb Biedermeier zum Abdruck brachten. Wurde n die unbedarften und im wahrsten Sinne des Wortes biederen Verse des Lehrers zunächst dazu genutzt, um den gemeinen Spießbürger zu parodieren, stülpten die Zeitgenossen die Bezeichnung »Biedermeier« bald auch den als ähnlich kleingeistig belächelten Schriften anderer Autoren über.

War es im vergangenen Jahrhundert somit alles andere als ehrenhaft, der literarischen Epoche des Biedermeiers zugeordnet zu werden, hat sich der Blick auf die damalige Zeit mittlerweile gewandelt. Während die unbeholfenen Werke der für den schlechten Ruf des Biedermeiers verantwortlichen Autoren aus dem kleinbürgerlichen Milieu längst der Vergessenheit anheimgefallen sind, steuern die wichtigsten Vertreter des Biedermeier einen angemessen gewürdigten Anteil zur deutschen Literaturgeschichte bei.

Wesentliche Merkmale der Epoche

Den konfliktreichen Umwälzungen des 18. Jahrhunderts wurde im Biedermeier eine heile Welt der Ich-Bezogenheit gegenübergestellt. Als Ideale eines gelungenes Len Lebens gewinnen (vermeintliche) Tugenden wie Genügsamkeit und das Bändigen von für verwirrend gehaltenen Leidenschaften an Gewicht. Ebenso gilt das sich unterordnende Akzeptieren von politischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten sowie das bejahende Annehmen des eigenen Schicksals als sicherer Weg zum kleinen Glück: Folgerichtig sind viele Werke des Biedermeier von einer tiefen Religiosität (Pietismus) geprägt.

Mit ihrer auffälligen Naturverbundenheit greift diese Epoche zudem vereinzelt Motive der Romantik auf. Aufgrund dieser losen Verwandtschaft werden in den Werken des bedr bedeutendsten Autoren durchaus auch Themen wie Weltschmerz und Verzweiflung thematisiert. Die Literatur des Biedermeier geht somit schließlich doch weit über die Beschreibung eines idealisierten Welt hinaus – häufig schwelt unter der Oberfläche die Erkenntnis, dass auch der weitgehende Rückzug ins Private Wünsche, Leidenschaften und Neigungen nicht dauerhaft bändigen kann.

Lyrik im Biedermeier

In der Lyrik des Biedermeier wird solch hintergründigen Gedanken jedoch nur sparsam nachgegangen. Mit einem zumeist einfachen Versmaß und einem oftmals volksliedhaften Charakter ist die Gedichtform stattdessen dafür prädestiniert, den persönlichen Rückzug beziehungsweise individuelle Naturerfahrungen in den Vordergrund zu stellen. Die häufig vorkommenden Gedichtzyklen wenden sich zudem immer wieder der Religiosität und den damit verbundenen Themen (wie Entsagung, Vergänglichkeit, und Innerlichkeit) zu zu.

Ausgerechnet das lyrische Werk des vielleicht bekanntesten Autoren des Biedermeiers – Eduard Mörike – geht jedoch weit über dieses recht enge Korsett hinaus: Dennoch hat auch dieser mit seinem heutzutage vermutlich populärsten Gedicht »Er ist‘s« – der Literaturepoche entsprechend – dem anbrechenden Frühling ein Denkmal gesetzt. Neben Mörike sind zudem Annette von Droste-Hülshoff und Franz Grillparzer zu den herausragenden Lyrikern des Biedermeier zu zählen.

Epik im Biedermeier

Die Epik des Biedermeier war vornehmlich von knappen Abhandlungen mit einem geordneten einsträngigen Geschehen geprägt. Als typische Form sind hier deshalb vor allem Kurzgeschichten und Novellen zu finden. Mit dem Sittenbild einer westfälischen Dorfgemeinschaft steuert Droste-Hülshoff mit »Die Judenbuche« die wohl bekannteste Novelle zur Restaurationszeit bei: In diesem »Kriminalfall« sind der fehlende geistige Horizont und die Abwendung von der Welt schon allein durch die Enge des Milieus bedingt. Deutlich komplexer hat dagegen Jeremias Gotthelf die Novelle »Die Schwarze Spinne« konzipiert – auch hier wird die Behandlung moralisch-religiöse Fragen jedoch vor einem dörflichen Hintergrund durchgespielt. Als Verfasser von epochentypischen Romanen sind zudem Adalbert Stifter (»Nachsommer«) und Karl Immermann (»Die Epigonien«) zu nennen.

Dramen in der Biedermeierzeit

Aufgrund der regen Tätigkeit von Franz Grillparzer, Ferdinand Raimund und Johann Nestroy hat sich der Schwerpunkt der Dramatik auf Österreich konzentriert: . Auch am zumeist melancholisch und bisweilen gar düster anmutenden Werk dieses Trios zeigt sich jedoch einmal mehr, dass die Dramatiker einer literarischen Epoche oftmals nicht unmittelbar den Geschmack ihrer Zeitgenossen treffen. Zur Zeit des Biedermeier wurde nämlich keineswegs nur an den von den Fürsten protegierten Bühnen eher der leichten Kost der Vorzug gegeben. Der Besuch von unverfänglichen Komödien und etwas derberen Volkstheatern galt als ein bevorzugter schöngeistiger Zeitvertreib.