Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull

»Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull« ist ein unvollendet gebliebener Schelmenroman von Thomas Mann. 1922 wurde er erstmals veröffentlicht. Seine Hauptfigur ist der selbstverliebte Betrüger Felix Krull, der eine Doppelexistenz als Hotelangestellter und Dandy führt. Mit Charme und Listen gelingt ihm der Aufstieg in höchste gesellschaftliche Kreise.
Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull
Thomas Mann
Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull

Werkdaten

Titel
Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull
Vollständiger Titel
Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull. Der Memoiren erster Teil
Autor
Gattung/Textsorte
Erscheinungsjahr
1922
Originalsprache
Deutsch
Literarische Epoche oder Strömung

Inhaltsangabe

»Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull« ist ein unvollendet gebliebener Roman von Thomas Mann. Er erschien 1954 in seiner letzten Fassung. Die fiktive Autobiografie ist als Parodie des klassischen Bildungsromans angelegt. Sie schildert den Aufstieg des charismatischen Felix Krull. Dank seiner Schönheit, Eloquenz und Unverfrorenheit findet er Zugang zu höchsten gesellschaftlichen Kreisen. Handlungsorte sind der Rheingau, Frankfurt am Main, Paris und Lissabon. Erzählt wird, rückblickend aus der Perspektive der 40-jährigen Hauptfigur, die Zeit von Anfang der 1870er-Jahre bis etwa 1910.


Felix Krull wird zu Beginn der 1870er-Jahre als Sohn des Champagnerfabrikanten Engelbert Krull im Rheingau nahe Mainz geboren. Zusammen mit seiner Schwester Olympia wächst er wohlbehütet in einer Villa auf. Seine Eltern leben auf großem Fuß und sind für ihre Einladungen zu ausschweifenden Festen bekannt. Der Ruf der Familie ist beim redlichen Bürgertum des Ortes nicht der Beste – auch aufgrund des billig produzierten Champagners, der als Spitzenware verkauft wird.

Der hübsche und fantasievolle Felix fällt schon früh durch seine Freude an Rollenspielen und Kostümierungen auf. Gern sitzt er dem Kunstmaler Schimmelpreester, seinem Paten, Modell. Kleine Diebstähle im örtlichen Delikatessenladen belasten sein Gewissen ebensowenig wie sein talentiertes Vortäuschen von Krankheiten, um der Schule fernzubleiben. Die Oberrealschule verlässt er ohne Abschluss. Als er 16 ist, wird das Zimmermädchen Genovefa seine Geliebte. Bereits mit ihr entdeckt er seine »Begabung« als Liebhaber.

Um 1890 geht das Familienunternehmen bankrott und Engelbert Krull erschießt sich. Die Villa wird verkauft und der Lebensstandard der Familie sinkt dramatisch. Felix‘ Mutter eröffnet eine bescheidene Pension in Frankfurt am Main, wohin Felix sie begleitet. Am Abend durchstreift er die große Stadt, empfänglich für deren Pracht und die Verlockungen der Halbwelt. Durch das Herbeirufen von Wagen vor der Oper verdient er sich etwas Geld. Seine Schönheit fällt Frauen wie Männern auf. Zweideutige Angebote lehnt er ab, bis er der Prostituierten Rosza begegnet. Eine Zeit lang wird er ihr Zuhälter und lernt so alle Spielarten körperlicher Liebe kennen.

Durch Vortäuschung eines epileptischen Anfalls gelingt es Felix, vom Militärdienst befreit zu werden. So kann er nach Paris abreisen, wo ihm Schimmelpreester eine Anstellung in einem Grand Hotel verschafft. Felix überzeugt seine Arbeitgeber von Anfang an durch seine Gewandtheit. Die Schriftstellerin Madame Houpflé alias Diane Philibert, die er bei der Zollabfertigung an der Grenze bestohlen hatte, begegnet ihm als Hotelgast wieder und wird seine Geliebte. Das Geständnis seines Diebstahls erregt sie sexuell, und sie fordert ihn auf, ihr weitere Schmuckstücke zu »stehlen«. Vom Hilfskoch Stanko erhält Felix die Adresse eines Hehlers, der ihm eine große Summe für die Juwelen zahlt. In seiner Freizeit führt er nun eine luxuriöse Parallelexistenz, bleibt aber seiner Hotelanstellung treu.

Schnell steigt Felix vom Liftboy zum Kellner auf. Auch im Speisesaal kann er sich romantischer Avancen schwer erwehren. Die 17-jährige Tochter eines Industriellen verliebt sich ebenso rettungslos in ihn wie ein 50-jähriger schottischer Lord, der ihm eine Privatanstellung anbietet und sogar Adoption in Aussicht stellt. Doch Felix widersteht allen Annäherungsversuchen und folgt seinen eigenen Aufstiegsplänen.

Ein neues Kapitel beginnt für ihn, als er den etwa gleichaltrigen Marquis de Venosta und dessen große Liebe Zaza kennenlernt. Venostas Familie lehnt die Sängerin ab und will den Marquis auf eine Auslandsreise schicken, um die beiden zu trennen. Venosta schlägt Felix vor, an seiner Stelle die Reise anzutreten. Er selbst könne so mit Zaza in Paris bleiben. Bei den Vorgesprächen zu diesem Plan erweist Felix sich als raffiniert und ausgebufft. Anders als der naive Venosta erkennt Felix alle Fallstricke, die den Rollentausch auffliegen lassen könnten. Erst nachdem alles minutiös durchgespielt worden ist, von den Zahlungsmitteln über die Briefe an die Eltern bis hin zur gefälschten Unterschrift, tritt Felix als falscher Marquis die Reise an.

Im Zug nach Lissabon lernt er den Paläontologen Professor Kuckuck kennen. Kuckuck ist Direktor des Naturhistorischen Museums Lissabon. Er vertieft sich mit Felix in eine Unterhaltung über den Ursprung lebender Organismen auf der Erde und die Entwicklung bis zum Erscheinen der menschlichen Spezies. Das Gespräch wendet sich schließlich philosophischen Fragen um das Sein und das Nichts zu. 

In Lissabon bezieht Felix eine prachtvolle Hotelsuite. Bei einem Spaziergang lernt er durch Zufall Kuckucks Mitarbeiter Dom Miguel Hurtado sowie Kuckucks Tochter Suzanna, genannt Zouzou, und Kuckucks Frau Maria Pia kennen. Mutter und Tochter gefallen ihm gleichermaßen, auch wenn ihm die Mutter mit Kühle, die Tochter mit selbstbewusster Sachlichkeit begegnet. Er wird zum gern gesehenen Gast im Hause des Professors. Einmal lässt er sich von diesem durch das Naturkundemuseum führen, ein Rundgang, der ihn nachhaltig beeindruckt.

Von den Abendveranstaltungen und gesellschaftlichen Anlässen, die er in seiner Rolle als Marquis wahrnimmt, berichtet er seinen »Eltern« in ausführlichen Briefen. Er erhält sogar eine Audienz beim König. Die Mutter des Marquis antwortet ihm stolz und freudig. Allerdings äußert sie Verwunderung über die Eloquenz und gesellschaftliche Gewandtheit ihres Sohnes, den sie bisher nicht wahrgenommen hatte.

Als Felix ein lang ersehntes Stelldichein mit Zouzou an einem versteckten Gartenplatz herbeiführen kann und sie stürmisch küsst, werden die beiden von Zouzous Mutter überrascht. Diese zeigt sich streng, schickt ihre Tochter auf ihr Zimmer und verlangt von Felix eine Unterredung im Haus. Das vermeintlich ernste Gespräch hinter verschlossenen Türen erweist sich jedoch als Verführungsspiel. Bereitwillig sinkt Felix nun auch in die Arme der Mutter.

Veröffentlicht am 30. September 2021. Zuletzt aktualisiert am 25. Oktober 2021.

Autor des Werkes

Thomas Mann
Deutscher Schriftsteller und Nobelpreisträger von 1929
Thomas Mann (1875–1955) war der bedeutendste Epiker deutscher Sprache des 20. Jahrhunderts. Sein Gesamtwerk umfasst 12 Romane, über 30 Erzählungen, zwei Bühnenstücke, rund 30 Essays sowie ein knappes Dutzend autobiografische Schriften. Für den Roman »Buddenbrooks. Verfall einer Familie« wurde der…

Aufbau und Struktur

Der Roman gliedert sich in drei große Abschnitte. Sie orientieren sich an den äußeren Lebensstationen von Felix Krull, die in chronologischer Reihenfolge erzählt werden.

  • Erstes Buch (neun Kapitel): Kindheit und Jugend im Rheingau, endet mit Bankrott des Familienunternehmens und Selbstmord des Vaters
  • Zweites Buch (neun Kapitel): Umzug nach Frankfurt am Main, von dort Fortgang nach Paris, erste Abenteuer (Madame Houpflé) und Aufbau finanzieller Rücklagen durch Diebstahl
  • Drittes Buch (elf Kapitel): Aufstieg im Hotel, Bekanntschaft mit Marquis de Venosta, Rollentausch und Reiseantritt, Erlebnisse in Lissabon

Charakterisierung und Interpretation der Hauptfigur

Der Protagonist Felix Krull ist im Roman der Mann, um den sich alles dreht: sowohl in seiner inneren Wahrnehmung der eigenen Person als auch in der formalen Gestaltung seiner Autobiografie, die seine Selbstbezogenheit spiegelt.

Neben den langen und ausführlichen Reflexionen über sich selbst und seine Einstellung zum Leben, die den Roman durchziehen, fallen die Beschreibungen anderer Figuren und ihrer Sichtweisen relativ kurz aus. Während große literarische Lebensrückblicke sich durch distanzierte Selbstreflexion und zumindest teilweises Infragestellen der eigenen Handlungen auszeichnen, findet man bei Felix Krull nur eitle Selbstbespiegelung. Dass diese in Gestalt eleganter, bisweilen sogar poetischer Sprache daherkommt, macht das Raffinement der Darstellung aus. Diese Ironie ist ein charakteristisches Stilmerkmal im Werk Thomas Manns. Beispiele:

»Jedenfalls konnte mir nicht verborgen bleiben, daß ich aus edlerem Stoffe gebildet oder wie man zu sagen pflegt, aus feinerem Holz geschnitzt war als meinesgleichen, und ich fürchte dabei durchaus nicht den Vorwurf der Selbstgefälligkeit.«

S. 18

»Mit diesen ausgesuchten Worten schmeichle ich mir, meine Gedanken so vollkommen wie möglich zum Ausdruck gebracht zu haben.«

S. 78

»Ich war mir kostbar und liebte mich – auf jene gesellschaftlich nur ersprießliche Art, welche die Liebe zu sich selbst als Liebenswürdigkeit gegen andere nach außen schlagen läßt.

S. 292

Auf eigenartige Weise vereinen sich in Felix Krulls Charakter Begabung, ästhetischer Geschmack und Sensibilität – etwa seine Liebe zur Musik und zum Theater, seine besonderen Sprachfähigkeiten und seine erotische Empfänglichkeit – mit materiellen Interessen, Oberflächlichkeit und einer gewissen Gefühlskälte. Bei aller Fantasie, bei allem Hang zum Schwärmen und Träumen, die Felix eigen sind, wird zugleich immer wieder seine ausgeprägte Überlebensfähigkeit demonstriert. In schwierigen Situationen erweist er sich als erfindungsreich, äußerst resilient und egoistisch. Seine Talente sind vor allem mimetischer Art. So kann er sich in viele Sprachen leicht einfinden und eine einfache Konversation auf Englisch, Französisch oder Italienisch führen; tieferer Kenntnisse, gar wissenschaftlicher Fähigkeiten, bedarf es dazu nicht. Auf ihn passt daher, was der Marquis de Venosta über den Gentleman bemerkt:

»Gelehrsamkeit, aufdringliche zumal, ist nicht Sache des Gentleman, das hat er vom Edelmann. Es ist eine gute Überlieferung aus Zeiten, wo der Mann von Adel nur anständig zu Pferde zu sitzen brauchte und sonst überhaupt nichts lernte, schon gleich nicht Lesen und Schreiben. Die Bücher überließ er den Pfaffen.«

S. 272

Selbstironie und Herzensbildung als Kennzeichen des wahren Gentleman gehen Felix allerdings ab. Doch sogar diese Eigenschaften kann er täuschend echt vorgeben, etwa wenn er einer 17-Jährigen ihre Verliebtheit mit sanften Worten auszureden versucht:

»Ich habe Ihnen doch so herzlich vor Augen gehalten, wie unnatürlich es ist für die Tochter eines durch Reichtum hochgestellten Elternpaars wie Mr. und Mrs. Twentyman, sich in den ersten besten Kellnerburschen zu verlieben. Es ist die reine Verirrung, und sollte sie auch Ihrer Natur und Anlage entsprechen, so müssen Sie sie doch um des gesellschaftlichen Naturgesetzes und der guten Sitte willen überwinden.«

S. 253

Zwar sieht er sich durchaus als Künstler im Metier der Hochstapelei, muss aber für seine Kunst niemals materielle Interessen hintanstellen. Es liegt eben gerade im Wesen dieses »Fachs«, ökonomischen Interessen zu dienen. So profan würde Felix Krull es allerdings nicht ausdrücken; Schönfärberei betreibt er auch vor sich selbst. So sagt er anlässlich eines Zirkusbesuchs:

»Nicht vom circensischen Fach (…) konnte ich mich fühlen, aber vom Fache im allgemeineren, vom Fach der Wirkung, der Menschenbeglückung und -bezauberung.«

S. 228

In Wahrheit ist Felix bodenständig, gewinnorientiert und der bürgerlichen Welt weit näher, als er vorgibt. Ausgiebig ergeht er sich in Schilderungen verschiedener Interieurs und Garderoben. Mit Farben, Materialien und Texturen kennt er sich bestens aus. Auch detaillierte Beschreibungen von Buffets, Speisefolgen und Getränken gehören zu seinen Lieblingsthemen. Als er durch den Verkauf des gestohlenen Schmucks plötzlich zu Geld kommt, gibt er keineswegs die Anstellung im Hotel auf, sondern führt lieber eine »Doppelexistenz«. Er weiß sehr genau, dass der Wohlstand andernfalls von kurzer Dauer sein könnte. Das erworbene Geld spart er zum Teil, zum Teil »reinvestiert« er es in sein Geschäft der Hochstapelei, indem er es für teure Kleidung ausgibt.

Weitere Personen

Engelbert Krull

  • Vater von Felix Krull
  • Gaunerischer Champagnerhersteller
  • Verkauft seinen billig produzierten Fusel unter wohlklingendem Namen und glanzvoller Aufmachung
  • Leichtlebig, liebt die Halbwelt und das Vergnügen
  • Hat sich ein paar Verhaltensweisen der »höheren Gesellschaft« abgeguckt, flicht zum Beispiel französische Brocken in seine Unterhaltungen ein
  • Betrügt seine Ehefrau
  • Erschießt sich, als seine Firma Bankrott macht

Schimmelpreester

  • Pate von Felix Krull
  • Zugleich Karikatur eines Paten, da er Krull nicht auf einen christlichen, sondern auf einen gaunerhaften Lebensweg vorbereitet
  • Kunstmaler von mittelmäßiger Begabung
  • Hochstapler, der sich den Professorentitel angemaßt hat
  • Hilft Felix durch seine Bekanntschaft mit Hoteldirektor Stürzli, eine Anstellung zu bekommen

Marquis Louis de Venosta

  • Junger Adeliger in Felix’ Alter
  • Von durchschnittlichem Äußeren und mittelmäßiger Begabung
  • Studiert an der Kunstakademie und dilettiert im Zeichnen
  • Gegenpol zu Felix: Sein Lebensentwurf ist durch Abstammung festgelegt
  • Ist im Einklang mit seiner gesellschaftlichen Rolle
  • Liebt die Soubrette Zaza
  • Schlägt Felix einen Rollentausch vor, um Zaza nicht aufgeben zu müssen
  • Naiv im Hinblick auf die Umsetzung dieses Plans

Professor Kuckuck

  • Direktor des Naturhistorischen Museums Lissabon
  • Paläontologe (erforscht Lebewesen vergangener Erdzeitalter)
  • Begeisterter Wissenschaftler, der in seinem Fach aufgeht
  • Hat tiefe Einblicke in die Natur von Welt und Menschen
  • Betrachtet das Leben als beständigen Wandel und das Auftauchen des Menschen als bloße erdgeschichtliche Episode
  • Rechtfertigt implizit Felix‘ Lebensweise durch seine Anschauungen

Weitere Interpretationsansätze

Mythologische Bezüge: Narziss und Hermes

Moderne Psychologie würde Felix Krull vielleicht als »narzisstisch« einstufen. Pathologischer Narzissmus geht einher mit einem schwachen Selbstwert, der von vordergründigem Charme, manipulativen Fähigkeiten, Verführungskunst und Machtspielen verdeckt wird. Der Narzisst ist unfähig zur Empathie und ahmt stattdessen den Gefühlsausdruck nach, dessen Darstellung er sich durch scharfe Beobachtung empathischer Menschen angeeignet hat. Fehlende Selbstkritik und fehlende Einsicht in eigene Schwächen gehen mit diesem Krankheitsbild einher, weshalb Betroffene auch als besonders »therapieresistent« gelten. Voraussetzung für die Entscheidung zur Therapie ist schließlich die Anerkennung eines bestehenden Problems – und der Narzisst hält sich für zu großartig, um Probleme zu haben.

Der Begriff des »Narzissmus« basiert auf dem antiken griechischen Mythos des schönen Jünglings Narziss. Ovid schildert in den »Metamorphosen«, wie Narziss von zahlreichen Wesen, darunter der Nymphe Echo, begehrt wird. Doch er erhört keinen der Liebenden. Im Roman zieht der Marquis de Venosta die Parallele zu Narziss, indem er Felix fragt: »Haben Sie jemals leidenschaftlich geliebt?« und selbst die Antwort gibt: »Dass Sie in Liebesdingen Bescheid wissen, glaube ich ohne Ihre Versicherung. Und doch scheinen Sie mir der Typ, der mehr geliebt wird, als dass er selbst liebte.« (S. 274) Im Mythos ruft schließlich einer der unglücklich Verliebten verzweifelt aus, Narziss möge selbst einmal ohne jede Aussicht auf Erwiderung lieben. Die Rachegöttin Nemesis erfüllt diesen Wunsch und lässt Narziss an einer Quelle sein eigenes Spiegelbild im Wasser erblicken. Unfähig zu erkennen, dass es sich um das Abbild seiner selbst handelt, verliebt er sich. Er will sich der schönen Gestalt nähern, doch obwohl sie seine Gesten nachahmend erwidert, bleibt sie unerreichbar. Narziss stirbt schließlich aus unerfüllter Sehnsucht.

Diese tragische Dimension freilich geht Felix Krull ab. Heiterer und dadurch enger mit ihm verwandt ist die mythologische Gestalt des Hermes, auf die an vielen Stellen des Romans Bezug genommen wird. Der griechische Götterbote mit den geflügelten Schuhen steht für Kommunikation, Austausch und Sprache. Er ist der große Vermittler zwischen Himmel und Erde, zwischen Göttern und Menschen. Wie Felix ist er schnell, scharfsinnig und zur Nachahmung begabt; wie er darf er sich keine Gefühlstiefe erlauben und ist zur Neutralität verpflichtet, um seine Mission zu erfüllen. Und last but not least hat auch Hermes ein ambivalentes Verhältnis zum Besitz: Er ist nicht nur der Gott der Kaufleute und Händler, sondern auch jener der Diebe und Betrüger. Darum ist es von besonderer Ironie, dass Felix Krull sich ausgerechnet zu Hermes einige Fakten merkt, um sich als Kenner antiker Mythologie darzustellen. In Wahrheit kennt er darüber hinaus gar nichts – doch wer hakt schon nach, zumal bei oberflächlichem Small Talk? So betrügt er seine Gesprächspartner mithilfe des Gottes der Betrüger.

Parodie des Bildungsromans und klassischer Bekenntnisse

Thomas Mann wollte mit den »Bekenntnissen des Hochstaplers Felix Krull« eine ironische Reminiszenz an Goethes Autobiografie »Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit« schaffen. Ein erster Hinweis darauf: Felix wächst im Rheingau auf, einem Landstrich, dem Goethe eng verbunden war, und zieht später in Goethes Geburtsstadt Frankfurt am Main.

Im Unterschied zum klassischen Vorbild sind Krulls Erinnerungen jedoch voller Eitelkeit und frei von differenziertem Urteil oder gar Reue in der Rückschau. Im Gegenteil: Felix Krull entwickelt sich nicht im Laufe der Handlung, sondern bleibt in seiner Selbstzufriedenheit und Vorteilssuche stets derselbe. Weder die Erfahrung des Familienbankrotts, noch der Selbstmord des Vaters oder der Aufbruch in die »große Welt« von Paris und Lissabon vermögen ihn im Kern zu verändern. So parodieren seine Bekenntnisse das Genre des Bildungsromans, das von innerer Entwicklung und charakterlicher Veränderung der Hauptfigur gekennzeichnet ist.

»Felix Krull« als Schelmenroman

Eine weniger strenge Betrachtungsweise ordnet das Werk dem Genre des Schelmen- oder Picaroromans zu. In diesem Zusammenhang kann die Hauptfigur mit mehr Nachsicht betrachtet werden: Sie erscheint als listenreiche Person, die der Oberschicht einen Spiegel vorhält und den Angehörigen der »upper class« nur das gibt, was diese verdienen. Felix entlarvt mit Witz und Fantasie die Schwächen seiner Mitmenschen. Sein Aufstieg wird nur durch ihre eigene Eitelkeit und ihre Blindheit gegenüber sozialen und ökonomischen Verwerfungen ermöglicht. Kritisiert wird also die Verlogenheit der Welt, nicht der Gauner, der diese Verlogenheit offenbart. Er ist im Gegenteil ein liebenswerter Schelm, mit dem man als Leser sympathisiert.

Entstehungsgeschichte

Inspiriert durch die Lebensgeschichte des rumänischen Hochstaplers und Heiratsschwindlers Georges Manolescu (1871–1908), beschäftigte sich Thomas Mann seit etwa 1905 mit den Vorarbeiten und Recherchen zu »Felix Krull«. Der Titelzusatz »Der Memoiren erster Teil« weist darauf hin, dass das Werk unvollendet geblieben ist.

Zwei unterschiedlich ausgestattete Ausgaben der ersten Fassung erschienen in den Jahren 1922 und 1923, gefolgt von einer erweiterten Fassung 1937. Erst nach seiner Rückkehr aus dem Exil in den 1950er-Jahren nahm Thomas Mann erneut die Arbeit an dem Roman auf, doch es blieb bei einem ersten Teil, der 1954 endgültig abgeschlossen wurde.

Verfilmungen

Die erste Verfilmung des Romans entstand 1957. Kurt Hoffmann führte Regie, in der Hauptrolle war Horst Buchholz zu sehen, Zaza wurde von Lieselotte Pulver gespielt. Susi Nicoletti verkörperte Madame Houpflé, Paul Dahlke den Professor Kuckuck.

1982 schuf Regisseur Bernhard Sinkel eine fünfteilige Fernsehverfilmung mit John Moulder-Brown in der Hauptrolle und u. a. Klaus Schwarzkopf und Mareike Carrière in weiteren Rollen.

Die aktuellste filmische Umsetzung (2021) des Stoffes stammt aus der Regiewerkstatt von Detlev Buck. Die Hauptrolle wird von Jannis Niewöhner verkörpert. In weiteren Rollen sind u. a. Maria Furtwängler, Liv Lisa Fries und Joachim Król zu sehen. Nach Meinung vieler Filmkritiker handelt es sich trotz Daniel Kehlmanns Mitarbeit am Drehbuch um eine sehr flache Aneignung des literarischen Stoffes. Der Versuch, aus der schillernden Hauptfigur einen liebenden Jüngling zu machen, der um seine Angebetete kämpfen muss, kehrt die Ironie der Vorlage völlig unter den Teppich und macht den Kinofilm zu einer einfallslosen, eindimensionalen Romanze.

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